Der Tote am Galgenfelsen

„Abgrund“ – ein neuer Thriller von Yrsa Sigurðardóttir

Reykjavík, Islands Hauptstadt © Wolfgang Schiffer

Im Lavafeld Gálgahraun auf der Halbinsel Álftanes, einer alten Hinrichtungsstätte, baumelt zwischen zwei Felskegeln ein Erhängter von einem über das Gestein gelegten Brett herab.

Erla, die Chefin der Mordkommission, und ihr Team haben nur wenig Zeit, die Leiche zu bergen, denn das Gelände ist von Bessastaðir, dem Sitz des Staatspräsidenten, aus einzusehen, und hier wird in Kürze eine hochrangige Delegation aus China erwartet, die nicht mit einem spektakulären Todesfall konfrontiert werden soll. Allzu hektisch wird der Strick durchgeschnitten, der Tote fällt hart zu Boden, und dabei geht, vom einen kleinen Fetzen abgesehen, ein Blatt Papier verloren, das an einem in die Brust getriebenen Nagel hing. Ein Selbstmord, auf den man zunächst gehofft hatte, war demnach also ausgeschlossen.

Der Tote ist Helgi, ein junger, unbescholtener Investmentbanker, der sein Geld in den Staaten gemacht hat und nun wieder in Reykjavík lebt, allein in einem luxuriösen Appartement mit Blick über die Bucht Faxaflói. Als Kommissar Huldar in Begleitung der jungen Lína, einer Studentin im Betriebspraktikum, auf Anordnung von Erla hier eintrifft, haben sich die Kinderpsychologin Freyja und ein Mitarbeiter des Jugendamtes über den Hausmeister des Gebäudekomplexes bereits Zugang zu der Wohnung verschafft; es hatte sie ein anonymer Anruf erreicht, dass sich hier ganz allein ein kleiner Junge aufhielte. Und in der Tat: Sie finden den etwa vierjährigen Siggi, der ihnen nicht recht erklären kann, wie er in die Wohnung des Ermordeten gekommen ist und noch weniger, warum; er möchte nur zurück zu seinen Eltern, vor allem zu seiner Mutter. Doch selbst als man deren Identität endlich hat feststellen können, bleibt sie, die, wie man von Siggi weiß, kurz vor der Geburt eines weiteren Kindes steht, wie vom Erdboden verschluckt. Und obwohl sich zunächst nicht die geringste Verbindung herstellen lässt zwischen dem Jungen, seinen Eltern und dem Mordopfer, befürchten Erla und ihr Team ein weiteres Verbrechen …

Wer hier etwas regelmäßiger liest, weiß wohl um meine Vorliebe für die Thriller der Isländerin Yrsa Sigurðardóttir, insbesondere für jene, in denen Kommissar Huldar und die Kinderpsychologin Freyja gemeinsam in die Fälle involviert sind, verspricht dies doch nicht nur ein facettenreiches Vorgehen zur Lösung derselben, sondern auch ein erotisch geladenes, von Zurückweisung und Anziehung geprägtes Miteinander der beiden Protagonisten.

Der aktuelle Fall, der vierte, diesmal von Tina Flecken für den btb Verlag ins Deutsche übertragene Thriller mit den beiden Akteuren, hat mich nun besonders angesprochen, verzichtet er doch auf allzu grausame, spektakuläre Schilderungen des Geschehens, an denen die Vorgänger nicht immer sparten. Stattdessen stellt er die Mühen der Ermittlungsarbeit, das Tableau der unterschwelligen Stimmungen zwischen den Kolleginnen und Kollegen im Kommissariat ebenso in den Mittelpunkt – und eine von den Lesern zweifellos erhoffte erneute Annäherung zwischen Huldar und Freyja, bei der deren Nichte, die kleine Saga, keine unbedeutende Rolle spielt.

Überhaupt, dieser vierte Fall beinhaltet nicht nur ein brisantes Thema (als Stichwort sei hier nur „Deep Web“ genannt) und liefert hierbei zahlreiche Wendungen, mehr noch als zuvor scheint die Autorin diesmal auf die Stimmigkeit, die Empfindungen und Probleme ihrer Charaktere Wert gelegt zu haben. So überzeugen mich die Darstellung der jungen Kollegin Lína in ihrer forschen, etwas nervigen Art ebenso wie die des schwulen Kollege Guðlaugur, die Schilderung der Probleme, die die unter Druck stehende hartkantige Erla mit der einen und der Unsicherheit, die Huldar im Umgang mit dem anderen hat – das scheint mir alles sehr lebensnah und daher authentisch zu sein und fördert die Lesefreude, selbst wenn man irgendwann ahnt, was die Hintergründe und Motive für das Verbrechen sind – ohne freilich bereits den Täter zu kennen.

