Die Nacht streckte blaue Finger

In Erinnerung an den isländischen Schriftsteller Thor Vilhjálmsson

Island - Am Gullfoss  © Wolfgang Schiffer

Island – Am Gullfoss
© Wolfgang Schiffer

Heute, am 12. August, wäre er 90 Jahre alt geworden, der Maler und Schriftsteller Thor Vilhjálmsson.

Geboren 1925 in Edinburgh in Schottland, arbeitete er nach einem Studium der Literatur zunächst in Island als Bibliothekar und für das Nationaltheater, im Anschluss als Maler und freier Schriftsteller. 1953 war er Mitbegründer der isländischen Avantgarde-Zeitschrift Birtingur, in der sich bis weit in die 60er Jahre hinein die literarischen und künstlerischen Stimmen der isländischen Moderne nach dem Zweiten Weltkrieg versammelten. Auch begründete er das renommierte Internationale Literaturfestival Reykjavík mit und war in Kuratorien mehrerer Kunstfestivals tätig. Dem isländischen Schriftstellerverband stand er von 1972 bis 1974 vor, dem Verband der isländischen Künstler von 1975 bis 1981 sowie dem isländischen PEN bis zu seinem Tod am 2. März 2011.

Thor Vilhjálmsson und Stella Soffía Jóhannesdóttir beim Internationalen Literaturfestival Reykjavík 2009

Thor Vilhjálmsson und Stella Soffía Jóhannesdóttir beim Internationalen Literaturfestival Reykjavík 2009

Nach seiner ersten literarischen Publikation Maðurinn er alltaf einn / Der Mensch ist stets allein (1950) veröffentlichte er zahlreiche weitere Romane, Gedicht- und Kurzgeschichtenbände, Essays, Reiseberichte, auch Sachbücher und Übersetzungen, u .a. von Werken von Umberto Eco und André Malraux.

Thor Vilhjálmsson gilt als Wegbereiter des Modernismus in der isländischen Prosa; er erhielt zahlreiche Ehrungen und Preise, u .a. 1988 den Literaturpreis des Nordischen Rates für den Roman Grámosinn glóir, der in deutscher Übersetzung zunächst unter dem Titel Das Graumoos glüht 1990 im Kleinheinrich Verlag erschien und 1998 als Das Graumoos im Ullstein Taschenbuchverlag.

Ausgezeichnet wurde auch sein Roman Morgunþula í stráum, und zwar 1998 mit dem Isländischen Literaturpreis – dieser Roman erschien unter dem Titel Morgengebet 2011 im Osburg Verlag, nur wenige Monate nach seinem Tod und im Jahr des literarischen Ehrengastauftritts Islands auf der Internationalen Frankfurter Buchmesse: Sagenhaftes Island.

Alle haben ihn dort vermisst, als Schriftsteller, als Mensch – auch ich. Und ich tue es noch heute!

Die beiden folgenden, zu seiner Erinnerung hier zitierten Gedichte in der Übersetzung von Gert Kreutzer sind dem Band Bei betagten Schiffen – Islands Atomdichter entnommen; die Arbeit an diesem Buch schloss ich gerade ab, als Thor Vilhjálmsson die Bühne der Literatur für immer verließ. Doch sein Werk, das bleibt!

Herbst I

Der Mann ging
und Herbst war Herbst
war gekommen und Winter
nicht weit

Die Nacht streckte blaue Finger
zwischen Schnee am Wolken-
himmel hinab auf die Erde
blaue Finger

Und wir dachten
nicht an den Sommer
den Sommer der vergangen war
noch weniger an den Frühling
der einmal war
als alles vor uns lag
sondern an den Schnee den der Winter bringt

Herbst II

Eines Tages
sage ich
(der junge Mann)

Wie macht sich
der Winter in dir breit

Und die alte Frau antwortet:
Ich denke einfach nicht daran.
Es ist noch so viel übrig
vom Sommer in mir
(sagt die alte Frau)

Þingvellir 2009: Hier gehen Thor Vilhjálmsson, der alte Präsident des isländischen PEN, und Sjón (Mitte), der ihm nachfolgende, noch gemeinsam durch die historische Stätte... Fotos: Wolfgang Schiffer

Þingvellir 2009: Hier gehen Thor Vilhjálmsson, der alte Präsident des isländischen PEN, und Sjón (Mitte), der ihm nachfolgende, noch gemeinsam durch die historische Stätte… Fotos: Wolfgang Schiffer

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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