Naira Gelaschwili – Ich bin sie

Schön besprochen und empfohlen, danke! Und gerne mit weiteren Leserinnen und Lesern geteilt!

Muromez

Mal himmelhoch jauchzend, wenig später zu Tode betrübt, optimistisch, dann wieder desillusioniert. Beim ersten Verlieben fahren die Emotionen Achterbahn. Georgerin Naira Gelaschwili hat eine kreative Erzähltechnik gewählt, um diese Gemütslage zu beschreiben: Die Protagonistin führt mit ihren Ichs Zwiegespräche.

Nia, etwa 13 Jahre alt, beschattet, verfolgt und beobachtet ihn. Gogi, Medizin-Student um die 20, wohnt im Haus gegenüber – beide können gegenseitig in ihre Fenster schauen. Sie weiß, wann er in den Bus steigt und von der Uni nach Hause fährt. Scheinbar weiß er aber kaum etwas von ihr …

Die Erzählerin versetzt sich in den Zustand als Teenagerin. Dann wechselt sie wieder in die Gegenwart: 50 Jahre später hat sie noch nicht mit ihm abgeschlossen, verlor Gogi aus den Augen und sucht nach ihm. Dabei intervenieren beide Ichs. Wenn beim jungen Ich das »fürchterliche Herzklopfen« einschreitet, mahnt das ältere oder gibt Tipps. Beide geraten in Konflikte, sind unterschiedlicher Meinung…

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Sigurður A. Magnússon (SAM) – ein letztes Geleit

Trauerfeier in der Hallgrímskirkja

Am 19. April 2017 wurde in Rekjavík der große isländische Schriftsteller und kulturelle Brückenbauer Sigurður A. Magnússon beerdigt.

Zu seinem Tod s. den Beitrag Alles steht an seinem Platz.

Foto und Artikel in der isländischen Tageszeitung Morgunblaðið

Acht Freunde und Weggefährten, darunter die Schriftsteller Árni Bergmann, Árni Larsson und Pétur Gunnarsson sowie der ehemalige Außenminister Jón Baldvin Hannibalsson und der Verleger Gísli Már Gíslason, trugen den Sarg aus der Hallgrímskirkja, in der die Trauerfeier stattfand.

Die Trauerrede hielt Bischof Karl Sigurbjörnsson, die Organistin war die Tschechin Lenka Mátéová. Die Schauspieler*innen Sigurður Skúlason und Kristbjörg Kjeld trugen von SAM, wie seine Freunde ihn nannten, selbst verfasste und übersetzte Gedichte vor, die Gebrüder Ögmundur und Bjarni Frímann Bjarnason spielten das Indianische Lamento, den 2. Satz aus Antonin Dvořáks Sonantine G-Dur für Violine und Klavier op. 100.

R.I.P.

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Zum Welttag der Stimme…

… ein Besuch im Max Ernst Museum in Brühl

Ausschnitt aus dem Flyer zur Ausstellung

Natürlich hätte ich mir heute auch eines der vielen Hörbücher anhören können, die sich im Rahmen meiner Jurytätigkeit für den Preis der deutschen Schallplattenkritik bereits wieder  angesammelt haben, hätte mir mithilfe dieses Mediums etwas vorlesen lassen können von großen, professionellen Stimmen – ja, ich hätte mir zu diesem Welttag der Stimme am heutigen Tag auch selber etwas laut vorlesen können – aber nein, ich musste ja ins Museum!

Das Max Ernst Museum in Brühl

Die Ausstellung Jürgen Klauke – Selbstgespräche – Zeichnungen 1970 – 2016 stand bereits seit längerem auf meinem Besuchsplan; diesen Werksteil des Künstlers, den ich noch aus den guten alten Zeiten des Roxy, einer Künstlerkneipe in der Maastrichter Straße in Köln Anfang der 70er Jahre, persönlich kenne, hatte ich zum Beispiel im Vergleich mit seinen inszenierten Fotografien nämlich nie ausreichend verfolgt, so dass genau diese retrospektive, bis in die Gegenwart hineinreichende Auswahl versprach, das Versäumte nachholen zu können.

