Immerhin Meer… (Teil 1)

Sola und Bannalec: Zwei sommerliche Neuerscheinungen

Die friesich-herbe Nordsee © Wolfgang Schiffer

Die friesich-herbe Nordsee © Wolfgang Schiffer

Nein, ich habe meine beiden letzten Frankreich-Krimis, beide als Taschenbuch erschienen im Kiepenheuer & Witsch Verlag, nicht an den Orten ihres Geschehens gelesen – weder Yann Solas Tödlicher Tramontane an der Côte Vermeille kurz vor der Grenze zu Spanien, noch Jean-Luc Bannalecs Bretonische Flut an der äußersten Westküste der Bretagne und auf ihren vorgelagerten Inseln – ich habe sie, offen gesagt, nicht mal in Frankreich gelesen, sondern – siehe oben – an der Nordseeküste.

Dem ungeachtet will ich heute kurz über meine Urlaubslektüre berichten und zwar zunächst über den zuerst gelesenen Kriminalroman, Teil 2 folgt dann (so meine anderen Arbeiten es zulassen) in einigen Tagen.

Lesen in der Abendstimmung des glühenden Watts © Wolfgang Schiffer

Lesen in der Abendstimmung des glühenden Watts © Wolfgang Schiffer

Vielleicht lag es am ausgesprochen friesich-herben Klima, das zu der Zeit meiner Lektüre an der deutschen Küste herrschte, dass ich mit Yann Solas erstem Roman um den Restaurantbesitzer und Hobbydetektiv Perez nicht recht „warm“ werden wollte. Der titelgebende Tramontane, ein zwar trockener, aber doch auch eher kalter Fallwind jedenfalls kann nicht der Grund gewesen sein, denn von ihm heißt es zwar, dass er nicht zuletzt auch in dem kleinen Fischerdorf Banyuls-sur-Mer, dem zentralen Ort des Geschehens, die Menschen nervös und unruhig mache (und damit womöglich auch zu Fehleinschätzungen verleite…), aber ja wohl kaum mich im entfernten hohen Norden.

Wenn ich sodann noch konstatieren muss, dass dem Autor das Personal, das er für seine von Bauspekulationen, Gier und Korruption geprägte Geschichte ins Spiel bringt, eigentlich ganz gut gelungen ist, allem voran der dickbäuchige Genussmensch und Delikatessenhändler Perez selbst, der seine Geschäfte mit den Honoratioren des Städtchens geschickt mit einem Restaurant zu tarnen weiß, im Grunde genommen jedoch auf Art alter Schmuggler und heutiger Kleinganoven betreibt – aber auch manch weitere Akteure wie Perez´ Koch und Freund, der traumatisierte Flüchtling Haziem, oder seine im Ort ansässige deutsche Freundin Marianne und ihre spätpubertierende Tochter – so frage ich mich, woran es liegt.

Bin ich womöglich etwas ungerecht, weil ich der Meinung bin, dass es schon ausreichend französische Regionalkrimis gibt? Ich hoffe, dass nicht…

Yann Sola

Natürlich ist meine Erwartung an eine weitere Variante in Frankreich spielender Kriminalromane dieser Art besonders hoch. Da muss einfach vieles wirklich stimmen – der Plot, die Atmosphäre, die Spannung und so weiter – und da scheint mir im vorliegenden Fall, bei aller Sympathie vor allem für die halbseidene Ermittlerfigur, nach meinem Krimi-Geschmack doch Einiges im Argen zu liegen.

Zu diffus jedenfalls ist mir das Bild um die Pläne einer Gruppe von ausländischen, bald als Schweden identifizierten Investoren geblieben, die im Verbund mit örtlichen Würdenträgern und Bauunternehmern den gemütlichen Hafen von Banyuls-sur-Mer ausbauen und somit den Ort und die weitere Umgebung in eine Touristen-Hochburg hoch boomen wollen, zu verworren und teils auch redundant scheinen mir bisweilen die Handlungsabläufe zu sein, zu unmotiviert so manche Aktionen von Personen, den bösen wie den guten, mit denen die einen ihre kriminellen Ziele durchsetzen, die anderen diese verhindern wollen. Und trotz der deutlichen Signale für Machtkämpfe und Machtmissbrauch, trotz einer explodierenden Yacht, einer offensichtlich nicht freiwillig verschwundenen Freundin Marianne und der verzweifelten Suche nach ihr, trotz eines Toten und eines Hobby-Detektivs Perez, der selber vom neuen Polizeichef des Orts unter Mordverdacht verhaftet wird – das Empfinden von Spannung blieb bei mir auf einem relativ niedrigen Niveau.

