Verbrecher-Verlags-Ehre

Jörg Sundermeier erhält den Karl-Heinz Zillmer-Preis für verdienstvolles verlegerisches Handeln

Einige Titel des Verbrecher Verlags

Einige Titel des Verbrecher Verlags

In der Stadt, in der ich lebe, gilt es bereits als Beginn einer Tradition, wenn man etwas zum zweiten Mal tut.

Als ich Ende 2013 aus Anlass der Zuerkennung des Kurt-Wolff-Preises  2014 an den Verbrecher Verlag an dieser Stelle ein Interview mit dem Verleger und Programmchef Jörg Sundermeier veröffentlichte, ahnte ich natürlich nicht, dass ich mich bald wieder aus einem vergleichbaren Anlass mit ihm und den von ihm herausgegebenen Büchern beschäftigen  – und somit wohl den Beginn einer neuen Traditionslinie festlegen würde.

Nun aber ist es so: die Hamburger Kulturstiftung hat mitgeteilt, dass Jörg Sundermeier mit dem Karl-Heinz Zillmer-Preis 2016 ausgezeichnet wird, und ich wünsche ihm, dass die besagte Linie sich weiter festigen und lange anhalten möge.

Der Preis (Anmerkung am Rande: Johann P. Tammen, der langjährige Herausgeber der Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik die horen, von der hier in den „Wortspielen“ häufiger die Rede ist, hat ihn 1998 ebenfalls erhalten) ehrt alle zwei Jahre Personen des literarischen Lebens, die sich durch besonders mutige und weitreichende Entscheidungen und großen persönlichen Einsatz um die Literatur verdient gemacht haben.

Stifter des mit 10.000 Euro dotierten Preises ist der Hamburger Diplom-Ingenieur Karl-Heinz Zillmer, über die Preisvergabe entscheidet eine Jury, der in diesem Jahr Tobias Becker vom Spiegel, die Autorin Lucy Fricke, Professor Dr. Rainer Moritz, der Leiter des Literaturhauses Hamburg, Birgit Politycki von der Literaturagentur Politycki & Partner sowie Stephan Samtleben von der gleichnamigen Buchhandlung in Hamburg angehörten.

Jörg Sundermeier – Foto: Nane Diehl

Jörg Sundermeier – Foto: Nane Diehl

Die Auszeichnung von Jörg Sundermeier begründete diese Jury unter anderem wie folgt:

Der Verbrecher Verlag wurde 1995 in Berlin gegründet und hat seitdem über 200 Bücher herausgebracht. Mehrbändige Ausgaben, die verlegerische Besessenheit zeigen, wie die Tagebücher von Erich Mühsam oder das Romanepos Das Büro des niederländischen Autors J.J. Voskuil. Romane, die wild und großartig sind, wie die von Dietmar Dath, Anke Stelling oder Almut Klotz. Kluge Sachbücher, wie die von Karsten Krampitz zur DDR-Vergangenheit. Dazu Kunstbücher, Comics und die Literaturzeitschrift metamorphosen. All das Politische, Tollkühne, Künstlerische findet im Verbrecher Verlag ein Zuhause.

Die Aufzählung der genannten Autoren, die ihr Öffentlichsein dem Berliner Verleger und seinem Verlag verdanken, lässt sich mühelos um viele weitere als den bislang genannten ergänzen – erwähnen will ich hier nur die äußerst verdienstvolle Arbeit an weiteren Werkausgaben wie die von Gisela Elsner, Christian Geissler oder Giwi Margwelaschwili oder die Debüts von Nino Haratschwili oder Lisa Kränzler – legendär sind auch die „Verbrecher Versammlungen“, bei denen der Verlag seit vielen Jahren regelmäßig zu Lesungen, Vorträgen und Diskussionen, Konzerten und anderen publikumstauglichen Performances einlädt – seit 2014 in die Fahimi Bar am Kottbusser Tor.

