Roxy

Coming of Age in rheinländischer Provinz

Lobberich8
Diese Unterbrechung meiner derzeitigen Prag-Berichte muss jetzt sein: ich habe die Ostertage genutzt, um Roxy, den neuen Roman von Dietmar Sous zu lesen – und seither schwirren mir – neben dem Vergnügen, einer fakten- und pointensicher erzählten Coming of Age-Geschichte beigewohnt zu haben, so viele eigene Erinnerungsmomente, glückliche wie wehmütige, im Kopf herum, dass ich als erstes über diesen Roman kurz schreiben muss.

Damit kein Missverständnis aufkommt: ich bin älter als der 1954 geborene Autor Dietmar Sous, ich stamme auch nicht aus Stolberg oder überhaupt aus dem Rheinland, sondern – darauf ist Wert zu legen – vom Niederrhein, und anders als Roxy, der vom Autor doch wohl erfundene heldenhafte Icherzähler des nach ihm benannten Romans, bin und war ich ab einem gewissen Lebensalter nie Analphabet und habe außer in den Schul- und späteren Semesterferien auch nur selten als Hilfsarbeiter gearbeitet. Und dennoch: es will mir so scheinen, als habe der Autor einen Teil meiner Lebensgeschichte bis in viele Details hinein als Folie für seinen Roman genommen und allein in einen etwas späteren Zeitraum verlegt, in die 73er bis 75er Jahre des letzten Jahrhunderts.

Lobberich
Das eine oder andere Kleinstädtchen mochte inzwischen vielleicht einen Autobahnanschluss oder eine Fußgängerzone erhalten haben, seine Enge aber korrespondierte nach wie vor mit den kleinbürgerlich-proletarischen Lebenswelten, die sich stets darin abspielten; auch der vorherrschende Musikgeschmack war inzwischen ein anderer geworden als zu meiner Zeit (siehe Held Roxy selbst, so benannt wegen seiner Vorliebe für die englische Band „Roxy Music“, die erst 1971 gegründet wurde …), den Pulsschlag der Jugend aber beschleunigte die Musik nach wie vor und konkurrierte darin allenfalls mit der ewigen Suche nach dem anderen Geschlecht.

Dieser erlaubten die Errungenschaften der studentischen Revolte der 68er inzwischen vielleicht etwas mehr Freizügigkeit – und die Ära Brandt (sie geht im geschilderten Zeitraum des Romans, am 5. Mai 1974, mit der Verkündung des Rücktritts zu Ende) ließ wohl ein wenig „mehr Demokratie wagen“: unverrückbar geblieben jedoch waren (und sind es bis heute) die Dünkel-Unterschiede zwischen „reich“ und „arm“ und die Herrschaftskluft zwischen „oben“ und „unten“ …

Umschlag_Sous.inddDies alles muss auch Roxy erfahren. Seit seinem Schulabgang ist er bereits dreimal gefeuert worden, zuletzt von Eugen Kessler höchstpersönlich, dem Chef der Rheinischen Maschinenbau AG, der das Städtchen dominierenden Fabrik, als dieser ihn für einen Moment untätig erblickt und daraufhin getreu der Arbeitgeberlogik, dass Nichtstun Diebstahl am Unternehmer sei, vor der gesamten Belegschaft und seinem kleinen Sohn eines solchen Diebstahls bezichtigt – jetzt arbeitet er bei einem örtlichen Gartenbauunternehmen, genauer bei der Neuanlage des Gartens der hochherrschaftlichen Familie Aston.

Und hier passiert es: Sonja, die etwa gleichaltrige Tochter des Hauses, macht sich erst an ihn ran, um ihn – kaum hat er, der zwar nicht lesen kann, aber als Radiofreak, der er daher ist, alles weiß, ausreichende Informationen für einen Aufsatz über den Röhm-Putsch geliefert – auch schon mit Missachtung zu strafen. Für Roxy jedoch ist und bleibt sie die große Liebe!

Sie brachte mein Herz zum Tanzen, so sehr dass es mir fast die Rippen brach.

Immerhin lernt er durch Sonja deren Mitschülerin Zippi kennen, Wortführerin bei der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend, bei der er als einziger Proletarier in der Runde der Abiturienten mehr als willkommen ist. Bald darf er bei Zippi auch wohnen, ja sich verstecken, denn nachdem er bereits zur Musterung zwangsvorgeführt werden musste, ist er nun auch seiner Einberufung nicht gefolgt: die Militärpolizei sucht ihn daher als Deserteur.

