Tragikomik in der Provinz

Zu Dietmar Sous’ neuem Roman San Tropez

Schon wieder Provinz! Ich höre mich geradezu innerlich aufschreien und verzweifelt fragen, woran es wohl liegen mag, dass mir nach Sven Heucherts Dunkels Gesetz, das für nicht wenige zu Recht die Höhen der Krimi-Charts erklimmt, in dem stetig anwachsenden Stapel ungelesener Bücher mit San Tropez von Dietmar Sous erneut ein Buch unter die Augen gekommen ist, das –  ja, trotz des in eine andere Richtung weisenden Titels – in der Provinz spielt?

Ob es damit zusammenhängt, dass ich selber aus einer solchen komme?

Wie auch immer, wie schon zuvor in seinem ebenfalls im Transit Buchverlag erschienenen Roman Roxy siedelt der 1954 im rheinischen Stolberg geborene Autor seine Geschichte einmal mehr dort an, wo er sich perfekt auskennt: im kleinstädtischen Milieu am Rande der großen Welt.

Hier begegnen wir Anfang der 1980er Jahre den Schulfreunden Mitch, einem schon in jungen Jahren liebenswerten Hochstapler, dem gediegen-seriösen Benz mit liebesleidender Mutter als Familienoberhaupt, und dem Ich-Erzähler Kalle. Dazu gesellen sich Frisör, der hauptberuflich zwar einem anderen ehrbaren Handwerk nachgeht, aber wegen seiner Leidenschaft fürs Schneiden anderer Menschen Haare kaum anders als Frisör genannt werden kann, und der bullige Metzgersohn Otto, ein Rollerfahrer mit Hang zu Devotionalien aus dem 2. Weltkrieg und der Angewohnheit, jegliche Art von Vereinbarung mit Blut unterzeichnet sehen zu wollen.

Gemeinsam ist den fünfen, dass sie im Keller von Mutter Benzens Wohnhaus dem Hippietum abschwören und sich (Frisör schneidet die Haare – Otto schreibt den Vertrag) dem Punk verschreiben – ja, sie gründen sogar eine Punkband mit Ottos Akkordeon als besonderer Note, die auf dem schon bald anstehenden Schulfest einen erster Auftritt zu absolvieren hat.

Das hat schon einen sehr hohen unterhaltenden, treffsicheren Charme, wie Dietmar Sous uns von dieser Provinzrevolte erzählt, von den Leidenschaften und bieder-ernsten Verklemmungen mancher ihrer Protagonisten, von Liebe, Eifersucht und, ja, leider auch von Verrat.

Das Bild jener Zeit mit ihren spezifischen Arten der Jugendkultur und neben- und gegeneinander stehenden Musikrichtungen gewinnt dabei durch die dramaturgische Anlage des Romans zusätzliche Kontur und vor allem Spannung: 35 Jahre später treffen dieselben Männer erneut zusammen – Mitch, eigens aus London eingeflogen, wie er beteuert, überredet die Runde, sich mit ihrer ehemaligen Band für den von einem Fernsehsender ausgeschriebenen, hoch dotierten Golden-Oldie-Ü50-Contest zu bewerben.

Doch was ist inzwischen aus den Männern geworden, die sich einmal (auf Wunsch des Genannten) „Mitch and The Lazenbys“ nannten? Frisör, solo, ist Alkoholiker, Kalle, der Ich-Erzähler, Trainer einer xten-Liga-Fußballmannschaft, doch auch den Job hat er soeben verloren, ist aber mit Helen verheiratet, die einmal Ottos Freundin war; Benz, verheiratet mit Sylvia, auf die ganz früh einmal auch Kalle ein Auge geworfen hatte, hat im Schulwesen normale Karriere gemacht und den Probenraum im Keller des mütterlichen Hauses, das er nun mit Frau und Kind bewohnt, in eine Saunalandschaft verwandelt – und Mitch, selbsternannter Liebling der Frauen, nun, er will es in England zu einem Mode- und Designerstar gebracht haben, sein Unternehmen ist aber vor der Öffentlichkeit derart abgeschirmt, dass man sich nicht sicher sein kann, ob seine Angaben auch wirklich stimmen. Und Otto schließlich, der ist gar nicht mehr dabei, aber warum dem so ist, kann hier im Detail natürlich nicht gesagt werden – nur dass die Gründe noch in die Zeit von vor 35 Jahren fallen – und dass auch Mitch später noch in gewisser Weise darunter zu leiden haben wird.

Sein Akkordeon fehlt natürlich beim Comeback – doch Yllka, eine albanische Sexarbeiterin, die für dieses Instrument das Diplom einer Musikhochschule besitzt und Kalle aus welchen Gründen auch immer sehr zugetan ist, ist mehr als nur ein Ersatz.

Und so nimmt das Leben dieser – gemessen an ihren früheren Träumen – liebenswerten Loser und halb-gescheiterten Existenzen noch einmal Fahrt auf. Voller Komik, die einen innerlich lachen und äußerlich schmunzeln macht, voller Tragik, die einen rührt. Darauf versteht sich Dietmar Sous!

Ach ja, noch kurz zum Titel des Romans: San Tropez steht hierin nicht nur für ein Musikstück von Pink Floyd und ein ersehntes Reiseziel – nein, es ist auch das Codewort für eine Dogge, die im Umgang mit Yllkas Zuhältern eine nicht unbedeutende Rolle spielt! Mehr sei hier nicht verraten – lest, lesen Sie einfach selber! Ich für meinen Teil wünsche dabei gute Unterhaltung!

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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