Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus…

Eine Lyrik-Anthologie, herausgegeben von Richard Wagner

Lauter Lyrik © Wolfgang Schiffer

Lauter Lyrik © Wolfgang Schiffer

Als ich den Titel auf dem blauen Leineneinband las, wusste ich sogleich: diese Gedichtsammlung willst du lesen! Schließlich zitiert er eine Zeile aus einem meiner Lieblingsgedichte, der „Mondnacht“ von Joseph von Eichendorff, einem der bekanntesten und wohl auch schönsten Gedichte deutscher Sprache.
Und weil ich es so mag, will ich es hier auch gleich in ganzer Länge wiedergeben.

Mondnacht

Es war, als hätt der Himmel
die Erde still geküsst,
dass sie im Blütenschimmer
von ihm nun träumen müsst.

Die Luft ging durch die Felder,
die Ähren wogten sacht,
es rauschten leis die Wälder,
so sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
weit ihre Flügel aus,
flog durch die stillen Lande,
als flöge sie nach Haus.

Meine SeeleDer Romancier und Poet Richard Wagner, der diese Lyrik-Anthologie für den Aufbau Verlag herausgegeben hat, belässt es aber nicht allein bei der Titel gebenden Zeile – er nennt seine Zusammenstellung geradezu programmatisch „Hundert deutsche Gedichte“. Ich betone: „deutsche“ und nicht etwa „aus Deutschland“ oder dergleichen… Das machte mich zunächst ein wenig stutzig und rief Verhaltenheit beim ersten Einlesen hervor, eine Verhaltenheit, die durch einen Umbinder des Verlags noch verstärkt wurde. „Lyrik schenkt Heimat“ heißt es da! Was konnte damit gemeint sein?

Die getroffene Auswahl und sinnvolle Gliederung in einzelne Kapitel ließ meine Irritation jedoch schnell wieder schwinden. Nicht um Deutschtümelei oder pathetisch Vaterländisches geht es in dieser Gedichtsammlung, sondern, wie Richard Wagner in einem lesenswerten Nachwort selber erklärt, um „die rätselhaften und über die Ungewissheiten tragenden, über Zerrissenheit und Unentschiedenheit hinweg rührenden Verse, in Zeiten der Not und in Zeiten des Wohlstands, die uns beschäftigen“.

Und so finden sich unter Kapitelzeilen wie „Es ist Schnee gefallen“, „Tränen des Vaterlands“ oder „Die Dämonen der Städte“ Texte von Andreas Gryphius, Matthias Claudius, Schiller, Goethe und Heine und so weiter ebenso wie Gedichte von Bertolt Brecht, Sarah Kirsch, Paul Celan, Gottfried Benn, Ror Wolf, Ingeborg Bachmann oder Hans Magnus Enzensberger. Sie und viele weitere Gedichte von Lyrikerinnen und Lyrikern aus Deutschland zeigen auf schöne Weise, dass „…jedes Zeitalter die Gedichte (hat), die ihm zustehen“.

Für mich ist „Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus“ eine schlüssige und beeindruckende Sammlung deutscher Gedichte. Den Umbinder, kann man, falls er stört, natürlich abnehmen! Ich jedenfalls habe mich von diesem offensichtlichen Zugeständnis an die derzeit weit verbreitete Werbestrategie, die auf Regionalität und Heimat setzt, getrennt.

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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19 Antworten zu Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus…

  1. wildganss schreibt:

    Tut so gut, zu wissen, dass es Menschen mit ungefähr meiner Wellenlänge gibt…
    Danke für die gelungene Besprechung!

  2. uflorath schreibt:

    Ja Wolfgang,
    die Mondnacht ist auch eins meiner Lieblingsgedichte. Dazu fällt mir die 3.Stophe aus Das Abendlied von Matthias Claudius ein:

    Seht ihr den Mond dort stehen?
    Er ist nur halb zu sehen,
    Und ist doch rund und schön!
    So sind wohl manche Sachen,
    Die wir getrost belachen,
    Weil unsre Augen sie nicht sehn.