Dies mitbedenkend, kommt die Jury zu einer abschließenden Würdigung:

Das Engagement des Verlegers Jörg Sundermeier wirkt weit über den eigenen Verlag hinaus. Er ist einer der ausdauerndsten Kämpfer für die unabhängige Literaturszene und war 2009 Mitinitiator der Hotlist, des jährlich vergebenen Buchpreises der unabhängigen Verlage.

Die Preisverleihung findet am 11. Oktober 2016 im Warburg-Haus in Hamburg statt. Dr. Carsten Brodsa, Staatsrat der Kulturbehörde Hamburg, wird den Preis überreichen, die Laudatio hält Daniel Beskos vom marisch Verlag – er und sein Verlagskollege Peter Reichenbach wurden zuletzt mit dem Karl-Heinz Zillmer- Preis geehrt.

Ein kleines literarisches Programm wird es bei der Verleihungsfeier ebenfalls geben: Anke Stelling liest aus ihrem preisgekrönten Roman Bodentiefe Fenster – und ich darf dem von Gerd Busse ins Deutsche übertragenen Kultzyklus Das Büro von J.J. Voskuil, von dessen sieben Bänden bis dahin die ersten fünf im Verbrecher Verlag erschienen sein werden, meine Stimme geben: Ich werde versuchen, sie möglichst wohl klingen zu lassen, um so meine Gratulation zu der Auszeichnung zu bekräftigen!

 

 

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Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (50)

Meine Reise durch die isländische Poesie

Island

Ich bin sicher, es wird niemanden verwundern, dass ich die fünfzigste Station meiner kleinen Folge, die der Poesie aus Island gewidmet ist – sei es in eigenen, in Zusammenarbeit mit isländischen Freunden entstandenen Übertragungen oder in Fassungen anderer Übersetzerinnen und Übersetzer – einem meiner höchst bewunderten Dichter widme, dem den Atomdichtern Islands zugehörigen Stefán Hörður Grímsson.

Mehrfach bereits habe ich hier in den „Wortspielen“ Texte von ihm zitiert, so dass ich zur Vorstellung seiner Person und zur Rolle, welche die Atomdichter für die Modernisierung der isländischen Dichtkunst gespielt haben, heute nur auf den Gastbeitrag Geahnter Flügelschlag von Bernhild Vögel und auf das frühere „Rauchzeichen“ Der Schock der Moderne verweisen möchte. Und zitieren will ich heute als erstes ein Gedicht, dessen Titel auch zum Titel eines 2011 erschienenen Lese- und Materialienbandes der Zeitschrift die horen wurde, der darüber hinaus Interessierten eine umfassende Darstellung der Atomdichtung Islands bietet: Bei betagten Schiffen  – Islands Atomdichter.

Bei betagten Schiffen

Bei betagten Schiffen

wartete ich auf Überfahrt

mit der Brandung Wunder-

lied im Ohr

und sah Wind

den Sand in die Augen

eines jeden Tages tragen.

 

Vom roten Wagen

stieg der Abend

auf den kalten Sand

nackt, bleich.

Und die Nacht trug

schwarze Schuhe

und die Nach tanzte

 

in schwarzen Schuhen

in meinem roten Herzen.

 

Hjá hrumum skipum

Hjá hrumum skipum

beið ég fars

með brimsins furðu-

lag í hlust

og leit er vindur

sandinn bar

í augu sérhvers dags.

 

Frá rauðum vagni

kvöldið gekk

á sandinn kaldan

nakið, fölt.

Og nóttin var með

svarta skó

og dansinn nóttin steig

 

í rauðu hjarta mínu

á sværtum skóm.

Island

Die fünfzigste Station meiner Reise durch die isländische Poesie ist auch eine schöne Gelegenheit, Dank zu sagen – Dank für die vielen Kommentare, die die Reihe bisher erfahren hat, für die Ermunterungen, vor allem aber auch für Anregungen und Kritik.

