Altglück in Düsternis

Sven Heucherts Roman-Debüt Dunkels Gesetz

Foto Wolfgang Schiffer

Vorweg – die Wiederaufnahme des Schreibens in meinem Blog hatte ich mir etwas anders vorgestellt: Ich hatte gehofft, mit zahlreichen Leseeindrücken und nachvollziehbaren Notizen dazu aus meiner Auszeit zurückzukehren, doch die privaten Gründe, die mich zu dieser Auszeit angehalten hatten, haben selbst dies nicht zugelassen, sie haben alle mir gesetzten Lektüreziele obsolet gemacht. Ungelesen blieben so u. a. Einar Kárasons große Isländer-Saga Die Sturlungen oder Alexi Zentners Die Hummerkönige, ungehört blieb das Debütalbum des isländischen Komponisten und Sounddesigners GlerAkur The Mountains Are Beautiful Now, eine Komposition, die ursprünglich für die 2015 entstandene Aufführung von Jóhann Sigurjónssons Drama Fjalla-Eyvindur & Halla, des Dramas um den Geächteten Eyvindur und seine Frau – ja, selbst die kleine Novelle Karl und Manci von Mala Laser, über die ich allein schon wegen des von mir geschätzten Engagements von Jörg Mielczarek und seines neu gegründeten Verlags Fünf.Zwei.Vier.Neun. für die Literatur der Weimar Republik und der in Vergessenheit geratenen Autorinnen und Autoren oder Werke aus dieser Zeit berichten will, konnte nicht die hierzu angemessene Aufmerksamkeit erfahren.

Gelesen habe ich, wie so häufig, wenn ich glaube, mich entspannen zu müssen, allein – einen Kriminalroman: Dunkels Gesetz von Sven Heuchert.

Es lag nahe, dass ich mir diesen ins Gepäck genommen hatte, war mir doch einige Wochen zuvor noch das Vergnügen zuteil geworden, Sven Heucherts Story Könige von Nichts, die im nächsten Jahr in seinem – nach dem 2015 im Bernstein Verlag erschienenen Band Asche – zweiten Shortstory-Band erscheinen soll, meine Stimme zu geben. Die erhoffte Entspannung jedoch, das sage ich hier im durchaus positiven Sinne, blieb allerdings aus – dazu war der Roman dann doch zu fordernd, als dass ich ihn leicht hätte „weglesen“ können.

Dunkels Gesetz, erschienen im Ullstein Verlag, ist Sven Heucherts Debüt als Romanautor. Schon der Titel – er leitet sich von der Hauptfigur ab, einem Ex-Söldner namens Richard Dunkel – zeigt an, dass es wohl alles andere als heiter zugehen wird, und die Einordnung in die Tradition des Noir tut ihr Übriges.

Die Geschichte ist schnell umrissen: Dunkel, seit seiner aktiven Zeit als Söldner im Tschad und anderswo von Traumata und schlechtem Gewissen gequält, lässt sich von einer Chemiefirma zu einem Job als Security-Mann in einer stillgelegten Grube nahe dem Kaff Altglück an der belgischen Grenze anheuern, in der vor nicht allzu langer Zeit ein Junge ums Leben gekommen war – war es ein Unfall oder Mord, man weiß es nicht.
Im Nachbardorf mit dem Namen Neuglück betreibt Achim, dessen Familie hier in der Gegend mal einen großen Besitz ihr Eigen nannte, eine Tankstelle mit kleiner Werkstatt und träumt vom sozialen Aufstieg, von Glück und Geld. Um dahin zu kommen lässt er sich zusammen mit zwei ehemaligen Knastbrüdern, dem brutalen Haller und dem eher etwas tumben Behrentz, mit rumänischen Drogenhändlern ein und versucht Falco, einen perfiden Ganoven und Bordellbetreiber, als Partner für das Geschäft zu gewinnen. Und schließlich ist da noch Achims Geliebte, eine namenlose Prostituierte, die er zusammen mit ihrer Tochter Marie bei sich aufgenommen hat – nicht ohne Hintergedanken natürlich, denn während sie seine brutalen Demütigungen ertragen und für ein wenig Stoff auch schon mal mit einen Blow-Job bei einem seiner Kumpel bezahlen muss, arbeitet Marie zwar noch in der Tankstelle – der für die nahe Zukunft vorgesehene „Arbeitsplatz“ jedoch ist ebenfalls das Bordell oder der Strich.

Bitterböse und finster ist diese Konstellation, in der trotz des deprimierenden Grundtons für kurze Zeit allerdings auch immer wieder ein wenig Licht aufscheinen kann – in Erinnerungen, in Naturbeschreibungen vor allem – den zwangsläufigen Weg in eine Katastrophe jedoch vermag nichts aufzuhalten.

Sven Heuchert erzählt dies in klarer, auf das Notwendige reduzierter, gelegentlich auch dem einschlägigen Slang entlehnter Sprache; er bewertet seine Figuren und ihr Handeln nicht, er zeigt die Charaktere so, wie sie sind in ihrer Hilflosigkeit, Verletztheit, Ausweglosigkeit und Brutalität – und auch das Brutale selbst, die physische Gewalt, und davon gibt es reichlich in Dunkels Gesetz, wird nie zum Selbstzweck, ist stets zurückgenommen, geschieht quasi im Off.

Ich bin mir sicher, dass nicht alle Leserinnen und Leser des Romans meine Meinung teilen. Manche mögen sogar richtiggehend enttäuscht von ihm sein, ja, ich gestehe, dass auch ich mich zu Anfang etwas schwer tat, in ihn hinein zu finden. Doch dann strich ich für mich einfach eine Einordnung, die das Cover vornimmt und wohl Erwartungen auslöst, die dieser Roman jedenfalls im herkömmlichen Sinne so nicht erfüllt, ja, ganz offensichtlich nicht erfüllen will. Und genau dies gab mir plötzlich den Schlüssel an die Hand, machte und macht Dunkels Gesetz für mich zu einem wirklich beachtenswerten Debüt: Dunkels Gesetz ist kein Kriminalromaner ist nicht mehr und nicht weniger als das Spiegelbild einer kaputten, von gescheiterten Existenzen bewohnten Provinzgesellschaft, in der es niemanden verwundern kann, dass es den Suff darin gibt und die Prostitution und Drogen und Kriminelles und, ja, in der natürlich auch Verbrechen passieren. Wer den Roman so liest und weniger auf eine raffiniert konstruierte Kriminalhandlung oder gar eine kathartische Auflösung hofft, der wird daran, da bin ich  mir sicher, ein großes Vergnügen finden.

 

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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4 Antworten zu Altglück in Düsternis

  1. Kaffeehaussitzer schreibt:

    Schöner Text! Trifft das Buch ziemlich gut.
    Beste Grüße
    Uwe

  2. Pingback: You want it darker. Über „Dunkels Gesetz“ von Sven Heuchert | Frank O. Rudkoffsky

  3. Pingback: Tragikomik in der Provinz | Wortspiele: Ein literarischer Blog

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