Oh hoher Baum des Schauns

Hans-Jürgen Gaudeck im Zwiegespräch mit Rainer Maria Rilke

Aus dem besprochenen Buch © Hans-Jürgen Gaudeck / Steffen Verlag

Aus dem besprochenen Buch © Hans-Jürgen Gaudeck / Steffen Verlag

Unter den Liebhabern der Poesie findet sich, so vermute ich, wohl kaum jemand, der die gesammelten Werke Rainer Maria Rilkes, des bedeutendsten Dichters der deutschsprachigen literarischen Moderne zu Beginn des 20. Jahrhunderts, nicht in seinem Bücherregal stehen hätte. Da mag man keinen Grund vermuten, eigens noch einmal auf eine neue Ausgabe mit einer Auswahl aus seinem lyrischen Werk hinzuweisen – wenn diese nicht durch eine „Zutat“ derart überzeugend wäre, dass sie sich als ein viele Sinne inspirierend schönes Buch erweist.

Rilke „Zutat“ ist natürlich ein allzu kleines Wort für das, was der Künstler Hans-Jürgen Gaudeck den Gedichten Rainer Maria Rilkes in seinem Buch Oh hoher Baum des Schauns angedeihen lässt. Er hält mit seinen Aquarellen, zu denen er sich in seiner Auseinandersetzung mit Rilkes Werk hat anregen lassen, Zwiesprache mit dem Dichter, mit dessen Lebensbild und lyrischen Motiven – und das in beeindruckend anschaulicher Weise.

Ausgewählt hat er hierfür Gedichte, die einen mehr oder weniger direkten Bezug zur Natur haben, zu den Jahreszeiten etwa, zu Landschaften, Plätzen, Wald und Meer. Im Eindringen in die hierin enthaltenen Gedanken- und Bilderwelten sind Aquarelle entstanden, die nur selten das Vorgegebene allein zu illustrieren suchen – Hans-Jürgen Gaudeck, so scheint mir, schreibt sie malend fort, bestärkt mit seiner Technik der feinst gearbeiteten Farbflüsse und –übergänge den poetischen Atem, der sie, oftmals virtuos alliterierend und mit schönsten End- und Binnenreimen, grundiert.

Ich habe das in der edition federchen des Steffen Verlags erschienene, 92 Seiten umfassende Buch Oh hoher Baums des Schauns gerne als eine Art zweiten Schlüssel zum Wiederlesen von Rainer Maria Rilkes Gedichten genutzt – und bekunde dem Maler Hans-Jürgen Gaudeck zugleich meinen Respekt vor der augenscheinlichen Qualität seiner Aquarelle, die sie bei aller Korrespondenz zu den literarischen Vorlagen zu vollkommenen, eigenständigen Kunstwerken macht. Chapeau!

Natürlich braucht der Beitrag nun auch noch ein Gedicht des großen Lyrikers. Entschieden habe ich mich für eines seiner wohl bekanntesten – Herbsttag.

Aquarell zum Gedicht "Lied vom Meer" © Hans-Jürgen Gaudeck / Steffen Verlag

Aquarell zum Gedicht „Lied vom Meer“ © Hans-Jürgen Gaudeck / Steffen Verlag

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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14 Antworten zu Oh hoher Baum des Schauns

  1. zolaski_lz schreibt:

    Zuweilen vermute ich eher Geschäftssinn als alles andere / nochmals nochmals nochmals nochmals ein Buch mit durch über und davon RILKE.
    zuweilen kann ich mich auch täuschen.
    Wohlgemerkt. Es geht hier nicht um die Qualität. Nur um das abermals.

    • versspielerin schreibt:

      … vielleicht aber auch, weil rilke so viel hergibt?

    • schifferw schreibt:

      Ich verstehe den kritischen Ansatz! Zugleich habe ich aber nichts dagegen, wenn sich Künste immer wieder an anderen Künsten „reiben“… Wäre dem nicht so, in bewusster oder zuweilen auch unbewusster Weise, würde in vielen wohl „Stillstand“ herrschen… Gute Grüße, Wolfgang

  2. versspielerin schreibt:

    … oh, das klingt nach einem wundervollen buch.
    wie schön, wenn zwei künste zusammentreffen, sich ergänzen, oder die eine die andere aufgreift und weiterführt. danke sehr für diesen beitrag!

  3. Angelika Schramm schreibt:

    Danke auf jeden Fall, lieber Wolfgang, für die Erinnerung an Rilkes Herbst. Der Hinweis auf ein neues, mit Liebe und Kunstverstand gemachtes Buch ist mir immer willkommen.
    „Die Blätter fallen, fallen wie von weit…“ Ich sehe mich noch, über den Text gebeugt, zum ersten Mal dieses Gedicht lesen; – und dann sollten ich etwas darüber in unsere Aufsatzhefte schreiben, in dieser gespannten Stille, die nur von Blätterrascheln und mehr oder weniger lauten Seuzfern meiner Klassenkameradinnen unterbrochen wurde … Für mich waren das „Feststunden“, in denen sich die zu bearbeitenden Texte unvergesslich einprägten.
    „Und doch ist einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.“ – Wer mag das heute noch glauben…

    • schifferw schreibt:

      Ich freue mich, dass ich diese so gut erfahrbare Erinnerung wieder wach rufen konnte! Mit dem Glauben tue ich mich schwerer. Ob wohl Rilke selbst…?

      • Angelika Schramm schreibt:

        Damals hätte ich mir eine solche Möglichkeit nicht vorstellen können. Heute kann ich Deinen „Unglauben“ sehr gut nachvollziehen.

  4. autopict schreibt:

    Schön, diese Ausgabe, zumindest was hier zu erkennen ist.
    Das Gedicht ebenfalls toll und gut passend.

    • schifferw schreibt:

      Danke! Ich hab diese Art „Geschenkbuch“ gerne angeschaut und gelesen. Es hält, was der kurze Eindruck vermittelt…

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