Zippi bringt ihm das Lesen bei (natürlich unter Zuhilfenahme des Textes Die Verwandlung von Franz Kafka), sie hilft ihm bei der Abfassung seines Antrags auf Kriegsdienstverweigerung und trainiert ihn für die unweigerlich folgenden Befragungen – vor allem aber, ganz gegen ihre politische Überzeugung, kauft sie sich etwas, dass Roxy sie nicht nur als Kumpel, sondern endlich vielleicht auch als Frau sehen lassen könnte, aber lesen Sie selbst …

„Ich habe mir übrigens jetzt doch einen BH gekauft“, sagte sie. „… Und die Tante in dem Laden hat mir auch noch Slips, Strapse und Strümpfe angedreht. Weiß gar nicht, wovon ich die September-Miete zahlen soll.“
„Kann dir was leihen“, sagte ich.
Zippi nahm einen Zahnstocher, zerbrach ihn.
„Willst du dir vielleicht meine neue Unterwäsche mal ansehen, irgendwann?“
„Mal sehn“, antwortete ich.
Zippi fing an zu weinen, anfangs noch leise.

Später – Roxy leistet mittlerweile als nachträglich anerkannter Verweigerer, dem dennoch der Prozess wegen Fahnenflucht bevorsteht, seinen Zivildienst im Krankenhaus – ist es die erfahrene Krankenschwester Marion, der es zunächst mit geschickten Handgriffen und bald in kondom-geschützten Stellungen erstmals zu gelingen scheint, den nun bald Volljährigen sein Sehnsuchtsobjekt vergessen zu lassen. Bis zu jener Weihnachtsnacht jedenfalls, in der eine bei einem Verkehrsunfall schwer verletzte junge Frau eingeliefert wird …

Wie es nun weitergeht, sei hier nicht verraten. Gesagt werden muss nur noch, dass Roxy mittlerweile stolzer Besitzer eines Porsche GT 911 geworden ist. Der Luxuswagen war der Wetteinsatz des Fabrikanten Eugen Kessler, der sich mit einem tödlichen Krebs im Rachen wähnte – Roxy, der den gestrengen Unternehmer nun als einen etwas kleinlauteren Patienten erlebte, hingegen war überzeugt, dass es sich um eine harmlose Halsentzündung handelte. Und damit sollte er Recht behalten.

Der Roman Roxy ist sicherlich nicht das, was man als „große“ Literatur bezeichnet, aber er ist große Literatur, wenn man auf die mit wenigen Strichen so exakt gezeichneten Charaktere schaut, die noch über die bereits genannten hinaus das Personal dieser Geschichte bilden: die verschiedenen Vorarbeiter, die Schaufler und Baggerführer, den ehemaligen Mitschüler Schuppe, die Nachbarin Frau von Ginster, das Krankenhaus-Personal und so weiter und vor allem natürlich Roxys Mutter, die sich nichts sehnlicher wünscht als ein Mercedes-Cabriolet 190 SL, wie es einst die Edelhure Nitribitt und dann in der Verfilmung deren Lebens die Schauspielerin Nadja Tiller fuhr …

Dietmar Sous - Foto: Milena Sous

Dietmar Sous – Foto: Milena Sous

Auch wenn ein solcher Wunsch dem einen oder anderen vielleicht etwas komisch anmuten mag: der Autor „erhebt“ sich nie über eine seiner Figuren, selbst dann nicht, wenn er sie in die Nähe von Slapstick-Situationen bringt – man spürt eine Liebe zu ihnen allen, als habe er sie doch nicht (nur) erfunden, sondern dem wirklichen Leben ein großes Stück weit abgeschrieben. Und das in einer derart großen Bildhaftigkeit und rasanten Schnittfolge, dass es beinah so ist, als lese man eine Graphic Novel – nur ohne Bilder. Und doch sind sie sofort da! Was will man mehr von einem Buch, das doch nur aus Wörtern besteht!

Ein persönlicher Rat zum Schluss: Sollte die schwer verletzte Patientin doch Sonja sein, so sollte Roxy eine spätere Heirat mit ihr möglichst vermeiden. Irgendwann kommt doch die Gewissheit, dass man mit dem Klassenfeind im Bette liegt.

Erschienen ist der Roman Roxy im Transit Verlag, dem ich an dieser Stelle für die Überlassung des Rezensionsexemplars danke.

Advertisements

Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
Dieser Beitrag wurde unter Bücher, Belletristik, Literatur, Prosa, Roman, Wortspiele abgelegt und mit , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Roxy

  1. Angelika Schramm schreibt:

    Die Menschen und ihre Lebensumstände in einem Roman so zu beschreiben, dass wir uns als Teil von ihnen fühlen, muss ja nicht gleich große Literatur sein, wie Du schreibst, aber eine Magie der Gedanken und der Worte ist auf jeden Fall dabei im Spiel. Ich fühle mich sehr angesprochen; danke, lieber Wolfgang.

  2. Angelika Schramm schreibt:

    ein kleines s ist mir beim Schreiben verloren gegangen…

    • schifferw schreibt:

      Herzlichen Dank für den ansprechenden Kommentar! Und: keine Sorge, das kleine s wurde von mir sofort gefunden – und an Ort und Stelle gesetzt!

  3. Pingback: Tragikomik in der Provinz | Wortspiele: Ein literarischer Blog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s