Gerade bei eigenen Übertragungen ist es ja nicht selten so, dass es sich hier im Blog um Erstveröffentlichungen handelt, Fassungen also, die zuvor noch kein kritischer Leser oder gar Lektor gesehen hat. Da ist jede Anmerkung willkommen und (angesichts aller kreativen Herausforderungen, die die Übersetzung eines Gedichts aus einer Sprache in eine andere grundsätzlich beinhaltet) häufig auch hilfreich für einen zweiten Blick und gelegentlich sogar für eine gänzlich neue oder zumindest alternative Fassung.

Am MeerDas oben zitierte Gedicht habe ich vor vielen Jahren zusammen mit meinen verstorbenen Freund Franz Gíslason übersetzt; es ist bereits mehrfach veröffentlicht worden – zuletzt in der kleinen Anthologie isländischer Lyrik und Kurzprosa Am Meer und anderswo in der Silver Horse Edition – und dennoch hat mich ein jetziges Wiederlesen des Originals (ganz im Sinne des vorherigen Absatzes) verleitet, zumindest den letzten Zeilen eine zweite Fassung beiseite zu stellen, auch wenn ich diese nicht mehr mit Franz Gíslason abstimmen kann.

 

 

Og nóttin var með

svarta skó

og dansinn nóttin steig

 

í rauðu hjarta mínu

á sværtum skóm.

 

 

Und die Nacht trug

schwarze Schuhe

und tanzend stieg die Nacht

 

in mein rotes Herz

in schwarzen Schuhen.

Zum Abschluss des heutigen Beitrags will ich nun noch mit einer der eher seltenen poetischen Prosaskizzen (zu einem typisch isländischen Phänomen) in dem schmalen Werk des Dichters Stefán Hörður Grímsson bekannt machen. Ihre Übertragung ist ebenfalls zusammen mit Franz Gíslason entstanden, auch sie ist zuvor zuletzt in der Anthologie Am Meer und anderswo erschienen.

 

Untersuchung

Vogelbeobachtern gebührt hohe Anerkennung dafür, dass sie sich in ihrer knapp bemessenen Freizeit zu Gruppen zusammenschließen und scharenweise alle möglichen Länder bereisen, um ihrem Interesse nachzugehen. Bezahlt erhalten dies nur diejenigen, die eine Abschlussprüfung auf ihrem Türschild und einen entsprechenden Telefoneintrag nachweisen können, die meisten jedoch tun es heimlich und für fast weniger als nichts. Auch wenn Vogelbeobachter manchmal den einen oder anderen Vogel von seinen Eiern verscheuchen, so ist dies doch von großem Nutzen für Kuckucksfrauen. Aber jetzt heißt es, dass man bereits damit begonnen habe, Interessenvereine zu gründen, um Vogelbeobachter zu beobachten, und einige meinen wohl, es müssten schon recht komisch Vögel sein, die dies betreiben. Und man ist schon dabei, sich zusammenzuschließen, um sie zu durchleuchten.

 

Rannsókn

Fuglaskoðendur eiga heiður skilinn fyrir að flokka sig í stopulum frístundum og ferðarst í hópum vítt um lönd til að sinna þessu áhugamáli sínu. Þeir einir fá kaup sem hafa útskrift upp á hurðarskjæld og síma til þess arna, og þeir eru oftast að pukrast við þetta einir fyrir lítið sem ekkert. Enda þótt fuglaskoðendur styggi stundum fugl og fugl af eggjum, er það til mikils hagræðis fyrir gaukynjur. En nú kvað vera farið að stofna áhugumannafélög til þess að skoða fuglaskoðendur, og finnst víst sumum að það hljóti nú að vera nokkuð undarlegir fuglar sem það stunda. Og menn eru þegar byrjaðir að flokka sig til þess að skyggna þá.

