Die schönsten Bücher aus 5 Nationen

Eine Ausstellung im Sommerschloss Hvězda zu Prag

Das Sommerschloss Hvězda (Stern)

Wer sich in diesen Tagen in Prag durch die weiträumige Parkanlage zum Sommerschloss Hvězda auf den Weg macht, ahnt womöglich schon aus der Ferne …

… dass diesmal hier etwas geboten wird, dass über die permanente Ausstellung zur Bauweise und Geschichte des Schlosses hinausgeht, hängen an der Vorderfront des Gebäudes, das in den Jahren 1555 bis 1558 nach einem Planentwurf des Erzherzogs Ferdinand von Österreich (Ferdinand II. von Tirol) in Form eines sechsstrahligen Sterns auf Bílá Hora, dem geschichtsträchtigen Weißen Berg erbaut wurde (im 30jährigen Krieg besiegte hier der katholische böhmische König Ferdinand II. von Habsburg 1620 die Truppen des evangelischen böhmischen Ständestands, der ihn zuvor abgesetzt hatte, und brachte somit die Böhmischen Lande zurück unter die Herrschaft der Habsburger), doch zwei Banner herunter, die auf eine Sonderausstellung zu verweisen scheinen …

… und steht man dann endlich vor dem Eingang, so liest man in tschechischer und englischer Sprache, um was es sich dabei handelt: um eine Ausstellung der schönsten Bücher aus Tschechien, Polen, Deutschland, der Slowakei und der Schweiz – präsentiert unter dem Titel Z Hvězdy Kruh / Der Sternkreis.

Natürlich rätselt man zu Beginn noch ein wenig, was es mit der Bezeichnung Sternkreis auf sich haben könnte, doch hat man sich erst einmal vom Anblick der imposanten Stuckdecke in der ersten rautenförmigen Halle gleich hinter dem Eingang losgesagt …

… und die Treppe hoch zur 1. Etage genommen, so begreift man schnell, was gemeint ist: Inmitten des sternförmigen Gebäudes sind zwei Regalebenen als Kreis angeordnet, nur unterbrochen von den Durchgängen zu den Nebenräumen, über ihnen eine kreisrunde, vom Künstler Jindřich Zeithamml Solar genannte goldene Leinwand und auf ihnen die Bücher, nominierte wie preisgekrönte aus den nationalen Wettbewerben (wie hierzulande dem Wettbewerb der Stiftung Buchkunst) der genannten Länder. Kurzum: Hier ist ein Kreis im Stern – ein Sternkreis eben!

Vollzählig, so sagt es ein ebenfalls in Tschechisch und Englisch abgefasster Begleittext zur Ausstellung, sei das Angebot der gezeigten Werke aufgrund der Corona-Krise, die einige Lieferbeschränkungen verursacht habe, leider nicht; ausgeglichen wird dieses Manko m. E. aber voll und ganz durch die übersichtliche, geschmackvolle Präsentation, die dazu einlädt, die Bücher in die Hand zu nehmen, sie durchzublättern, untereinander in Beziehung zu setzen und auf ihre jeweiligen Besonderheiten zu achten, sich zu fragen, ob sich bestimmte nationale Buch-Design-Typen erkennen lassen, wie sehr womöglich der Einfluss des Digitalen spürbar ist und so weiter, und so weiter …

Und natürlich ist es für Besucher*innen aus Deutschland auch schön, den einen oder anderen von der letztjährigen Jury der Stiftung Buchkunst ausgezeichneten Titel im Halbkreis der in ihrer Sprache abgefassten Bücher zu sehen, nicht zuletzt eines der für mich wirklich schönsten Bücher des letzten Jahres: Die Wunderkammer der Deutschen Sprache, herausgegeben von Thomas Böhm und Carsten Pfeifer.

Bereichernd für die Ausstellung sind zudem die Auslagen in den Vitrinen der Nebenräume, seien es Arbeiten von jungen tschechischen Buchgestalter*innen …

… oder von Künstlern gestaltete Bücher wie das von Milan Knizak 1962 aus Beton, Metall und Pappe gestaltete Werk Utoky / Anschläge.

