Neu: Die Edition Elektrobibliothek und wieder neu: «Die Befragung des Otto B.» von Wolfgang Schiffer

„Die Befragung des Otto B.“ ist (…) mehr als nur Sozialisationsgeschichte eines Autors, sondern stellt einen heranwachsenden Menschen in seine Zeit, lässt ihn die Auswirkungen des westdeutschen Wirtschaftswunders erleben, das Dilemma der Nachkriegsgeborenen erleiden, die die Stille und das Schweigen zur jüngsten Geschichte erst an den Autoritäten zweifeln, dann verzweifeln ließ. Kalter Krieg, Nato, Verkrustungen. RAF.

Welch eine Überraschung: Meine erste Publikation ist nicht nur neu aufgelegt worden – sie wurde nach 44 Jahren sogar noch einmal kritisch in Augenschein genommen! Ganz herzlichen Dank!

[ˈiːbʊk] Elektro vs. Print

««

Den Anlass zur Befragung gibt eine Tat des B., deren Umstände beleuchtet werden, im besten Fall, so scheint es anfangs, soll eine Nachvollziehbarkeit der Ereignisse angestrebt werden, die zu dieser ein wenig unsinnigen, trotzdem strafbar zu ahndenden Tat trieben. Die Frage, die sich stellt: Ist der Endpunkt –die Tat- logisch oder verfehlt, aber folgerichtig?

Der P. befragt den B. Das ist Inhalt, Ordnung und Struktur in der Befragung des Otto B., Wolfgang Schiffers erste Prosaarbeit. Das Ende der Spielhandlung sind die Siebziger Jahre der Bundesrepublik. Es schließt sich eine Erzählung über Lebensweisen, über Sinnsuche und Sinnhaftigkeit an. Der Justizbeamte nimmt Systeme hin, der andere lehnt sich dagegen auf, findet seinen einen Platz im Leben nicht. Die Befragung erstreckt sich über mehrere Tage,  B. gibt sich und dem Justizbeamten Auskunft über seine Menschwerdung, über den Zweifel und das Scheitern. B. erleichtert sich geradezu. Er legt alles offen, zum Beispiel, was…

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Live und nur am Wochenende: „Das Büro“ von J. J. Voskuil

Ein Lese-Projekt des Kultursalons Freiraum in Köln

Haben Sie sich auch schon gefragt, wie eigentlich gearbeitet wird hinter den Bürotüren eines wissenschaftlichen Instituts? In der Domstadt Köln ist dies demnächst zu erfahren, und das in einem gewagten Experiment: Der Kultursalon Freiraum gibt hier dem Romanzyklus Das Büro von J.J. Voskuil – in seiner zeitlos absurden Komik Kult in den Niederlanden ­– eine Stimme, und das, so der Plan, vom ersten bis zum letzten der sieben von Gerd Busse auch ins Deutsche übertragenen und im Verbrecher Verlag, Berlin, erschienenen Bände.

Und ich freue mich, nach bereits mehreren Einzel-Präsentationen des Werks – zusammen mit dem Übersetzer und dem Lektor Ulrich Faure in Leipzig, Münster, Göttingen und anderen Städten – nun auch in Köln diese Stimme sein zu dürfen. Zumindest so lange sie trägt. Denn wenn das Experiment gelingen sollte und der Zuspruch über Wochen und Monate anhielte, so würde irgendwann wohl ein anderer in die Rolle des Vorlesers schlüpfen müssen, um dem Publikum die mehr als 5000 Seiten abschließend zu Gehör zu bringen! Doch begonnen wird erst einmal, und zwar bald: am Samstag, dem 27. Januar, morgens um 11:00 Uhr.

Die Fortsetzung findet dann am Sonntag statt, allerdings erst zur „Teezeit“ um 17:00 Uhr. Und in diesem Rhythmus geht es dann weiter – an jedem letzten Wochenende eines Monats.

Nähere Einzelheiten zum Programm des Kultursalons Freiraum allgemein, zu den jeweiligen Eintrittspreisen sowie die genaue Adresse und die Anreisemöglichkeiten finden sich bei Interesse hier.