Fotos: Wolfgang Schiffer

Fotos: Wolfgang Schiffer

 

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Flieger stören Langschläfer

Das fulminante Debüt der Schweizerin Sabine Hunziker

Ein Flieger, der stört… Foto: Wolfgang Schiffer

Ein Flieger, der stört… Foto: Wolfgang Schiffer

Ich gebe zu, zu Beginn etwas skeptisch gewesen zu sein. Das Intro des Romans, des ersten überhaupt, den die 1980 in Bern geborene Autorin und freie Journalistin Sabine Hunziker veröffentlicht hat, ließ mich befürchten, dass das Folgende in die Nähe einer etwas gewollten Versuchsanordnung geraten könnte – schließlich lässt sich Judith, die Protagonistin der Geschichte von ihrem Professor davon überzeugen, parallel zu ihrer Dissertation ein Forschungstagebuch zu führen. Dieses soll die Absolventin der Religionswissenschaften durch die Einsamkeit ihres Daseins als Forscherin zur Bedeutung des Schattens im Alten und Neuen Testament begleiten, eines verlorenen Themas, wie sie selber weiß.

Großzügig unterstützt von einer katholischen Stiftung macht sie sich an die Arbeit.

Der Alltag, so stellt sie bald fest, verschwindet bald im Rücken, denn eine Analyse bietet nicht viele Anknüpfungspunkte zur Realität. Ab und zu sieht man den Professor, die Kassiererin jeden zweiten Tag im Supermarkt oder den Zahnarzt zur jährlichen Kontrolle. (…) Tag und Nacht unter dem Licht einer Leselampe über Bücher und Kopien gebeugt, mit zerknüllten Papierkugeln und einer Unmenge herumliegender Stifte, geht die akribische Suche los. Es vermischen sich aber nicht nur Abend und Morgen, sondern auch Forschung und Privatleben.

Und am Ende des Intros heißt es: Mein eigenes Leben ist mit der Forschungsfrage so verflochten, dass am Schluss beide Teile nicht mehr zu trennen sind.

Würde der Autorin, so meine Sorge, diese Symbiose tatsächlich gelingen? Wie viel und welches Leben würde sich in dieser Konstellation überhaupt erzählen lassen?

Nun, am Ende des Buches, dem Abspann, heißt es auch Ende des Forschungstagebuches und zuvor stehen die Sätze: Wir waren nicht unglücklich. Wir haben nur geschlafen und Flugzeuge bretterten über unsere Köpfe hinweg – nun sind wir aufgemacht.

Auch wenn ich immer noch rätsele, ob es sich bei dem letzten Wort des ansonsten so wohlfeil gemachten kleinen Buches (Hardcover, Titelbild, Lesebändchen…) des Wiener Septime Verlags um ein Satzfehler handeln könnte – aufgemacht versus aufgewacht – alles, was ich davor gelesen habe, hat mich begeisternd überzeugt.

Flieger stören Langschläfer

Was Sabine Hunziker über Judith, ihren (Ex-)Freund Abel, ihre neue Freundin, die an Schizophrenie erkrankte Agnes zu erzählen weiß – und vor allem, wie sie dies tut – ist brillant. Unangestrengt und stilsicher, leicht, lakonisch und bildstark kommen die Erlebnisse daher: das Zusammenleben Leben in einem Berner Abbruchhaus, das demnächst zu Luxuswohnungen kernsaniert werden wird – nicht immer mit Wasser, doch immer ohne Heizung – die kleinen Siege gegen Vermieter und Spekulanten, das Wechselspiel der Gefühle für- und gegeneinander, die Leidenschaften und psychischen Abgründe, die Schatten der Forschungsarbeit und eine reale Mondfinsternis und vieles aus ungewöhnlichen Leben mehr. Und derart treffend, dass sie einen geradezu verblüffen, sind oftmals die Vergleiche und Bilder, die Sabine Hunziker bei ihrem Erzählen findet, sei es für das Tableau der großen Emotionen oder die Beschreibungen von Orts- und Seelen- Zuständen.

