Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (25)

Meine Reise durch die isländische Poesie

Þingvellir - hier wurde früher Recht gesprochen nach altem Gesetz © Wolfgang Schiffer

Þingvellir – hier wurde früher Recht gesprochen nach altem Gesetz © Wolfgang Schiffer

Mein heutiges „Rauchzeichen“ zur isländischen Dichtkunst gilt wieder einmal der Lyrikerin Linda Vilhjálmsdóttir – in einem früheren Beitrag meiner kleinen „Wortspiele“-Reihe habe ich sie bereits einmal vorgestellt, so dass dort auch weitere Informationen zu dieser bedeutenden Repräsentantin der literarischen Moderne Islands und ihrer letzten, 2011 in deutscher Übersetzung im Buchkunstverlag Kleinheinrich vorgelegten Gedicht-Publikation nachzulesen sind.

Ergänzen möchte ich auszugsweise nur, was ich schon 1992 – nach der ersten Veröffentlichung dieser Autorin – im Nachwort zu dem seinerzeit in der „edition die horen“ erschienenen Sammelband isländischer Lyrik Ich hörte die Farbe Blau geschrieben habe – weil dem aus meiner Sicht auch für ihr weiteres literarisches Schaffen eine gewisse Gültigkeit inne wohnt.

Vor allem Linda Vilhjálmsdóttirs Liebesgedichte zeugen von bedingungsloser Emotionalität, werden zu provozierenden poetischen Psychogrammen weiblicher und zwischenmenschlicher Befindlichkeit. Auffälliges Stilmerkmal ist dabei die ungewohnte Verwendung von Farbwörtern, die, häufig als Gegensatzpaare gesetzt, seelische Zustände in ebenso treffsicheren Bildern aufreißen, wie sie der Beschreibung von Landschaft eine Metaebene geben, die über pure Naturlyrik hinausweist. Linda Vilhjálmsdóttir literarische Perspektive ist die einer (jungen) Frau im modernen, städtischen Island heute, doch halten ihre Gedichte stets auch Zwiesprache mit Formen und Topoi der Tradition.

Entnommen ist das folgende Gedicht dem erwähnten Band. Die Nachdichtung ist – auf der Basis einer Interlinearversion des Textes durch Franz Gíslason – von dem deutschen Lyriker Johann P. Tammen.

Eine Land-Kirche in Island © Wolfgang Schiffer

Eine Land-Kirche in Island © Wolfgang Schiffer

Nacht. Eins.

Für dich
will ich die Unbefleckte sein
gleich Islands Sommernacht
oder der Sternhimmelschmuck
in einer Kirche landab.

Bauchfell
Prinzessin
und hell wie die Tönung
licht zwischen Wolken

Opfer
Verführung
für dich

den König im Glassaal
gehe ich wieder und wieder.

Nótt. Eitt.

Fyrir þig
skal ég sýnast óflekkuð
eins og íslensk sumarnótt
eða stjörnum prýtt loft
í kirkju í sveit

lífhimna
prinsessa
skær eins og litur
sem dugir í ljósið í skýjunum

fórnarlamb
freisting
fyrir þig

kónginn í glersalnum
geng ég after.

Nacht. Zwei.

Für dich
dunkel wie die Nacht landfern
oder die sündenschmucke Lüge
über ungeweihter Erde

schwarz wie der Sprengel
ein leidiger Ort
der Pfarrfrau

mit Ruß im Gesicht
bleck ich die Zähne
wies Volkshelden tun und Henker

für dich
Zauberkünder
Zauberkünder.

Nótt. Tvö.

Fyrir þig
dimm eins og nóttin í sveitinni
eða syndum skrýdd lygin
um óvígða mold

svört eins og hreppur
sem prestsfrúin
vill ekki sjá

krímug í framan
og glotti við tönn
að sið þjóðhetja og bödla

fyrir þig
kraftaskáld
kraftaskáld.

Nacht. Drei.

Für dich
wie in Blutnacht blind
oder rot und blau gezeichnet
nach ältestem Gesetz

für dich
das Fallbeil
das Feuer

schattenlos gleite ich
aus der Haut
aus den Sekreten

gebe ich ein wenig vom Weiß
zur Braut
für dich

wenn der Mond züngelt wenn
er aufgegangen.

Nótt. Þrjú.

Fyrir þig
bráð eins og blóðnótt
eða rauð og blá lýsing
ur grágás

fyrir þig
fallöxin
eldurinn

skuggalaus smýg ég
úr hamnun
úr vessunum

bæti örlitlu af hvítu
í brúðina
fyrir þig

þegar tungl fer að sjást
eftir kveikingu.

Die zitierte Sammlung mit isländischer Lyrik ist natürlich längst vergriffen und allenfalls noch über einschlägige Online-Dienste zu erhalten. Das Cover ist jedoch in jedem Fall noch sichtbar zu machen!

Ich hörte die Farbe Blau

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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5 Antworten zu Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (25)

  1. finbarsgift schreibt:

    …es macht mich traurig zu sehen, wie viel schönes längst vergriffen ist, und wie viel „Lesemist“ sich stattdessen in den Buchläden heutzutage tummelt…

    • schifferw schreibt:

      Ich „tröste“ mich immer damit, dass unter dem vielen Neuen doch auch manch Gutes ist – gerade die Lyrik betreffend… Gute Grüße, Wolfgang

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