Und nun kurz zu dem Romanzyklus selbst: Er schildert Leben und Arbeiten des wissenschaftlichen Angestellten Maarten Koning, des literarischen Alter ego des Autors, im Amsterdamer Institut für Volkskultur von 1957 bis in die 1980er Jahre. Es geht um Zuspätkommen und Kaffeepausen, um Kompetenzstreitigkeiten, Bürotratsch, Wehwehchen und nicht zuletzt um gegenseitige Verdächtigungen und Intrigen.

Maarten verbringt seine Tage mit dem Anlegen von Karteikarten über alles, was er nicht versteht und von dem er hofft, es später vielleicht doch einmal zu verstehen. Er langweilt sich auf zahllosen Sitzungen wissenschaftlicher Kommissionen oder Arbeitsgruppen, wo er den Wissenschaftler geben muss – und hadert derweil mit seinem Schicksal und nach Feierabend manchmal auch mit seiner Gattin Nicolien.

J.J. Voskuil schildert mit großer Detailfreude den Büroalltag mit all seinen typischen Kommunikationsriten und Absurditäten. Gerade weil man vieles aus dem eigenen Alltag wiedererkennt, wird die Begegnung mit diesem literarischen Zeit- und Mentalitätsgemälde zu einem süchtig machenden Vergnügen! Und das selbst dann, wenn man bei der Lesung des KulturSalons Freiraum nicht alles in der angelegten Chronologie wahrnehmen kann: jede Seite des Romanwerks ist ein Lese- und Hörvergnügen, das staunen und lachen macht – auch wenn man nicht selten erkennen muss, dass in vielen der Charaktere auch ein Stück von einem selber steckt!

Johannes Jacobus Voskuil, geboren 1926 in Den Haag, war ein niederländischer Volkskundler. Bereits 1963 veröffentlichte er seinen ersten Roman, doch zur Berühmtheit der niederländischen Literatur wurde er erst mit dem Romanzyklus Das Büro, dessen erster Teil 1996 und dessen letzter 2000 erschien. Er wurde 1997 mit dem Ferdinand Bordewijk Prijs und 1998 mit dem Libris Prize ausgezeichnet. J.J. Voskuil starb 2008 in Amsterdam.

Die Edition:

Das Büro 1. Direktor Beerta – 978-3-95732-006-3
Das Büro 2. Schmutzige Hände – 978-3-95732-007-0
Das Büro 3. Plankton – 978-3-95732-008-7
Das Büro 4. Das A. P. Beerta-Institut – 978-3-95732-009-4
Das Büro 5. Und auch Wehmütigkeit – 978-3-95732-010-0
Das Büro 6. Abgang – 978-3-95732-011-7
Das Büro 7. Der Tod des Maarten Koning – 978-3-95732-012-4

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Ob Gift oder Kettensäge – Mord ist Mord (1)

Neue Kriminalromane aus Island

Island – Blick über eine Bucht

Auch wenn das Lesevergnügen nicht immer gleich groß war, ich hätte mir die letzten Tage des vergangenen Jahres nur schwerlich entspannter vorstellen können als mit der Lektüre dreier, recht aktuell erschienener Kriminalromane aus Island. In loser Folge möchte ich diese nun in kommenden Beiträgen vorstellen.

Im Oktober 2017 erschien mit Blindes Eis der dritte Roman der in Island inzwischen bereits weiter fortgeschrittenen Serie von Ragnar Jónasson mit Ari Þór Arason, dem Dorfpolizisten von Siglufjörður, als zentralem Charakter. Im Gegensatz zu seinen Vorläufern Schneebraut und Todesnacht, die als Hardcover im Scherz Verlag erschienen sind, ist es nun der Fischer Taschenbuch-Verlag, der dem deutschsprachigen Krimi-Fan die Lektüre ermöglicht.

Das ist natürlich nicht weiter von Bedeutung, irritierend ist nur, das sei doch angemerkt, dass die Übersetzung – wie seinerzeit durch Ursula Giger oder Tina Flecken geschehen – nun nicht mehr auf das 2012 erschienene Original zurückgreift, sondern sich einer späteren englischen Fassung bedient. Und das gänzlich ohne Not, denn dass es seit Jahren genügend gute Übersetzerinnen und Übersetzer aus dem Isländischen gibt, ist durch die Präsenz isländischer Literatur auf dem hiesigen Buchmarkt hinlänglich bewiesen.