Zwei beispielhaft zitierte Textstellen mögen einen Eindruck davon geben. Ihre Beziehung zu Abel reflektierend, sagt Judith:

Früher sind meine Gedanken wie eine anhängliche Katze hungrig nach Zärtlichkeit und Zuneigung um Abel herumgestreift. Katzen sind seltsame Wesen. Erst suchen sie die Liebe, aber dann entpuppen sie sich als Solitäre.

Und an anderer Stelle, das trotz der Medikamente immer wieder von Psychiatrieaufenthalten bestimmte Leben ihrer Freundin Agnes bedenkend, heißt es:

Wenn ich später mal Agnes nach einem der zig Rückfälle in der geschlossenen Abteilung besuchen werde, sehe ich, dass dort Krieg herrscht und die Leute da unter ihrer enormen freigelegten Energie leidend zittern und eine spezielle Aura erhalten haben, deren Farbe ich nicht einordnen kann. Sie waschen sich nicht mehr und einige sind mal aggressiv und dann wieder lieb. Die Internierten rauchen Kette und Aschenbecher quellen über.

In einer solchen Beschreibung – und ich bestätige gerne ihre Stimmigkeit, denn ich habe selber für viele Monate in der Psychiatrie gearbeitet, und auch wenn dies schon eine ganze Weile her ist, so weiß ich doch, dass sich bis auf den heutigen Tag nur wenig geändert hat – in solch trefflichen Bildern wird Empathie zu Literatur.

Ein letztes noch, das mich so positiv gestimmt macht über diesen kleinen Roman: er handelt trotz aller Widrigkeiten im Leben seiner Charaktere auf ganz ernsthafte Weise vom Glück. Er spielt Vorstellungen durch, die man davon haben kann, und zeigt Möglichkeiten auf, durchaus auch alternative zu einem gewöhnlichen Leben, die dennoch ein glückliches Leben ausmachen können.

Viele Menschen haben eine falsche Vorstellung vom Paradies. Sie denken an wilde Tiere, die einander nicht fressen und in Frieden miteinander leben. Der Tiger küsst das Kaninchen. Aber wenn jemand gegen die Regeln verstößt, wird er für immer aus dem Garten vertrieben in eine Wüste Welt. Die Wirklichkeit ist aber, dass man bereits im Paradies lebt – auch wenn manchmal Dinge passieren, die unschön sind – man merkt es oder man merkt es nicht. So ist das.

Für mich ist Sabine Hunziker mit ihrem Roman Flieger stören Langschläfer eine Entdeckung; ich hoffe, noch manches von dieser Schriftstellerin lesen zu können.

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Eine Chronistin von Gegenwart und Vergangenheit

Margot Overath erhält den Axel-Eggebrecht-Preis

Axel-Eggebrecht-Preis

Pardon, Monsieur Bannalec, oder wie Sie heißen mögen, auf meine versprochenen Zeilen zu ihrem jüngsten Kriminalroman Bretonische Flut müssen Sie und die Leserinnen und Leser der „Wortspiele“ noch ein wenig gewarten, denn zuvor will ich aus Gründen der Aktualität schnell noch dieses „Rauchzeichen“ senden – und danach gehört das Wochenende erst einmal den Feierlichkeiten zum zwanzigjährigen Jubiläum des Literaturhauses Köln und – den Enkelkindern.

Bei einer Feierlichkeit zugegen war ich diese Woche bereits einmal: Am vergangenen Dienstag fand in Leipzig das jährliche Sommerfest der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig statt, zu dem sich stets viele Menschen aus Gesellschaft, Politik und Kultur zum geselligen Beisamensein und lockeren Gesprächen einfinden – bei dem nun zum zweiten Mal aber auch feierlich einer der gewichtigen Leipziger Radiopreise überreicht wurde, die die Medienstiftung im jährlichen Wechsel verleiht: den Günter-Eich-Preis für die Radiokunst des Hörspiels und den Axel-Eggebrecht-Preis für die Königsklasse des Journalismus, das Radio-Feature. Hierbei werden die Auszeichnungen nicht für eine Einzelsendung vergeben, sondern stets für ein außergewöhnliches Gesamtwerk.