Yann SolaNicht selten ist es so, dass eine besonders packende Schilderung des Ambiente, eine überzeugend vermittelte Authentizität von Ort und Region und so weiter es schaffen, mir einen derart empfundenen Mangel bis zu einem gewissen Grad auszugleichen – Yann Sola zieht hier auch einige bekannte Register, um dies herzustellen: Überwiegend sind es jedoch die vielen Namen der Straßen, die Perez mit seinem klapprigen Wagen bewältigen muss, die die nachzuempfindende Verortung an Frankreichs Mittelmeerküste gewährleisten sollen, ergänzt um einige wenige Beschreibungen der Gegend, die er in das Handlungsgeschehen integriert.

Davon hätte ich mir gerne mehr gewünscht, denn – abgesehen von der Vorstellung einer Art Straßennetz, die auf der zweiten Umschlagseite durch die bei derlei Krimis obligate Abbildung eines Landkartenausschnitts noch gestützt wird – zu einem wirklichen Mit-Atmen, Mit-Riechen, zu einem intensiveren Miterleben von Ortsgeschehen und Mittelmeer-Atmosphäre hat es bei mir dann doch nicht geführt.

Schade eigentlich – ich hätte Perez, der zentralen Figur dieses ersten Yann-Sola-Romans, gerne eine überzeugendere Geschichte – und damit auch ein besseres Urteil meinerseits – gewünscht! Aber da er als Serienheld angelegt ist, bekommen er und sein Autor ohne Zweifel eine zweite Chance. Und die sei ihnen vergönnt! Ich warte gerne darauf!

Der Blick  nach vorn... © Wolfgang Schiffer

Der Blick nach vorn… © Wolfgang Schiffer

PS: Wie sich die Bretonische Flut angesichts einer Lektüre am Wattenmeer behauptet hat, wird hoffentlich bald hier zu lesen sein – als eines der kommenden „Rauchzeichen“ in den „Wortspielen“.

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The Cologne Art Book Fair

Ein Streifzug – rein visuell…

Köln Kranhaus Rhein

Den Rhein, seine Kranhäuser und die Severinsbrücke im Rücken, fand nach der gelungenen Premiere im letzten Jahr am vergangenen Wochenende die zweite Cologne Art Book Fair (TCABF) statt. Von Freitag, 19. August, bis Sonntag, 21. August, präsentierten rund 50 Aussteller und Verlage von Künstlerbüchern, Magazinen und Zines ihr Programm im Kunsthaus Rhenania am Kölner Rheinufer.

Cologne Art Book Fair

Eingeladen waren KünstlerbuchmacherInnen und selbst verlegende KünstlerInnen, die auf großen internationalen Messen zwar weniger vertreten, aufgrund ihres Schaffens jedoch nicht weniger prägend für die Künstlerbuch-Szene sind.

Cologne Art Book Fair

Im Spotlight der diesjährigen TCABF stand England mit der dort beheimateten renommierten Artists’ Book-Szene. Neben weiteren internationalen Teilnehmern (z.B. aus Belgien, Frankreich und der Schweiz) waren unter den deutschen Ausstellern der zweiten TCABF vor allem Kölner Verlage wie Sprungturm Verlag, Achim Riechers, die Parasitenpresse oder TBOOKS Cologne vertreten.