Vielleicht ist es dieser aus meiner Sicht unschönen Praxis auch geschuldet, dass man sich häufiger etwas untypisch zum Dinner trifft oder sich nicht immer ganz sicher zu sein scheint, ob es sich bei einer Ansammlung von Wasser um einen See, eine Lagune oder einen Fjord handelt.  Auch weiß man sich offensichtlich nicht so recht zu entscheiden, wie denn nun mit Eigennamen umzugehen sei: Während der Fjord Héðinsfjörður und andere zu Recht so geschrieben sind, wie sie nun mal heißen, wird der am ersteren geborene Héðinn zu Hédinn und auch seine Mutter Guðfinna sowie andere Personen (mit Ausnahme von Ari Þór) verlieren häufig ihre richtige isländische Schreibweise.

Die Geschichte selbst – sie findet auf zwei Ebenen und an zwei Orten statt: in dem Fischerdorf Siglufjörður im Norden Islands und in der Hauptstadt Reykjavík – sie ist von diesem Mangel an Sorgfalt und Konsequenz natürlich nicht berührt.

Weil im Krankenhaus von Siglufjörður ein Patient an Ebola gestorben ist, steht das Dorf unter Quarantäne. Niemand darf es verlassen, den Bewohnern ist gar dringlichst empfohlen, in ihren Häusern zu bleiben und jeglichen Kontakt mit anderen Menschen zu meiden. Allein der Polizist Ari Þór und sein Chef Tómas sind davon ausgenommen; sie wechseln sich stetig auf ihrer Wache ab und achten Tag und Nacht darauf, dass die getroffenen Maßnahmen eingehalten werden.

Auf einer seiner Wachen erhält Ari Þór allerdings Besuch vom bereits erwähnten Héðinn, der ihn bittet, einer alten Geschichte nachzugehen. Seine Eltern hätten in den fünfziger Jahren an der  ansonsten unbewohnten Lagune vor dem benachbarten, doch schwer zugänglichen Héðinsfjörður vorübergehend einen Bauernhof gepachtet und bewirtschaftet, zusammen mit seinem Onkel Maríus und seiner Tante Jórunn, der Schwester seiner Mutter. Diese sei jedoch einige Zeit nach seiner Geburt gestorben – an Gift, das sie aus Versehen genommen habe, wie es hieß – doch wären die meisten, die davon erfahren hätten, überzeugt gewesen, dass es Selbstmord war …

Und er, Héðinn, wolle nun endlich wissen, wie und warum seine Tante tatsächlich gestorben sei! Ja, und ob es sich in Wahrheit nicht vielleicht sogar um Mord gehandelt habe? Und er berichtet Ari Þór von einem Familienfoto, das vermutlich von seinem Onkel aufgenommen worden und erst nun von Bekannten in der Hauptstadt entdeckt worden sei. Zu sehen seien darauf vor dem bäuerlichen Anwesen seine Tante, sein Vater, seine Mutter und er selber – allerdings auf dem Arm eines jungen Burschen, von dem weder er noch sonst jemand je etwas gehört habe! Wer ist dieser Kerl – und hat er vielleicht Schuld am Tod seiner Tante?

Ari Þór, der in dem unter der Quarantäne erstarrten Dorf nur wenig zu tun hat, verspricht, sich den damaligen Fall noch einmal anzuschauen. Unterstützung erhält er dabei von der Fernsehjournalistin Ísrún in Reykjavík (Leserinnen und Leser der Kriminalromane von Ragnar Jónasson kennen sie bereits …), die ihn wegen eines Interviews zur Lage in Siglufjörður kontaktiert. Ari Þórs Bericht über den alten Fall weckt jedoch auch ihre Neugier und so recherchiert sie für den Polizisten einige Spuren, die in die Hauptstadt führen.

Hier jedoch erfordern zugleich zwei andere Ereignisse ihr ganzes journalistisches Gespür und Können: Der abgehalfterte, drogenabhängige Musiker Snorri Ellertsson, Sohn eines angesehenen, einst mächtigen Politikers und ehemaliger Freund des jetzigen Ministerpräsidenten Marteinn, ist auf dem Weg zu einem Musikstudio tödlich überfahren worden. Und vom Fahrer des Todeswagens fehlt jede Spur.