Eintrittskarte, Flyer und Broschüre zur Ausstellung

Meine Erwartung wurde nicht enttäuscht, doch kann ich optisch leider nicht belegen, warum dies so ist: fotografieren war in der Ausstellung natürlich strengstens verboten.

Als ich zu meiner Überraschung dann jedoch sah, dass eine der Serien von Jürgen Klauke – geradezu passgenau zum Tag, dem Welttag der Stimme  – den Titel Voces/Stimmen trägt, habe ich das Verbot, man vergebe mir, doch kurz ignoriert… Die Versuchung war schlicht zu groß!

Auswahl aus der Serie Voces/Stimmen, Bleistift auf Papier 2010

Besonders faszinierend an dieser Serie (wie auch an weiteren Zeichnungen…) finde ich, dass ihre Motive in einer Weise gestaltet sind, die an Body-Art und Performance-Kunst erinnert, zu dessen Pionieren Jürgen Klauke gezählt wird. Vielleicht lässt sich dies ansatzweise auch für den Betrachter dieses Beitrags erkennen, auch wenn die mangelnde Qualität der schnell geschossenen Fotos natürlich nicht wirklich die Originale repräsentieren kann.

wie zuvor …

Weitere Informationen zum Künstler Jürgen Klauke finden sich hier auf seiner Homepage – Informationen zum Max Ernst Museum an dieser Stelle.

Die Ausstellung ist noch bis zum 16. Juli dieses Jahres zu sehen. Einen Besuch empfehle ich gerne!

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Jón Kalman Stefánsson: „Fische haben keine Beine“

Gelesen, natürlich – aber nie besprochen! Doch stimme ich dieser Besprechung im „leseschatz“ sehr gerne zu! Einmal mehr ein großen Roman eines großartigen Schriftstellers!

leseschatz

Piper Fische haben keine Beine

Das Buch „Fische haben keine Beine“ von Jón Kalman Stefánsson ist ein sprachlich und inhaltlich großer Roman, der aus der Sicht eines namenlosen Erzählers über mehrere Generationen erzählt.
Die Charaktere und deren einzelne Schicksale ergeben den einzelnen Ton und zusammen spielen sie eine progressive Melodie, die voller Leben ist.
Wir landen mit dem Text in Keflavik, einer Hafenstadt in Südwestisland, wo das bekannteste Bauwerk, der Flughafenhangar auf einer alten Luftwaffenbasis, ist.

„In Keflavik gibt es drei Himmelsrichtungen: den Wind, das Meer und die Ewigkeit.“

Wie es scheint ist Keflavik ein karger, unwirtschaftlicher Ort, in dem der Erzähler und Ari als Jugendliche lebten und diesen als Erwachsene wieder verließen. In der Gegenwart kommen sie zurück in den Ort, der ein Vergessen symbolisiert. Das Buch reflektiert die Ereignisse in Aris Familie von Beginn des Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Ein gefüllter Familienroman mit vielen verwobenen Geschichten.

Ari kehrt in seine Heimatstadt zurück…

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Auflauf bei Leipziger Buchmesse – Fenstersturz zu Prag

Von echten und anderen Begegnungen

Blick aus meinem Hotel über Leipzig-Gohlis

Leserinnen und Leser meiner „Wortspiele“ wissen dies schon: nach dem Besuch der Buchmesse in Leipzig führt mein weiterer Weg so gut wie stets nach Prag. So auch in diesem Frühjahr – und längst schon hätte ich ein wenig darüber berichten wollen, doch nach meiner Rückkehr an den heimischen Schreibtisch sah ich mich erst einmal gefordert, ja, geradezu überfordert von den Dingen, die sich dort inzwischen zur zügigen Verarbeitung angesammelt hatten. Und als dieser Berg ein wenig abgetragen war, erhielt ich die traurige Nachricht vom Tod des isländischen Schriftstellers Sigurður A. Magnússon, mit dem ich viele Jahre in Freundschaft verbunden war. Da will man kein Bildmaterial sichten, nicht an das Skizzieren  doch zumeist vergnüglicher Erlebnisse denken, sondern allein an diesen Mann.