Cologne Art Book Fair 2016

Ein besonderer Platz wurde in diesem Jahr der Rubrik Art Vinyl gegeben, vertreten durch den Kölner Schallplattenladen, Mailorder und Vertrieb a-Musik. Dieser ist eine einschlägige Adresse für experimentelle, elektronische und elektroakustische Musik und präsentiert von Künstlern gestaltete Schallplatten-Editionen und -cover. Die umfangreiche Auswahl an Tonträgern bildender KünstlerInnen beginnt mit Wiederveröffentlichungen aus den 1960er und 70er Jahren, von Jean Dubuffet über Ferdinand Kriwet bis hin zu KünstlerInnen aus dem Fluxus-Umfeld und erstreckt sich bis in die Gegenwart, mit Alben von Tim Berresheim, Michaela Melián oder Kai Althoff.

The Cologne Art Book Fair 2016

The Cologne Art Book Fair 2016

The Cologne Art Book Fair 2016

The Cologne Art Book Fair 2016

Fazit: Alles spricht dafür, in 2017 die 3. The Cologne Art Book Fair zu veranstalten.

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Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (49)

Meine Reise durch die isländische Poesie

Kunst im Reykjavíker Hafen – Foto: Wolfgang Schiffer

Kunst im Reykjavíker Hafen – Foto: Wolfgang Schiffer

Der isländische Schriftsteller Sigurjón Birgir Sigurðsson, besser bekannt unter dem Namen Sjón, hat mit gráspörvar og ígulker / haussperlinge und seeigel nach mehreren Prosaveröffentlichungen (besprochen ist hier in den „Wortspielen“ zuletzt sein Roman Mánasteinn. Drengurinn sem aldrei var til / Der Junge, den es nicht gab; der Beitrag enthält auch ausführliche Angaben zu Sjóns Biographie) 2015 endlich wieder einen Gedichtband veröffentlicht, der erste nach acht Jahren, der zwölfte insgesamt.

Sjón

Der schmale, aber literarisch gewichtige Band enthält Gedichte, die in den Jahren 2005 bis 2015 geschrieben wurden, unter ihnen das Gedicht, das dem Buch die Hälfte seines Titels gibt.

gráspörvatal

smáfuglarnir á brún ljónabrunnsins í alhambra
virða ekkert yfirvald
annað en brennandi ljósið
sem stýrir gangi skordýranna

í sumarhúsi garcía lorca sit ég við skrifborð skáldsins
finn vofu þess umlykja
langt að kominn líkama minn
líkt og mánaskin sem hraðar slætti hjartans

á dauðastundinni kreppir gráspörinn tærnar

næturljóð eru heitust ljóða

gespräch der haussperlinge

die kleinvögel am rand des löwenbrunnens in der alhambra
respektieren keine instanz
außer dem brennenden licht
das den gang der insekten steuert

im sommerhaus von garcía lorca sitze ich am schreibtisch des dichters
spüre seinen geist meinen
von weit her gekommenen körper umschlingen
wie mondschein der den schlag des herzens schneller macht

in der stunde des todes krallt der haussperling die zehen

nachtgedichte sind die heißesten gedichte

Die Übertragung dieses Gedichts habe ich neben einigen anderen aus dem Band zusammen mit meinem Freund Jón Thor Gíslason, dem seit Jahren in Düsseldorf lebenden isländischen Maler, vorgenommen – weitere Übersetzungen von Gedichten aus haussperlinge und seeigel gibt es jedoch m. W. auch von der bekannten Übersetzerin Tina Flecken für die Literaturzeitschrift Wespennest (Tina Flecken hat u.a. bereits Sjóns Gedichtesammlung söngur steinasafnarans / gesang des steinesammlers für den Kleinheinrich Verlag übertragen) und laut Auskunft von Sjón selbst ebenfalls von Betty Wahl, die in der Regel das Prosawerk des Autors für den S. Fischer Verlag ins Deutsche überträgt.

Ob der S. Fischer Verlag allerdings Pläne hat, den gesamten Gedichtband für die deutschsprachige Leserschaft zu publizieren, ist mir leider nicht bekannt; verdient hätte es dieses poetische Kleinod allemal.

PS: Sollte sich Sjóns Hausverlag in Deutschland im Übrigen nicht zu einer Veröffentlichung entschließen können – es gäbe sicherlich eine Alternative!