Nach der letztjährigen Verleihung des Günter-Eich-Preises an Ror Wolf (der aus gesundheitlichen Gründen leider nicht persönlich teilnehmen konnte), galt der feierliche Akt in diesem Jahr dem Axel-Eggebrecht-Preis, benannt nach dem großen Radio-Feature-Pionier und Mitbegründer des Nordwestdeutschen Rundfunks.

Gefallen war die Wahl der fünfköpfigen Jury unter Vorsitz von Professor Richard Goll aus Österreich auf die 1947 in Krefeld geborene Margot Overath; die für Fernsehen, aber vor allem für das Radio tätige Autorin war bei der Preisverleihung zugegen und sichtlich erfreut über die Ehrung, die ihr zuteilwurde.

Die Übergabe des Axel-Eggebrecht-Preises an Margot Overath. v.l.n.r.: Thomas Bille (Moderator), Dr. Harald Langenfeld (Vorstandsvorsitzender der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig), die Preisträgerin, Prof. Richard Goll (Juryvorsitzender), Stephan Seeger (Stiftungsdirektor)

Die Übergabe des Axel-Eggebrecht-Preises an Margot Overath. v.l.n.r.: Thomas Bille (Moderator), Dr. Harald Langenfeld (Vorstandsvorsitzender der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig), die Preisträgerin, Prof. Richard Goll (Juryvorsitzender), Stephan Seeger (Stiftungsdirektor)

Seit 1984 hat Margot Overath mehr als 40 Radio-Features für verschiedene Rundfunkanstalten der ARD recherchiert, konzipiert und geschrieben. Dieses Werk, aus dem Einzelsendungen bereits häufiger mit Preisen ausgezeichnet wurden, umfasst in seinen zeitgenössischen ebenso wie historischen Analysen unter anderem die Dokumentation eines Psychiatrie-Irrtums, Berichte über Abschiebehaft, Kinderarmut, Zwangsheirat, eine intensive Auseinandersetzung mit dem RAF-Terrorismus in Deutschland – ein Fall, der die Preisträgerin jedoch besonders nachhaltig beschäftigt, sind die Todesumstände von Oury Jalloh, jenem Asylbewerber aus Sierra Leone, der im Januar 2005 in einer Zelle des Dessauer Gefängnisses verbrannt ist – und sich, wiewohl an Händen und Füßen fixiert, laut Staatsanwaltschaft selbst angezündet haben soll.

In zwei Radio-Features bereits hat Margot Overath die Widersprüche bei den Ermittlungen und die Fehler der Staatsanwaltschaft bei der Untersuchung des Feuertods aufgedeckt – und das mit einer für die Staatsmacht offensichtlich entlarvenden Hartnäckigkeit, dass einer ihrer Vertreter am Ende gar gedroht hat, ihr Aufnahmegerät zu beschlagnahmen.

Margot Overath bei ihrer Dankesrede

Margot Overath bei ihrer Dankesrede

In der Begründung zur Preisvergabe an Margot Overath heißt es unter anderem, dass die starke Persönlichkeit der Autorin als gestaltender Intellekt immer spürbar sei, ohne aber die Themen zu überschatten oder zu dominieren – zudem sei ihre Sprache radiogerecht: kurz, prägnant, die Erzählung vorantreibend.

Der Axel-Eggebrecht-Preis ist mit 10.000,00 € dotiert. Ebenso wie über das Preisgeld wird sich die Autorin aber wohl auch über Stimmen von Arbeitskollegen zur Verleihung des Preises freuen.

So schreibt Wolfgang Bauerfeind, ehemaliger Radio-Feature-Chef im RBB u.a.:

Wer ihr Werk kennt, wird sie zu den Großen des Features rechnen müssen. Beeindruckend die Themenvielfalt und ihre mutige Themensetzung. Bester investigativer Radiojournalismus mit klugem Einsatz der Mittel des Mediums.