Keine Spur gibt es auch von dem Baby, das seine Mutter Sunna vor dem Café, in dem sie sich kurz mit einer Freundin traf, wie in Island üblich schlafend im Kinderwagen gelassen hatte. Irgendwer musste das Kind entführt haben – und Róbert, Sunnas neuer Freund, auf den eine dunkle Vergangenheit zu lasten scheint, ahnt das Schlimmste …

Es ist gediegene Krimi-Unterhaltung, die Ragnar Jónasson dem Leser mit Blindes Eis serviert, mit etwas allzu verhaltener Spannung vielleicht und, abgesehen von den zentralen Protagonisten, gelegentlich mit Charakteren, die mehr dem Transport notwendiger Informationen zu den Fällen dienen, als dass sie wirkliches Profil erlangten.

Ein Pageturner, wie man so sagt, ist die Geschichte (so viel darf verraten werden …) um ein unfassbares Familiendrama, einen verzweifelten Racheakt und die üblichen politisch-intriganten Manöver also eher nicht – doch ist sie packend genug, dass man das Buch keinesfalls aus der Hand legen will. Dazu tragen auch das Ambiente bei, in dem die Fälle spielen, und die eher privaten Umstände ihrer zentralen Figuren – Ari Þórs erneute Annäherung an seine Freundin Kristín, die sich zuletzt im Streit von ihm getrennt hatte und nun in Akureyri lebt, sowie Ísrúns steter Kampf mit ihrem Redaktionsleiter und, weit existentieller, mit einer schweren Krankheit.

Gewidmet hat der Autor sein Buch dem Andenken seiner Großeltern, Þ. Ragnar Jónasson und Guðrún Reykdal. Auf den Aufzeichnungen seines Großvaters von Geschichten aus und über Siglufjörður, erschienen 1996 im Verlag Vaka-Helgafell, basiert die Schilderung der Reise einer Frau von Hvanndalir nach Héðinsfjörður im dritten Kapitel des Buches. Das Geschehen selbst ist laut Autor jedoch in allen Belangen frei erfunden. Unwahrscheinlich ist es dennoch noch lange nicht.

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Paul-Henri Campbell. nach den narkosen

Trotz jahresendzeitlicher Bloggerpause: Diesen Gedichtband will ich auf diesem Wege dringlichst empfehlen und zugleich Kerstin Fischer danken für ihre gute Besprechung!

Rosinante Literaturblog

„und die sättigung rotlichtlein dort am finger / vergesse nicht vom tropf fällt flauschig schlaf / sobald sie fortgeht die nachtlang über herzen.“

Jour fixe mit dem Tod, den die Maschinen umzingeln. Paul-Henri Campbell, der seit frühester Kindheit an einem Herzfehler leidet, kennt ihn. Die Gedichte des ersten Teils des Bandes, der ihm auch den Titel gibt und jener, der überschrieben ist mit „ein heer von engeln und scholastern“ – hier gleichsam eine Losung setzend – sind ihm gewidmet, könnte man meinen. Oder verbirgt sich dahinter eher eine Hommage an den Segen der Medizin? Mitnichten. Klein, blass und ausgeliefert scheint das Individuum, wenn es so frisch operiert daliegt, verkabelt in eine schmale Zeit.

Obendrein suppt und tröpfelt es in den Gedichten, und es geht blutig zu in dem sterilen Trancezustand nach dem Erwachen aus den Narkosen. Das macht die Gedichte ob ihrer Thematik abstoßend, ob ihrer Poesie ungemein anziehend. Der…

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2017 >< 2018

Liebe Freunde, kæru vinir, dear friends, milí přátelé!

Island – Ein Sehnsuchtsort, auch im kommenden Jahr!

  Wir wünschen Euch allen frohe Festtage und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Við óskum ykkur öllum gleðilegrar jólahátíðar og alls hins besta á komandi ári um leið!

We wish you all a merry Christmas and a happy New Year!

Přejeme vám všem poklidné Vánoce a štastný nový rok!

Mit lieben Grüßen – Með kærum kveðjum – All the best – Srdečně

Marketa & Wolfgang

 

Die „Wortspiele“ verabschieden sich in eine kurze Winterpause!

Auf Wiederlesen im nächsten Jahr!

Praha – Ein Sehnsuchtsort, nicht minder!

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