Heute aber bin ich wieder etwas offener für andere Erfahrungen und habe mir zu meiner besseren Erinnerung angeschaut, was ich denn an Aufnahmen zurückgebracht habe von meiner diesjährigen kleinen Leipzig-Prag-Kombinationsreise. Mit Blick auf die Messe ist interessant, dass ich offensichtlich vorwiegend frühmorgendliche, leere Verlagsstände fotografiert habe. Ich will jetzt nicht darüber nachdenken, ob dies eine tiefere Bedeutung hat (wie wachsender Überdruss angesichts des zu erwartenden Auflaufs in überfüllten Hallen, zunehmende Menschenscheu und so weiter…) – vielleicht ist es ja auch nur der Versuch gewesen, mir jene Verlags- und sonstigen Aussteller ein wenig ins Gedächtnis zu brennen, mit deren Repräsentanten ich später am Tage noch sprechen wollte. Bildunterschriften benötigen die Fotografien nicht – sie sprechen (pars pro toto) für sich selbst (und ein wenig auch für meine Vorlieben).

Ein paar Begegnungen gab es natürlich auch, zum Beispiel mit der Isländerin Auður Jónsdóttir, die auf dem Nordischen Forum in Halle 4 ihren autobiografischen Roman Wege, die das Leben geht (btb) vorstellte…

Auður Jónsdóttir

… und mit einer weiteren Isländerin, die ich an dem Ort, wo ich sie zufällig traf, nie und nimmer erwartet hätte: Yrsa Sigurðardóttir, die unbestrittene Queen unter den Kriminalschriftstellerinnen der Insel und mehr und mehr sehr weit darüber hinaus. Sie überraschte mich im Literischen Salon NRW bei der Vorstellung ihres letzten Thrillers DNA ( ebenfalls btb).

Yrsa Sigurðardóttir

Nun, erwähnen will ich auch noch „The Voice“, den Ehrenpreisträger 2017 des Preises der deutschen Schallplattenkritik Christian Brückner, dem ich nun endlich zu dieser Auszeichnung für sein exzellentes Interpretieren und Lesen bester Literatur auch persönlich gratulieren konnte; es war wie immer eine große Freude, mit ihm und seiner Frau Waltraut ein wenig zu plaudern.

Christian Brückner

Von doch manch weiteren Begegnungen, auch mit von mir sehr geschätzten Blogger-Kolleginnen und –Kollegen, will hier nicht weiter sprechen, ebenso nicht von den schönen Erfahrungen, die ich bei eigenen Veranstaltungen im Rahmen von Leipzig liest / Leipzig hört auf der Messe, in der Alten Handelsbörse und mit Sächsischen Psychiatriemuseum machen durfte – erwähnen will ich aber noch den Genuss der Abendsonne, die sich an den Tagen meines diesmaligen Leibzigaufenthalts über dem Gohliser Schlösschen zeigte.

In Prag war das Wetter nicht weniger schön, doch war ich diesmal familiär recht eingebunden, so dass sich nur wenige Möglichkeiten für ausgedehnte Streifzüge durch das Stadt- und Kulturleben auftaten.

Das Sommerschlösschen Hvĕzda

Neben einem kurzen Spaziergang in einem meiner dortigen Lieblingsparks, an dessen   Ende das Sommerschlösschen Hvĕzda steht, haben meine Frau und ich allerdings auch dem Prager Loreto einen Besuch abgestattet, einem barocken Gebäudekomplex auf dem Hradschin mit der Kirche Christi Geburt, gegenüber dem Czernin Palast, der ab 1928 (mit Unterbrechung während der deutschen nationalsozialistischen Besetzung) zunächst der Tschechoslowakischen Rebublik unter ihrem ersten Präsidenten Tomáš Garrigue Masaryk als Außenministerium diente und auch in der Tschechischen Rebublik heute noch Sitz dieses Ministeriums ist.

Das Prager Loreto

Ich würde dies sicherlich nicht so ausführlich erwähnt haben, wenn mich meine Frau auf der an dem Areal vorbeiführenden Straße Loretánská nicht auf etwas hingewiesen hätte, das mein Interesse an Literatur (und notabene an Menschen, die sie schaffen…) auf denkwürdigste Weise mit der Politik jener Zeit in Verbindung gesetzt hätte.