Persönlich hat mich an diesem Thriller nur eins gestört: die letzte Überraschung zum Schluss. Die schien mir – vor allem im Blick auf den vierjährigen Siggi – allzu aufgesetzt, zu unrealsitisch, und doch weiß ich, dass die Geschichte ohne diesen Schluss so, wie sie geschrieben ist, nicht hätte funktionieren können. Das ist das Vertrackte bei Krimis – sie sind nun mal eine Konstrukt, und wenn man dieses nicht durchgehend bedingungslos akzeptiert, gerät plötzlich ein wenig Wasser in den über weite Strecken doch so schmackhaften Wein.

 

 

 

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Verstohlene Nächte auf Vorrat

Poetry Clip Nr. 13 / ELIF Verlag

Ausschnitt einer Internet-Seite des Verlags

Dincer Gücyeters neuer Poetry-Clip zu Publikationen aus dem ELIF Verlag stellt Gedichte aus dem 2017 erschienenen Gedichtband verstohlene nächte auf vorrat vor, von und mit seinem Autor Giuliano Spagnolo.

Zu dem Band heißt es:

Spagnolo legt das Ohr an die Zwischenräume der Zeit und füllt mit seiner Lyrik die ungesagten Hohlräume menschlicher Empfindung. Seine zum Teil hochkonzentrierten Gedichte sind weniger eine Reise als ein Ausharren im Stillstand mit einem gefächert -ungenierten Blick für die Mosaikstücke des Momentes und seiner Vergänglichkeit.

 

 

 

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Wir reisen in Milch …

PEN-Mitglieder lesen literarische Texte in Zeiten der Pandemie…

Island

PEN-Mitglieder lesen literarische Texte in Zeiten der Pandemie und werben damit zugleich um Unterstützung für die Arbeit des PEN Zentrum Deutschlands, u. a. für Kampagnen für Autorinnen und Autoren, deren Gesundheit und Leben akut bedroht sind.

Ich schätze mich glücklich, mit drei Gedichten aus dem Band Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können von Ragnar Helgi Ólafsson, den ich gemeinsam mit Jón Thor Gíslason für den ELIF Verlag (3. Auflage März 2020) übersetzen durfte, bei dieser Aktion dabei zu sein …

Zum Hören bitte dem Link folgen:

https://player.vimeo.com/video/419846008

Alle weiteren Beiträge von PEN-Mitgliedern, die bisher online gestellt wurden, finden sich auf dieser Seite.

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Grand Tour – Reisen durch die junge Lyrik Europas Hanser Verlag

Der Empfehlung von Marina Büttner schließe ich mich sehr gerne an!

730 Stimmen und 49 Länder auf 584 Seiten. Quer durch Europa mit Gedichten, eine wundervolle Entdeckungsreise, eine Fülle an Leseanregungen. Alle Autoren sind mit ihren Büchern im Anhang zu finden (allerdings ohne biographische Daten). Jedes Gedicht wurde in deutscher Übersetzung und der Originalsprache abgedruckt. Es wurde weder irgendwie chronologisch noch alphabetisch verfahren. Die Herausgeber haben sich entschieden die Texte in sieben verschiedene Reisen/Kapitel zu unterteilen. Dabei sind all die bekannten und großen Dichternationen, aber auch kleine Länder mit vollkommen unbekannten Namen. Von Island bis Georgien, von Portugal bis Estland oder von Finnland bis Belgien. Bretonisch, irisch, samisch, rätoromaisch: Alles wurde übersetzt. Alle haben eine gleichwertige Stimme.

Den vollständigen Artikel lesen Sie auf Literaturleuchtet unter folgendem Link:

Grand Tour – Reisen durch die junge Lyrik Europas Hanser Verlag 

Lieben Dank, Marina Büttner, für dieses schöne Aufmerken zu dieser Anthologie.

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„Es war spät Abend – erster Mai …“

Karel Hynek Máchas romantisches Liebesepos in überarbeiteter Neuübersetzung

Blick vom Petřín über Prag

Dieser Beitrag kommt zu spät oder zu früh – ganz wie man es sehen möchte. Er hätte bereits zum 1. Mai erscheinen oder noch „auf Eis liegen“ sollen, bis zum 10. November dieses Jahres, dem Tag, an dem sich der Geburtstag  d e s  tschechischen Dichters  der Romantik zum 210ten Mal jährt.