Und Thomas Nachtigall, Feature-Redakteur des WDR, sagt:

Gerechtigkeitsstreben bei unbedingter Wahrheitsliebe; Offenheit trotz Unbeirrbarkeit; Schonungslosigkeit, gelegentlich auch gegen sich selbst, gepaart mit der nötigen Kraft, Zumutungen und wechselnden Moden des Medienbetriebs zu widerstehen; das sind Eigenschaften, die ich an Margot Overath schätze.

Ulf Köhler, ihr Redakteur im MDR Feature ergänzt:

Margot Overath besitzt eine unheimliche Kraft, anderen Menschen zuzuhören – eine Eigenschaft, ohne die Radio nicht denkbar ist.

Peter Leonhard Braun schließlich, der vielen nach Axel Eggebrecht als der „Feature-Papst“ der jüngeren Vergangenheit gilt, macht der Preisträgerin ein kaum zu übertreffendes Kompliment:

Sie trägt eine helle Rüstung aus Mut und Glauben an Gerechtigkeit, für mich ist sie die Jeanne d´Arc des deutschen Features.

Auch von dieser Stelle: Herzlichen Glückwunsch, Margaret Overath!

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Immerhin Meer… (Teil 1)

Sola und Bannalec: Zwei sommerliche Neuerscheinungen

Die friesich-herbe Nordsee © Wolfgang Schiffer

Die friesich-herbe Nordsee © Wolfgang Schiffer

Nein, ich habe meine beiden letzten Frankreich-Krimis, beide als Taschenbuch erschienen im Kiepenheuer & Witsch Verlag, nicht an den Orten ihres Geschehens gelesen – weder Yann Solas Tödlicher Tramontane an der Côte Vermeille kurz vor der Grenze zu Spanien, noch Jean-Luc Bannalecs Bretonische Flut an der äußersten Westküste der Bretagne und auf ihren vorgelagerten Inseln – ich habe sie, offen gesagt, nicht mal in Frankreich gelesen, sondern – siehe oben – an der Nordseeküste.

Dem ungeachtet will ich heute kurz über meine Urlaubslektüre berichten und zwar zunächst über den zuerst gelesenen Kriminalroman, Teil 2 folgt dann (so meine anderen Arbeiten es zulassen) in einigen Tagen.

Lesen in der Abendstimmung des glühenden Watts © Wolfgang Schiffer

Lesen in der Abendstimmung des glühenden Watts © Wolfgang Schiffer

Vielleicht lag es am ausgesprochen friesich-herben Klima, das zu der Zeit meiner Lektüre an der deutschen Küste herrschte, dass ich mit Yann Solas erstem Roman um den Restaurantbesitzer und Hobbydetektiv Perez nicht recht „warm“ werden wollte. Der titelgebende Tramontane, ein zwar trockener, aber doch auch eher kalter Fallwind jedenfalls kann nicht der Grund gewesen sein, denn von ihm heißt es zwar, dass er nicht zuletzt auch in dem kleinen Fischerdorf Banyuls-sur-Mer, dem zentralen Ort des Geschehens, die Menschen nervös und unruhig mache (und damit womöglich auch zu Fehleinschätzungen verleite…), aber ja wohl kaum mich im entfernten hohen Norden.

Wenn ich sodann noch konstatieren muss, dass dem Autor das Personal, das er für seine von Bauspekulationen, Gier und Korruption geprägte Geschichte ins Spiel bringt, eigentlich ganz gut gelungen ist, allem voran der dickbäuchige Genussmensch und Delikatessenhändler Perez selbst, der seine Geschäfte mit den Honoratioren des Städtchens geschickt mit einem Restaurant zu tarnen weiß, im Grunde genommen jedoch auf Art alter Schmuggler und heutiger Kleinganoven betreibt – aber auch manch weitere Akteure wie Perez´ Koch und Freund, der traumatisierte Flüchtling Haziem, oder seine im Ort ansässige deutsche Freundin Marianne und ihre spätpubertierende Tochter – so frage ich mich, woran es liegt.