Der Auftakt zu Sjóns offizieller Webseite

Der Auftakt zu Sjóns offizieller Webseite

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abschied nehme ich schon immer

Ein Sammelband erinnert an den Lyriker Rolf Persch

Zeitweilig lebte der Dichter auch in Köln © Wolfgang Schiffer

Zeitweilig lebte der Dichter auch in Köln © Wolfgang Schiffer

Gesehen, gesprochen, erlebt habe ich Rolf Persch zuletzt Anfang Juli 2014 im KulturSalon Freiraum in Köln. Seit 2010, so meine Erinnerung, seit dem Erscheinen seines Lyrikbandes spüler im rausch in der LYRIK EDITION 2000, trat er hier regelmäßig auf, bisweilen sogar zwei Mal im Jahr, und vergnügte, ja, beglückte seine zwar überschaubare, aber kritisch-treue Anhängerschaft mit den performanceerprobten Darbietungen seiner Poesie.

Dieser Auftritt sollte Rolf Perschs letzter im Freiraum sein; er starb am 5. März 2015 mit gerade einmal 65 Jahren in Blankenheim in der Eifel, wohin er sich seit Jahren zurückgezogen hatte, an den Spätfolgen einer früheren Drogensucht.

Seine Drogensucht hatte er Anfang der 80er-Jahre zwar aus eigener Anstrengung überwunden und nach einem, man sagt wohl unsteten Leben, das ihn ausgedehnte Reisen durch Europa, nach Syrien und Marokko unternehmen und die verschiedensten Gelegenheitsjobs ausüben ließ, bald gegen eine neue „Sucht“ eingetauscht: das Schreiben von Gedichten – gegen die Spuren, die sie in seinem Organismus hinterlassen hatte, half jedoch auf Dauer auch keine Poesie.

Rolf Perschs Vortrag seiner Gedichte wurde schnell geradezu legendär: in den Anfängen geschult an Ernst Jandl, wie manche sagen, wusste er diese mit akzentuiert scharfer Stimme, in die bei aller Lakonie allerdings auch melancholische Töne einfließen konnten, zu „performen“. Und das in kleinem Kreis ebenso wie auf Literaturfestivals – ja, zusammen mit Thomas Kling trat er sogar bei der Documenta in Kassel auf.

Und die Gedichte selbst? Sie waren und sind nicht weniger präzise und klar und dabei zugleich voller unerwarteter, bisweilen grotesker Wendungen bis hin zur ironischen Selbstanalyse, die mit den schönsten Mitteln der Poesie auch einem jeden anderen lebensweise Selbsterkenntnisse ermöglicht.

mein hund

ich bin
mein
hund

ich trete niemanden
wie
ihn

Und die Gedichte, die in seinem späteren Lebensraum, der Eifel entstanden sind? Die Zeitschrift die glocke schrieb einst: Seine Gedichte sind kurz. Herkömmliche lyrische Bilder vermeidet er wie die Pest. Und wenn er mal von Kühen oder Weiden spricht, dann erwähnt er auch die elektrischen Weidezäune.

Anders als dem erwähnten Dichterkollegen Thomas Kling blieb Rolf Persch eine Veröffentlichung in einem der „großen“ Verlage jedoch zeitlebens verwehrt. Es gibt allerdings auch Stimmen, die dies exakt umgekehrt sehen: es sei Rolf Persch gewesen, der sich den „großen“ Verlagen verweigert habe.

Wie auch immer: mit mühsam mit links erschien 1988 sein erster Gedichtband in einer limitierten Auflage im Handpressendruck der Kölner edition fundamental; hier folgten u. a. die bibliophilen Drucke mein stuhl und ich (1994), das kleid unseres dufts (1999) und 2004 scheuen sie sich nicht mich außenbordmotor zu nennen.