Doch wie auch immer, dass ich hier überhaupt erneut auf diesen Großen der tschechischen Literatur eingehe, hat allein einen Grund: Der tschechisch-österreichische Autor, Übersetzer und Verleger Ondrĕj Cikán hat seine 2012 im Verlag Labor erschienene Übersetzung von Máj, Karel Hynek Máchas Hauptwerk, noch einmal überarbeitet und mit einem umfangreichen, wissenschaftlich fundierten Nachwort, u. a. zu den literarischen Einflüssen, den verschiedenen deutschsprachigen Fassungen sowie zur internationalen Rezeptionsgeschichte des Werks versehen. Erschienen ist diese Neufassung nun vor wenigen Wochen im Kĕtos Verlag, Wien und Prag, ein sorgfältig ediertes, zweisprachiges Werk, dessen Originaltext der neuesten wissenschaftlichen Edition folgt und das durch ebenso einfache wie die Vorstellung anregende Illustrationen des tschechischen Zeichners und Bühnenbildners Antonín Šilar eine besondere Anmutung erhält. 

Es war spät Abend – erster Mai –
Abends der Mai war Liebeszeit.
Das Täubchen rief zur Lieb herbei,
Der Föhrenhain duftete weit.
Von Liebe flüsterte das Moos;
Und blühend log von Schmerz ein Baum,
Die Nachtigall sang ihren Traum,
Die Rose schwieg, sie seufzte bloß.

So beginnt Máj / Mai, das lyrische Drama über einen zum Tode Verurteilten, dessen Vergehen darin besteht, die Verführung seiner Liebsten gerächt zu haben, und viele Tschechinnen und Tschechen wissen diese Zeilen (und / oder andere aus dem Werk) auch heute noch auswendig zu zitieren. Diese Wertschätzung des Epos war jedoch nicht immer gegeben; es hat ein paar Jahre gedauert, bis der 1810 in Prag geborene Dichter Karel Hynek Mácha bei seinen Landsleuten beliebt wurde, sein Hauptwerk musste er 1836 sogar noch im Eigenverlag publizieren, nur wenige Monate vor seinem frühen Tod am 5. November (einige Quellen nennen auch den 6. November) desselben Jahres.

Erst ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sah man in ihm den wichtigsten Vertreter der tschechischen Romantik – eine Wertschätzung, die seither ungebrochen anhält, ja, vielleicht ist Máj / Mai sogar das bekannteste Gedicht in Tschechien überhaupt.  Besonders unter Künstlern löste es einen wahren Mácha-Kult aus – und auch heute noch spazieren Jahr für Jahr an diesem 1. Mai die Liebespaare (ich nehme mich und meine Liebste hier gar nicht aus) auf den Petřín, den bewaldeten Hügel im westlichen Teil von Tschechiens Hauptstadt Prag, um sich hier vor dem Denkmal des Dichters zu küssen und sich ihrer Liebe zu versichern.

Das Denkmal zu Ehren von Karel Hynek Mácha, geschaffen in den Jahren 1910 bis 1912 von dem Bildhauer Josef Václav Myslbek und dem Architekten Antonín Balšánek. Fotos © Wolfgang Schiffer

Die beginnende Wertschätzung in Tschechien brachte im 19. Jahrhundert bald auch erste Übersetzungen ins Deutsche mit sich, u. a. von Siegfried Kapper, Alfred Waldau und Karl Müller. Besonders jene von Alfred Waldau (1837 – 1882), einem Offizier der Österreichischen Armee, der für seine Übersetzungen tschechischer Werke und der Vermittlung traditioneller tschechischer Kultur bekannt und geschätzt war, lässt bereits die Bildmächtigkeit und Wortgewalt des jungen Dichters Mácha erkennen – die aktuelle Neufassung von Ondrĕj Cikán jedoch befreit das Werk um den sich von der Erde verabschiedenden Mann vom Zwang des in der Übersetzungstradition der damaligen Zeit obligatorischen Versmaßes und gibt dem Epos – dem Original adäquat – nun eine frische, wunderbarst klangvolle lyrische Gestalt, bei deren Lektüre man umso mehr versteht, warum das Werk im Original eine so hohe Wertschätzung erfahren hat und in seinem Reichtum an Sprache gewordenen Emotionen und Bildern so manchen anderen Künstlern in Tschechien sogar zum Vorbild wurde.

 Tiefe Stille. – Die Mauer sät
Tropfen auf Tropfen nieder.
Des hohlen Fallens Trockenheit,
Die in der feuchten Zelle steht,
Mißt die nächtliche Zeit,
Klingt – vergeht –­ klingt und vergeht –
Klingt – vergeht – klingt und vergeht dann wieder.

Zum Schluss: Auch wenn das Epos nach Prag und auf den Petřín lockt (eine von Deutschland aus zurzeit leider nicht zu realisierende Verlockung) und auch der 1. Mai längst vorüber ist, Prag bleibt auch für die Zukunft immer eine Reise wert – und dieses Epos das Lesen (und das geht bekanntlich immer!)

 

 

 

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