Das Kunstwerk Solar von Jindřich Zeithamml habe ich schon erwähnt; es ist aber nicht das einzige, das jeweils in den Spitzen des Sterns die Buchausstellung flankiert. Aus dem Dunkel von vier weiteren (die fünfte Spitze bildet den Eingang) wirken andere auf die Betrachter*innen ein, ein Enthusiasmus und Zweifel genanntes Triptychon von Petra Pešková, die Lichtinstallation Regal von Michael Pustějovský, die Skulptur Der Zeitungsleser von Jan Hendrych und nicht zuletzt jene von Krištof Kintera, die den Kreis der Kunstwerke zum Buch vollends schließt: die Statue Das Ende der Wörter.

(Alle Fotos: © Wolfgang Schiffer)

 

Veröffentlicht unter Ausstellung, Bücher | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , | 6 Kommentare

Schwierigkeiten beim Schreiben von Gedichten

Ein Gedicht als Text des Tages bei Fixpoetry

Große Freude, ganz unverhohlen!

Das Online-Literaturmagazin Fixpoetry – Wir reden über Literatur hat mein jüngstes (und vielleicht letztes …?) Gedicht als Text des Tages veröffentlicht. Hierfür danke ich herzlichst.

Wenn ich nun dieses engagierte Literaturmagazin allen empfehle, so ist dies von dieser Veröffentlichung natürlich völlig unabhängig; Fixpoetry ist einfach eine sehr gute Seite, die nicht nur Neues vorstellt, sondern immer wieder auch kritisch bewertet.

Schauen Sie / schaut selbst: hier!

Veröffentlicht unter Lyrik, Gedichte, Belletristik | Verschlagwortet mit , , , , , , | 7 Kommentare

Der Fluchtversuch

Oder: Wer nicht lesen mag, kann hören …

 

Dies ist ein Hörtipp für ein Buch, an dessen deutschsprachigem Zustandekommen ich als Teil des Übersetzer-Duos Gíslason/Schiffer nicht unschuldig bin. Und dieser Hörtipp ist zugebenermaßen umso mehr pro domo, als ich nun vom Westdeutschen Rundfunk sogar eingeladen war, einige der Geschichten aus dem Buch für eine Radiosendung einzulesen.

Die Rede ist vom Handbuch des Erinnerns und Vergessens das Isländers Ragnar Helgi Ólafsson; die Ausstrahlung der Lesung ist am Samstag, dem 25. Juli 2020, also in drei Tagen bereits, um 21:05 Uhr im WDR 5 Ohrclip.

Und auch wenn das abschließende Foto nun zeigt, welche Geschichten das Buch enthält, so verrate ich an dieser Stelle natürlich nicht, welche ich daraus gelesen habe. Auch der Link zur vollständigen Sendungsseite im Internet von WDR 5 sagt zwar mehr über den Charakter der Geschichten, welche es sind, vermerkt sie aber ebenfalls nicht. Schließlich soll ja gehört werden – und das mit einer gewissen Neugierde; da weiß ich mich mit den Kolleginnen und Kollegen vom Radio völlig einig.

Lesen können Sie / könnt Ihr danach – bei weiterem Interesse – dann ja immer noch!

Nachtrag: Wer die Sendung gerne später und unabhängig von ihrer Sendezeit hören möchte, kann sie – wie vieles andere auch – bequem mit dem WDR RadioRecorder aufnehmen. Hier geht´s zum Download der Software und zu den Infos, wie es geht!

 

Veröffentlicht unter Übersetzung, Isländische Literatur, Lesung, Radio | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , | 2 Kommentare

Zugehörig. Dichter*innen im Gespräch

Das Lyrikhaus Joachimsthal lädt zu einem poetischen Sommerfest ein.

Das Lyrikhaus Joachimsthal – Ausschnitt eines Fotos auf seiner Webseite

Weit über Joachimsthal hinaus, der brandenburgischen Kleinstadt am Rande der Schorfheide, ist das Lyrikhaus, das der Schriftsteller und Kulturjournalist Gisbert Amm hier seit 2016 betreibt, ein Begriff. Mit seinem Konzept aus Buchhandlung, Antiquariat, Lesecafé und der Edition Lyrikhaus erfüllt es alle Erwartungen eines literatur-affinen Menschen, insbesondere desjenigen, der sich für Dichtkunst, für Poesie interessiert – engagiert es sich doch insbesondere für Lyrik und für Bücher mit thematischem Bezug zu Lyrik, wie Biografien, Romane über Dichter, Literaturtheorien etc.

Ein besonderes Augenmerk des Lyrikhauses gilt dabei den kleineren unabhängigen Verlagen und deren aktuellen Publikationen, die sich nur allzu häufig in „normalen“ Buchhandlungen leider nicht finden lassen, doch auch antiquarische Gedichtbücher aus vielen Epochen finden sich hier in den Regalen.