(Notiz am Rande: wir waren insofern sogar Autorenkollegen in ein- und demselben Verlag, denn die edition fundamental veröffentlichte 1993 ebenfalls meine Erzählung Der Bericht…)

Nach der Einstellung der verlegerischen Tätigkeit der edition fundamental veröffentlichte Rolf Persch noch zwei weitere Bände, von möglichkeiten (2006) und, wie bereits genannt, spüler im rausch (2010), nun in der LYRIK EDITION 2000, die zeitweilig von dem Weggefährten und Dichterkollegen Norbert Hummelt herausgegeben wurde.

abschied nehme ich schon immer 2

Norbert Hummelt ist es auch, der nun für den Kölner Verlag Sprungturm des Fotografen und Verlegers Boris Becker einen umfangreichen Sammelband mit Gedichten von Rolf Persch zusammengestellt hat.

abschied nehme ich schon immer

ich wettete mit gott
als ich jung war
um mein sechzehnjähriges leben
und lag daneben

das war an einem nachmittag
einem mittwoch etwa (dem einzigen Tag
ohne tag am ende)

nach heißem erschrecken gab ich
ein überlebender mich hin
karl mays blaurotem methusalem

merkwürdige reisende
sonderbare helden
abseits unterwegs

abschied nehme ich schon immer, so der Titel und zugleich das hier zitierte Eröffnungsgedicht des Bandes, beinhaltet eine prägnante Auswahl aus den früheren Publikationen des Dichters sowie unveröffentlichte, nachgelassene Gedichte und in seinem Mittelteil sogar zahlreiche Faksimiles von Rolf Perschs Abo-Gedichten: seit 1998 monatlich auf einer Schreibmaschine mit Durchschlägen auf Kohlepapier hergestellten Texten, die der Autor einem Kreis von (hierfür einen Obolus zahlenden) Abonnenten mit Datum und Signatur versehen zuschickte – oder persönlich überbrachte, samt Vortrag an Ort und Stelle der Übergabe.

Und, wie man nachfolgend sehen kann, bisweilen auch mit Korrekturvorschlägen zu früheren Zustellungen.

Rolf Perschs Abo-Gedichte. Abb. einer Doppelseite aus dem besprochen Band.

Rolf Perschs Abo-Gedichte. Abb. einer Doppelseite aus dem besprochen Band.

Komplettiert wird die Auswahl in dem mit einem gediegenen Leineneinband auch in der Herstellung hochwertig ausgestatteten Buch nicht nur durch einen abschließenden editorischen Bericht des Herausgebers, auch ist ihm ein äußerst lesenswerter biographischer Essay der Schriftstellerin Sabine Schiffner vorangestellt. Dieser ermöglicht eine Einordung des Menschen Rolf Persch und seines literarischen Schaffens in einem weitaus umfänglicheren Maße, als es ein Blogbeitrag wie dieser hier zu leisten vermag.

Ich empfehle die Lektüre des Bandes, dessen Zustandekommen, das sei keinesfalls verschwiegen, auch der Förderung durch die Kunststiftung NRW zu verdanken ist, also gleich in mehrfacher Hinsicht dringlich und gerne: abschied nehme ich schon immer überzeugt durch eine ebenso sensible Einführung wie editorische Auswahl und macht mit bemerkenswerten, nicht selten aufstörenden Gedichten bekannt.

Zu den nachgelassenen Texten des Autors zählt auch der 154 Kleinstzeiler umfassende Zyklus MAN WIRD MIR NICHT NACHSAGEN KÖNNEN NICHTS DAZU GELÄRMT ZU HABEN.

Die Position 137 lautet:

für einen mann, der kaum lesen
und nicht schreiben kann,
sieht mein gedicht
gar nicht schlecht aus.

Sie sind herzlich eingeladen, sich hiervon selbst zu überzeugen!

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Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (48)

Meine Reise durch die isländische Poesie

Gleich bringt jemand ein Buch…

Gleich bringt jemand ein Buch…

Zu den in jüngerer Zeit erschienenen Bänden mit isländischer Lyrik, aus denen ich gemeinsam mit Jón Thor Gíslason bis nun jeweils eine kleinere Auswahl übersetzt habe, gehören neben denjenigen von bereits bekannteren Autor*innen wie Sjón oder Linda Vilhjálmsdóttir auch einige Bände hierzulande noch weniger vertrauter Namen.