    Liebe Grüße
    Uwe

  3. schifferw schreibt:

    Danke, lieber Uwe, das habe ich geahnt, denn schließlich gibt es auch eine wunderbare Vertonung davon… Und vor allem Dank für diese Strophe von Claudius. Das Gedicht „Abendlied“, dem sie entstammt, ist in dem Band natürlich auch enthalten, bezeichnender Weise in dem Kapitel „An den Mond“. Liebe Abendgrüße, Wolfgang

  4. Krümel schreibt:

    Manchmal lese auch ich Gedichte, ich mag Rilke sehr gerne, Hesse, aber auch Stefan George „unverhofftes blau“ … dieses Buch habe ich auf meine Wunschliste gesetzt. Danke!
    LG
    Heidi

  5. schifferw schreibt:

    Liebe Heidi, danke für die weiteren Nennungen! Sie zählen (oder zählten) auch zu meinem Lyrik-„Konsum“. Gute Grüße, Wolfgang

  6. Pingback: Pressköter und Tintenstrolche: Audio-Livestreaming von Wortspielradio beim #StreamCamp13 | Ich sag mal

  7. Jürgen Orthaus schreibt:

    Lieber Wolfgang, diese Zeilen sagen mir, auf welch wunderbare Weise die Natur unser Seelen-Zuhause ist. Danke, dass Du an diesen Wort-Schatz erinnerst.
    Jürgen

  8. B-Wederwill-Team schreibt:

    auch mich hat die Gedichtzeile zu dem Beitrag „gelockt“, eigentlich immer nur als romantisches Kunstlied wahrgenommen, ist es als Gedicht pur auch wunderschön. Und ich danke für die Anregung, auch mal wieder in Ruhe einfach „nur“ Gedichte zu lesen. Und wir freuen uns natürlich unheimlich auf das Mitlesebuch!
    Beste Grüße,
    Marlis Hofmann

    • schifferw schreibt:

      Liebe Marlis Hofmann (und Wederwill-Team) – herzlichen Dank für die Annahme der Anregung. Und Dank natürlich für das Interesse am Mitlesebuch – eine Broschüre nur. Aber das dauert noch ein Weilchen – da muss im Verlag/in der Herstellung noch im wahrsten Sinne des Wortes ja gefädelt werden…
      Gute Grüße
      Wolfgang Schiffer

  9. marie schreibt:

    …. Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus…….
    wunderschöne Zeile,
    wird gerne genommen als Trauerspruch. gefällt mir sehr.

    • schifferw schreibt:

      Dank für´s Gefallen! Ja, diese Zeile hätte ich gerne auch selber geschrieben! Gute Grüße, Wolfgang Schiffer

  10. glennmillerfan schreibt:

    Dieses wunderschöne Gedicht — es ist zu Recht auch im „Conrady“ abgedruckt — ist nicht nur eines von Eichendorffs schönsten Gedichten, sondern eines der schönsten Sprachkunstwerke deutscher Zunge überhaupt! Es inspirierte ja Schumann zu einer seiner besten — und nach eigener Aussage „romantischsten“ — Kompositionen.
    Leider teilt meine Großtante Ilse Molzahn (sie stammt auch aus der fruchtbaren Kulturlandschaft des deutschen Ostens und war vermählt mit dem Kunstmaler und Bauhaus-Dozenten Johannes Molzahn) als Dichterin und Angehörige der „Inneren Emigration“ das Schicksal von so vielen Autor(inn)en ihrer Generation: damals verfemt, heute vergessen! Dabei wurde ihr Roman „Der schwarze Storch“ einst viel gelesen. Ihr Gedicht „Ode an den Ostwind“ ist sogar in einer Reclam-Anthologie von 1960 aufgeführt und wurde als Chorlied vertont.

  11. Gleich bestellt. Danke.

  12. wholelottarosie schreibt:

    Wunderschön….
    dieses Gedicht habe ich in der Schule auswenig gelernt. Damals war ich, so meine ich mich zu erinnern. im 5. Schuljahr. Es wurde auf der Stelle zu meinem Lieblingsgedicht.
    Bis heute gehört es zu denen, die mich innerlich immer wieder tief berühren.
    LG von Rosie

    • schifferw schreibt:

      Danke für den kleinen Erinnerungsbericht! Ich gestehe, ich singe es sogar (zum Graus meiner Mitmenschen) gelegentlich… Und in meinem Blog zählt diese Seite, die ja eigentlich nur eine Anthologie vorstellen will, stets zu den meist besuchten…
      LG zurück, Wolfgang

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