Natürlich waren in den letzten Monaten – wie allerorts – die Möglichkeiten des Lyrikhauses  durch die Corona-Krise äußerst eingeschränkt; die Buchhandlung war weitgehend geschlossen, öffentliche Veranstaltungen, Lesungen fanden nicht statt. Und immer noch verbietet die Gefahr, die ungemindert von dem Virus ausgeht, viele der gewohnten Aktivitäten. Umso erfreulicher ist es, dass das Lyrikhaus Joachimsthal nun, bei strengen Hygiene- und Abstandsregeln, in etwa einem Monat, genauer, am 22. August um 19 Uhr bis 23 Uhr zu einem poetischen Sommerfest einlädt – bei gutem Wetter im Hof des Hauses, bei schlechtem im Joachimsthaler Kulturhaus Heidekrug, das ausreichend Platz für Sicherheitsabstände bietet.

Unter dem Titel Zugehörig. Dichter*innen im Gespräch kommen an dem Abend gleich acht Dichterinnen und Dichter des ELIF Verlags aus Nettetal bei Krefeld nach Joachimsthal, einschließlich des Verlagsgründers Dinçer Güçyeter: Özlem Özgül Dündar, Julia Dathe, Monika Vasik, Anke Glasmacher, Thorsten Krämer, Jonis Hartmann – und ja, auch ich darf mich als Achter glücklich schätzen, dabei zu sein, quasi als Stimme der isländischen Poesie, die im ELIF Verlag auch zur Freude der Isländer selbst ja einen nicht gerade unbedeutenden Platz hat.

Und Musik gibt es an dem Abend natürlich auch; die kommt von Zhenja Oks und Elisabeth Ruhe.

Der Eintritt kostet 15 Euro. Wer Tickets vorab bestellen möchte, findet hier die entsprechende Möglichkeit.

Zugehörig. Dichter*innen im Gespräch findet im Rahmen des Programms Und seitab liegt die Stadt statt, eines Förderprogramms der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und des Literarischen Colloquiums Berlin. Dahinter steht ein Projekt, in dem bundesweit literaturbezogene Veranstaltungen für Erwachsene, Jugendliche und Kinder in Orten mit weniger als 20.000 Einwohnern ermöglicht werden. Ziel hierbei ist es, generell das kulturelle Leben im ländlichen Raum zu unterstützen, die Literaturvermittlung zu stärken und möglichst vielen Menschen Möglichkeiten zu eröffnen, kulturelle und gesellschaftliche Debatten mitzugestalten.

Hoffen wir, dass die weitere Entwicklung der Pandemie das Poesiefest in Joachimsthal und somit ein weiteres praktisches Umsetzen dieser  Ziele zulässt!

Das Plakat zum poetischen Sommerfest im Lyrikhaus Joachimsthal

 

 

Veröffentlicht unter Belletristik, Gedichte, Lesung, Lyrik | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (53)

Meine Reise durch die isländische Poesie

Island – Blick über die Esja, den Hausberg von Reykjavík

Merkwürdig! Es sind wirklich mehr als zwei Jahre her, seit ich meinen letzten Beitrag in meiner Reihe „Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis“ geschrieben und veröffentlicht habe; genau gesagt, es war am 18. Februar 2018, und der Anlass war das Erscheinen der 2. Auflage des Gedichtbands Til hughreystingar þeim sem finna sig ekki í samtíma sínum / Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können von Ragnar Helgi Ólafsson, eines Gedichtbands im ELIF Verlag, der zu unser aller Freude mittlerweile sogar eine 3. Auflage erfahren hat.

Warum ich so viel Zeit habe verstreichen lassen, obwohl zwischenzeitlich zwei neue Gedichtbände isländischer Autor*innen im ELIF Verlag erschienen und weitere in Vorbereitung sind, ist mir nun selbst ein kleines Rätsel – „Material“ wäre schließlich ausreichend vorhanden gewesen. Doch vielleicht war es genau das, vielleicht hat mir die Aussicht, die Vorfreude auf das Erscheinen der Gedichte als berührbares gebundenes Buch den Fokus verschoben und die virtuelle Reise durch die isländische Poesie ein wenig in Vergessenheit geraten lassen.