Einen von ihnen, Ragnar Helgi Ólafsson, habe ich hier kürzlich vorgestellt – zusammen mit der erfreulichen Nachricht, dass sein Gedichtband in unserer Übersetzung 2017 vollständig als zweisprachige Ausgabe im Elif Verlag erscheinen wird – heute will ich diesem Dichter einen weiteren Autor folgen lassen: Sveinn Yngvi Egilsson.

Mit Übersetzungen einiger früherer Texte hat Sveinn Yngvi Egilsson, der nach verschiedenen, neben dem Schreiben ausgeübten Tätigkeiten, u. a. als Lehrer, Verleger und Redakteur, heute als Professor für Isländische Literatur an der Universität in Reykjavík lehrt, bereits Eingang in die Anthologie Am Meer und anderswo gefunden – 2014 veröffentlichte er nun einen Band mit Prosagedichten: Hjarðljóð úr Vesturbænum / Hirtengedichte aus der Weststadt.

Am Meer.3 Sveinn Yngvi

Erschienen ist der aktuelle Band als Ausgabe des Autorenkollektivs 1005 in Zusammenarbeit mit dem Kind Verlag, und denkt man an die Größe Islands und den vielfältig ausgeprägten Multitalenten, die dort kreativ sind, so verwundert es vielleicht nicht, dass der zuvor erwähnte Ragnar Helgi Ólafsson nicht nur diesem Kollektiv ebenfalls angehört – er hat dem Band Hjarðljóð úr Vesturbænum / Hirtengedichte aus der Weststadt sogar qua Cover und Umbruch auch seine Gestalt gegeben.

Ich schätze die Prosaminiaturen dieses Bandes, die in einer bezaubernden Leichtigkeit aus der Fülle des isländischen Lebens schöpfen, sehr; von der Fähigkeit genauen Beobachtens zeugend, kommen sie wirklich völlig unangestrengt daher, zugleich verbreiten sie einen schönen Witz und eine wärmende Menschlichkeit.

Island: Blick aus der Harpa, der Kongress- und Konzerthalle Reykjavíks – in der häufig auch Bücher ihr Publikum finden… Fotos: Wolfgang Schiffer

Island: Blick aus der Harpa, der Kongress- und Konzerthalle Reykjavíks – in der häufig auch Bücher ihr Publikum finden… Fotos: Wolfgang Schiffer

LESTUR BÓKA

Aðlesa bók er bara aðferð til að hafa eitthvað á milli andlitsins og heimsins. Dagblöð duga líka vel til þess, tövur og regnhlífar. Fornmenn notuðu skildi til að skýla sér á bak við. Bókin veitir algjört ef hún er lögð opin yfir andlit liggjandi manns, helst í almenningsgarði á góðviðrisdegi. Pappírsangan fyllir vitin og maður þarf ekki að lesa heldur nemur textann með líkamanum. Enginn abbast upp á mann sem er eins og bók í framan, nef hans kjölur sem nær frá höku upp á enni. Heimurinn fer hjá slíkum manni og angrar hann ekki meir.

BÜCHER LESEN

Ein Buch zu lesen, ist nur eine Methode, etwas zwischen dem Gesicht und der Welt zu haben. Auch Tageszeitungen taugen hierzu, Computer und Regenschirme. Die alten Helden benutzten Schilde, um sich hinter ihnen schützen zu können. Das Buch gewährt einen perfekten Schutz, wenn es aufgeschlagen über dem Gesicht eines liegenden Menschen liegt, vorzugsweise in einem öffentlichen Park an einem Schönwettertag. Der Duft von Papier erfüllt die Sinne, und man muss nicht einmal lesen, sondern kann den Text mit dem Körper inhalieren. Keiner drangsaliert einen Menschen, der aussieht wie ein Buch im Gesicht, seine Nase ein Buchrücken, der vom Kinn bis zur Stirn reicht. Die Welt geht an einem solchen Menschen vorbei und stört ihn nicht weiter.

Es würde mich sehr freuen, wenn sich vielleicht eine Literaturzeitschrift fände, die dem deutschen Lesepublikum mehr von Sveinn Yngvi Egilsson zeigen möchte, als ich es hier mit einem Beispiel in meinen „Wortspielen“ getan habe.

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