Bin ich womöglich etwas ungerecht, weil ich der Meinung bin, dass es schon ausreichend französische Regionalkrimis gibt? Ich hoffe, dass nicht…

Yann Sola

Natürlich ist meine Erwartung an eine weitere Variante in Frankreich spielender Kriminalromane dieser Art besonders hoch. Da muss einfach vieles wirklich stimmen – der Plot, die Atmosphäre, die Spannung und so weiter – und da scheint mir im vorliegenden Fall, bei aller Sympathie vor allem für die halbseidene Ermittlerfigur, nach meinem Krimi-Geschmack doch Einiges im Argen zu liegen.

Zu diffus jedenfalls ist mir das Bild um die Pläne einer Gruppe von ausländischen, bald als Schweden identifizierten Investoren geblieben, die im Verbund mit örtlichen Würdenträgern und Bauunternehmern den gemütlichen Hafen von Banyuls-sur-Mer ausbauen und somit den Ort und die weitere Umgebung in eine Touristen-Hochburg hoch boomen wollen, zu verworren und teils auch redundant scheinen mir bisweilen die Handlungsabläufe zu sein, zu unmotiviert so manche Aktionen von Personen, den bösen wie den guten, mit denen die einen ihre kriminellen Ziele durchsetzen, die anderen diese verhindern wollen. Und trotz der deutlichen Signale für Machtkämpfe und Machtmissbrauch, trotz einer explodierenden Yacht, einer offensichtlich nicht freiwillig verschwundenen Freundin Marianne und der verzweifelten Suche nach ihr, trotz eines Toten und eines Hobby-Detektivs Perez, der selber vom neuen Polizeichef des Orts unter Mordverdacht verhaftet wird – das Empfinden von Spannung blieb bei mir auf einem relativ niedrigen Niveau.

Yann SolaNicht selten ist es so, dass eine besonders packende Schilderung des Ambiente, eine überzeugend vermittelte Authentizität von Ort und Region und so weiter es schaffen, mir einen derart empfundenen Mangel bis zu einem gewissen Grad auszugleichen – Yann Sola zieht hier auch einige bekannte Register, um dies herzustellen: Überwiegend sind es jedoch die vielen Namen der Straßen, die Perez mit seinem klapprigen Wagen bewältigen muss, die die nachzuempfindende Verortung an Frankreichs Mittelmeerküste gewährleisten sollen, ergänzt um einige wenige Beschreibungen der Gegend, die er in das Handlungsgeschehen integriert.

Davon hätte ich mir gerne mehr gewünscht, denn – abgesehen von der Vorstellung einer Art Straßennetz, die auf der zweiten Umschlagseite durch die bei derlei Krimis obligate Abbildung eines Landkartenausschnitts noch gestützt wird – zu einem wirklichen Mit-Atmen, Mit-Riechen, zu einem intensiveren Miterleben von Ortsgeschehen und Mittelmeer-Atmosphäre hat es bei mir dann doch nicht geführt.

Schade eigentlich – ich hätte Perez, der zentralen Figur dieses ersten Yann-Sola-Romans, gerne eine überzeugendere Geschichte – und damit auch ein besseres Urteil meinerseits – gewünscht! Aber da er als Serienheld angelegt ist, bekommen er und sein Autor ohne Zweifel eine zweite Chance. Und die sei ihnen vergönnt! Ich warte gerne darauf!

Der Blick  nach vorn... © Wolfgang Schiffer

Der Blick nach vorn… © Wolfgang Schiffer

PS: Wie sich die Bretonische Flut angesichts einer Lektüre am Wattenmeer behauptet hat, wird hoffentlich bald hier zu lesen sein – als eines der kommenden „Rauchzeichen“ in den „Wortspielen“.

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