Ob Gift oder Kettensäge – Mord ist Mord (2)

Neue Kriminalromane aus Island

Island – Foto: Sybille Schütz

Vorab gleich eins: Der zweite Kriminalroman, den hier vorzustellen ich angekündigt habe, als ich vor einiger Zeit über Ragnar Jónassons Blindes Eis schrieb, ist wahrlich nichts für zarte Gemüter, wie man so sagt, nichts für schwache Nerven. Denn egal zu welcher Zeit, an welchem Ort und aus wessen Perspektive Stefán Máni seinen Thriller Der Stier und das Mädchen erzählt, das Geschehen ist brutal, voll von psychischer und physischer Gewalt, vor deren realistischer Schilderung der Autor auch nicht zurückschreckt. Im Gegenteil, bisweilen kann man sich als Leser des Eindrucks nicht ganz erwehren, als geriete die eine oder andere Schilderung der vielen Grausamkeiten in ihrer Drastik zum Selbstzweck.

Doch davon abgesehen – Stefán Mánis Weise zu schreiben – von Karl-Ludwig Wetzig wie all seine Übersetzungen isländischer Literatur souverän und stimmig ins Deutsche übertragen – hat, noch dazu im Blick auf das Spannungsgenre, erstaunlich hohe Qualität, und der Plot der Geschichte hat es ebenfalls in sich.

Auf einem abgeschiedenen Bauernhof im isländischen Hochland, zu dem sich Melanie und Frida, zwei Touristinnen auf Rundreise ums Land, zwecks Hilfe bei einer Autopanne auf den Weg gemacht haben, finden sie ein Blutbad vor. Zwei Männer liegen übelst zugerichtet tot in der Scheune, eine Frau, nicht minder brutal ums Leben gebracht, im Haus. Und irgendwie spüren sie, dass sie nicht alleine sind auf dem Hof.

In Rückblenden, auf mehreren, einander abwechselnden Zeitebenen, blättert der Autor sodann die Vorgeschichte auf. Wir lernen Hanna kennen, eine der zentralen Figuren des Romans, als junges Mädchen, das hier in der Einöde eine schreckliche Kindheit verbringt, ohne Schutz durch die Mutter den brutalen Übergriffen des Vaters ausgesetzt. Und wir erleben Óskar, ihren kleinen, von Geburt an geistig geschädigten Bruder, dem sie selbst dann noch in liebevoller Sorge verbunden bleibt, nachdem sie der Hölle ihrer Kindheit und Jugend nach Reykjavík entflohen ist und Óskar, inzwischen herangewachsen zu einem kraftvollen Kerl, nur noch den Stier des Hofes zum Gefährten hat.

Viel glücklicher allerdings als zuvor verläuft Hannas Leben in der Hauptstadt auch nicht. Den Drogen verfallen wird sie zur Geliebten des Gangster Anton, der sie ebenfalls nur mit körperlicher und seelischer Grausamkeit behandelt. Allein in ihrer Zuneigung zu Rikki, einem Kleinkriminellen, der für Anton als Dealer unterwegs ist, findet sie so etwas wie eine innere Zuflucht.

Mit ihm, dem der Leser bis nahe an das Geschehen in der Gegenwart folgen kann, will sie sich ins Ausland absetzen – doch dazu braucht es Geld, und Geld zu beschaffen ist nur möglich, indem man Anton, den Gangsterboss hintergeht…

Der Plan, den Hanna und Rikki hierzu aushecken, geht schief – natürlich – denn in einer Geschichte, in dem sämtliche Figuren nur Verlierer sind, kann es kein Gelingen geben. Und so steuert alles, dieses von Düsternis, Verzweiflung, Gier und Hass durchdrungene Geschehen, das jeden Hoffnungsfunken sofort erstickt, jede Liebe eilends zerstört, unnachgiebig einem brutalen Ende zu – einem Ende dort, wo alles seinen Anfang nahm: auf dem Bauernhof in der Abgeschiedenheit des isländischen Hochlands.

Ein Islandbild, schwarz wie die Nacht!

Erschienen ist Das Mädchen und der Stier übrigens in der Edition M, Amazon Media. Ob dies nun ein „regulärer“ Verlag oder ein Book-on-demand-Unternehmen ist, weiß ich nicht. Bestellt habe ich das Buch jedenfalls in der Buchhandlung meines Vertrauens; allerdings musste ich annähenrd zwei Wochen warten, bis ich den Anruf erhielt, dass der Titel für mich zur Abholung bereit gestellt sei.

 

 

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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