Nordlicht – Südlicht

Ein Familiendrama in Finnland

Helsinki, die Hauptstadt Finnlands, ist weit entfernt... © Wolfgang Schiffer

Helsinki, die Hauptstadt Finnlands, ist weit entfernt… © Wolfgang Schiffer

Der literarische Ehrengast der bevorstehenden Frankfurter Buchmesse ist Finnland – und wir dürfen uns auf viele neue Bücher aus diesem Lande freuen, die erstmals ins Deutsche übersetzt wurden. Manche Namen ihrer Urheber sind uns bereits bekannt, manches, das sie in den Jahren zuvor geschrieben haben, ist womöglich bereits gelesen.

Eine Neuentdeckung dürfte zweifellos Mooses Mentula sein, dessen überhaupt ersten Roman, 2013 im Original erschienen, der Weidle Verlag in seiner verdienstvollen Tradition der literarischen Entdeckungen auch zeitgenössischer internationaler Literatur soeben veröffentlicht hat. Sein Titel ist Nordlicht – Südlicht: er deutet bereits das Spannungsfeld an, in dem die etwa 260 Seiten umfassende, von Antje Mortzfeldt übersetzte Geschichte einer Ehe, einer Familie spielt – den Clash der Kulturen der urbanen südlicheren Teile des Landes mit den kargen, urwüchsigen Lebensbedingungen im Norden, in Lappland.

„Hör mal, du Südlicht, beantworte mir eine Frage! Wenn ein Mann allein im Wald ist, ohne dass Frauen in der Nähe sind, hat er dann trotzdem in allem unrecht?“
Ein bärtiger, noch recht junger Mann lehnte sich über den Tisch. Er versuchte Jyri mit seinen braunen Augen zu fixieren, aber die blieben nicht fokussiert. Jyri lachte über den Scherz und nickte. Der Mann lachte nicht, sondern packte ihn am Kragen. Speichel flog Jyri ins Gesicht.
„Antworte schon! I h r nehmt uns doch die Frauen weg!“

mentula_1Als Jouni Korhonen, ein Rentier-Züchter, gleich zu Beginn des Romans, in einer Kneipe sein Gegenüber auf diese Weise zu provozieren sucht, ahnt er noch nicht, das der – auf der Suche nach seinem ihm unbekannten Vater – aus dem Süden zugereiste Lehrer Jyri Hartikainen sein Leben tatsächlich von Grund auf verändern wird.

Jouni ist mit Marianne verheiratet. Sie stammt ebenfalls aus dem Süden – gemeinsam haben sie einen Sohn, den jungen Lenne.
Lenne ist längst ein Waldmensch, ein Rentierjunge geworden – er kann sich ein Leben andernorts als in der Kälte und Abgeschiedenheit des Nordens, ein anderes Leben als das, das sein Vater führt, nicht vorstellen.

Mariannes ursprüngliche Faszination von einem solch archaischen Leben und von ihrem Mann, den sie bei einem Studienaufenthalt im Norden kennen- und lieben gelernt hat, ist hingegen längst erloschen und hat einer großen Unzufriedenheit Platz gemacht – daran ändert auch die zusätzliche Wildschweinzucht nichts, die sie sich zugelegt haben, damit auch sie bei der häufigen und oft tagelangen Abwesenheit von Jouni beschäftigt ist.

Sie sehnt sich zurück nach einem Leben im Süden, posiert, verzweifelt ob ihrer Kontaktarmut, in Verkleidung heimlich nackt im Internet – und lässt sich schließlich sogar auf eine Affäre mit dem Lehrer aus dem Süden ein – eine Affäre, die nicht ohne Folgen bleibt…

Zwischen den Eltern steht Lenne, zermürbt von den ständigen Streitereien zwischen seinen Eltern – hin und her gerissen zwischen seiner Zuneigung zu Vater und Mutter gleichermaßen. Irgendwann hält er es nicht mehr aus, besteigt sein Quad, das er eigentlich noch gar nicht fahren dürfte, und flieht in die Einsamkeit der Wälder… Während sich zuhause der Streit zuspitzt, verbringt er die Nacht allein in einer Jagdhütte, verängstigt in seiner ausweglosen Situation, aus der sich zu befreien ihm auch die Erfindung eines Alter Ego, eines dem Spiderman gleichen Helden nicht hilft …

Wenn Lenne an Papa dachte, spürte er Tabakgeruch in der Nase. Dieses Durcheinander war nicht Papas Schuld, aber warum brachte er die Dinge nicht in Ordnung? Verschwand stattdessen immer nur in der Wildnis. Jetzt war Lenne an der Reihe wegzulaufen. Sollten sie ihre Probleme selber lösen, er würde erst nach Hause kommen, wenn alles in Ordnung war. Aber wie konnte es in Ordnung kommen? Wenn Papa Mama verzeihen würde, wäre Lenne böse auf ihn. Aber zugleich hatte Lenne Mama lieb. Der Zigarettengeruch wurde stärker und mischte sich mit dem Duft von Mamas Gesichtscreme.

Mooses Mentula, 1976 geboren, weiß, wovon er erzählt. Er hat lange als Lehrer in Nordfinnland und Lappland gelebt und kennt die dortigen Lebensverhältnisse. In Finnland erschienen ist bisher von ihm eine Sammlung von Erzählungen (eine davon findet sich in der aktuellen Ausgabe der Literaturzeitschrift die horen Der Herbst kommt jedes Mal zu früh…), der er nun dieses wirklich starke Roman-Debüt hat folgen lassen. Stilsicher in seinem bis ins Detail schneidenden Realismus, mit einem oft derben, bitteren Humor erzählt es uns von Menschen, die hilflos gefangen sind in ihren Emotionen und in einer Sehnsucht nach einem Ort, der den Namen Heimat verdient – und zugleich zeigt das Buch uns damit das Ehrengastland Finnland von einer Seite, die zumindest mir so nicht bekannt war.

Was mehr kann man von einem Roman erhoffen? Große Empfehlung!

Mooses Mentula wird im Umfeld der Frankfurter Buchmesse in Deutschland und in der Schweiz auch selbst zu erleben sein: die Termine finden sich hier.

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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8 Antworten zu Nordlicht – Südlicht

  1. Maren Wulf schreibt:

    Ich war noch nie in Finnland, aber dieses Buch hört sich an, als atme es dessen Seele – oder wie ich sie mir vorstelle… Danke für die fesselnde Vorstellung!

  2. schifferw schreibt:

    Danke! Da hilft nun nur eine Finnlandreise, um den Eindruck zu überprüfen!

  3. Angelika Schramm schreibt:

    Finnland und die Samen sind mir von nicht finnischen Autoren sehr nahe gebracht worden. Der Gedanke, das nun durch finnische Autoren vielleicht noch zu intensivieren, gefällt mir sehr.
    Vielen Dank für die Vorstellung!

  4. buchwolf schreibt:

    Klingt äußerst interessant!
    lg, Wolfgang / buchwolf

  5. schifferw schreibt:

    Zumindest ich war sehr angetan! Liebe Grüße zurück, der andere Wolfgang

  6. Pingback: Finnland. Cool. | Klappentexterin

  7. Pingback: Flucht – Mooses Mentula „Nordlicht – Südlicht“ – Zeichen & Zeiten

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