Das überaus wichtige Literaturportal Fixpoetry – Wir reden über Literatur hat mich nun wieder auf die Gleise gesetzt, hat es doch am heutigen Tag ein Gedicht des Isländers Jónas Reynir Gunnarsson veröffentlicht, das Jón Thor Gíslason und ich aus einem Band übersetzt haben, für den es bislang (leider) noch keine Aussicht auf eine vollständige Publikation gibt. Die Rede ist von dem Titelgedicht seines jüngsten Gedichtbands Þvottadagur / Waschtag, für den er in diesem Jahr mit dem Maistern ausgezeichnet wurde, einem der wichtigsten Poesie-Preise in Island.

als ich aufwache fliegen gerade die vorhänge aus dem fenster
der regen packt sie
sie sind segel
sie füllen sich mit wind aber das haus bewegt sich nicht
das haus bleibt ruhig und ich schlafe wieder ein

die bodenfliesen werden nass wie kekse
färben sich langsam dunkel
zerbröseln unter dem gewicht des betts
ich stürze auf das stockwerk darunter

das bett hat sich in ein ruderboot verwandelt und schlägt hart auf wasser
und schwarz-weiße italienische kinofilmfrauen
(mit dem wasser bis zu den knien und waschzuber aus aludie hinter ihnen her treiben wie dressierte schwäne)
hängen die langen unterhosen ihrer ehemänner auf

es ist waschtag

ich rafte das treppenhaus hinab

das wasser strömt durch die klappschütten des müllschluckers herein
das boot prallt gegen die wände dass es im holz knirscht
bricht schließlich die haustür auf

ich treibe weg von meinem haus
winkend

lasse mich in einen nebel treiben der einmal weiß war
doch düster wurde als er wie ein lappen über die stadt strich

 

þegar ég vakna eru gardínurnar að sleppa út um gluggann
rigningin berst við þær
þær eru segl
þær fá vind í sig en húsið hreyfist ekki
húsið er kyrrt og ég fer aftur að sofa

gólfplöturnar blotna eins og kex
dökkna hægt
molna undan rúminu
ég hryn á hæðina fyrir neðan

rúmið hefur ummyndast í árabát og skellur á vatnsfleti
og svarthvítar ítalskar bíomyndakonur
(með vatnið upp að hnjám og bala úr áli
sem fljóta á eftir þeim eins og tamdir svanir)
hengja upp föðurlönd eiginmanna sinna

það er þvottadagur

ég flúðasigli niður stigahúsið
vatnið streymir inn um káetugluggana á ruslarennunni
báturinn rekst á veggina svo marrar í viðnum
brýtur að lokum upp útidyrnar

ég flýt í burtu frá húsinu mínu
vinkandi

læt mig reka inn í þoku sem var einu sinni hvít
en dökknaði þegar hún straukst eins og  yfir borgina

Jónas Reynir Gunnarsson, geboren 1987, wuchs in Fellabær im Nordosten Islands auf und erhielt einen MA in Creative Writing an der Universität von Island in Reykjavík. Er veröffentlichte u. a. die Romane Millilending (Zwischenlandung), 2017 und Krossfiskar (Seesterne), 2018. Seine ersten beiden Gedichtbände waren Leiðarvísir um þorp (Gebrauchsanweisung für ein Dorf), 2017, und Stór olíuskip (Große Öltanker), ebenfalls 2017; für Letzteren gewann er 2017 den angesehenen Tómas-Guðmundsson-Poesie-Preis. Sein jüngster Gedichtband, Þvottadagur (Waschtag), wurde, wie gesagt, 2020 mit dem Maistern ausgezeichnet, einem der wichtigsten Preise für Poesie in Island.

Ersterschienen ist die hier zitierte Übertragung des Gedichts von Jónas Reynir Gunnarsson bei Fixpoetry – Wir reden über Literatur. Wer es im dortigen Layout nachlesen möchte, findet hier zu der entsprechenden Seite dieses so wundervollen, engagierten Literaturportals.

Und noch eins: Auch wenn im kommenden Frühjahr mit Linda Vilhjálmsdóttirs Gedichtband das kleingedruckte ein neues, analoges Buch im ELIF Verlag erscheinen wird, es wird ab jetzt auch wieder etwas häufiger rein virtuell durch Islands Poesie gereist, versprochen!

Jónas Reynir Gunnarsson – Foto: Saga Sig

 

 

 

 

 

Veröffentlicht unter Übersetzung, Belletristik, Gedichte, Isländische Literatur, Lyrik | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , | 5 Kommentare