Die Straße Loretánská

Hier, am Haus Nr. 13 hängt eine Tafel, die Auskunft darüber gibt, dass die amerikanische Schriftstellerin Marcia Davenport von 1947 bis 1948 in diesem Gebäude gewohnt hat.

Die Tafel, die auf Marcia Davenport verweist

Ich gestehe, dass ich mit dem Namen Marcia Davenport auf Anhieb nichts verbunden habe; erst später, als ich wieder Zugriff auf das weltweite Netz hatte, kamen mit der Lektüre auch vage Erinnerungen: an ihre Mozart-Biografie, an die Verfilmung ihres Romans Das Tal der Entscheidung mit Gregory Peck, an den Roman East Side West Side; nichts allerdings verband ich mit dem noch 1967 im Winkler Verlag erschienenen autobiografischen Werk Stärker als Phantasie – Ein halbes Jahrhundert Literatur, Musik und Politik zwischen New York, Berlin und Prag.

Von einem nicht unbedeutenden Ausschnitt hieraus wusste jedoch meine Frau mir zu berichten.

Marcia Davenport war die Verlobte von Jan Masaryk, Sohn jenes ersten Präsidenten der Tschechoslowakischen Republik und in den Jahren 1925 bis 1938 Botschafter in Großbritannien. Als solcher musste er am 30. September 1938 hilflos miterleben, wie der  dortige Premierminster Neville Chamberlain und sein französischer Amtskollege Édouard Daladier unter Vermittlung Mussolinis Adolf Hitler die Eingliederung des Sudentenlandes in das Deutsche Reich zugestanden, ein folgenreiches Diktat, das recht verniedlichend als Münchner Abkommen in die Geschichte eingegangen ist und noch heute alle demokratischen Regierungen gemahnen sollte, weder Nachsicht mit Diktatoren und solchen Politikern, die alle Macht allein für sich beanspruchen, walten zu lassen, noch gar Verträge mit ihnen zu schließen, die deren Machtgelüste stabilisieren und rechtsstaatlich organisierte Gesellschaften erpressbar machen.

Jan Masaryk trat seinerzeit aus Protest gegen dieses Diktat von seinem Amt als Botschafter zurück, übernahm 1940 jedoch das Amt des Außenministers in der tschechoslowakischen Exilregierung. Dieses Amt übte er, wiewohl selbst kein Kommunist, auch noch unter der ersten Regierung des kommunistischen Ministerpräsidenten Klement Gottwald aus, fand jedoch am 10. März 1948 in der Folge des sogenannten Februarumsturzes, der die alleinige Herrschaft der Kommunistischen Partei  zum Ziel hatte, ein gewaltsames Ende.

Man fand ihn zu Tode geschmettert auf dem Boden unterhalb des Fensters seines Dienstzimmers im Czernin Palast. Ein weiterer Prager Fenstersturz.

Der Czernin Palast

Die genauen Umstände des Todes von Jan Masaryk sind bis heute ungeklärt. Eine erste, offiziell verbreitete Selbstmord-Theorie konnte niemanden überzeugen, es kursierte bald das Gerücht, dass die Ermordung aus Kreisen der Kommunistischen Partei in Auftrag gegeben worden sei. Eine Wiederaufnahme der Ermittlungen nach 1993 ergab dann auch eindeutig, dass er aus dem Fenster gestoßen worden sein musste, also tatsächlich ein Gewaltverbrechen vorlag. Die genauen Tatumstände und Motive blieben jedoch weiter unklar. Heute gibt es selbst Anhänger einer Spekulation, die amerikanische Geheimdienste involviert sehen will, ja, vielleicht sogar die Schriftstellerin Marcia Davenport selbst! Wie auch immer – sie hat nach dem Tod ihres Verlobten die Wohnung in der Loretánská 13, Prag und die Tschechoslowakei verlassen.

Vielleicht besorge ich mir demnächst das Buch oder den Film Das Tal der Entscheidung – es ist ja nicht auszuschließen, dass ich darin einen Schlüssel für eine bislag noch unbekannte Verschwörungstheorie, den Tod Jan Masaryks betreffend, entdecke.

 

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