Dinçer Güçyeter: Aus Glut geschnitzt -eine Art Rezension

„Dinçer Güçyeter ist ein Dichter der Menschlichkeit und der Liebe. Tief verwurzelt in verschiedenen Traditionen und in der Moderne mühelos zu Hause. Aus Glut geschnitzt selbst ist zum Versinken weich und warm, dabei zum Verbrennen heiß und messerscharf.“

Dem stimme gerne zu und gebe die Stimme des Kritikers Matthias Engels gerne als Empfehlung weiter!

DINGFEST

ausglut.png

Ich habe Stimmen gehört- sehr viele unterschiedliche Stimmen und Töne. Sie alle gehören dem Dichter Dinçer Güçyeter.

In dessen eigenem Elif Verlag erscheinen die reizvollsten neuen Stimmen der deutschen Gegenwartslyrik sowie internationale Entdeckungen in Übersetzung. So steht der Verleger Dinçer Güçyeter ständig in einem poetischen Stimmengewitter und mein Eindruck sagt, er dirigiert es mühelos und mit großer Freude.
Aus Glut geschnitzt, der 2017 erschienene eigene Band des Dichters Güçyeter zeigt nun, wie all diese Töne durch ihn hindurchgehen, sich in Eigenes verwandeln, Echos finden und Widerhall.
Die Gedichte im Band sind äußerst abwechslungsreich, lang kurz, zart und rau; eben denkt man, man habe sich den Ton des Dichters erschlossen, da folgt bereits ein weiterer. Und die Stimmen überlagern sich. Dinçer Güçyeter findet strukturelle Mittel, die ihm ein vielfältiges, buntes Sprechspiel und lyrisches Selbstgespräch ermöglichen. Die Stimmen überlagern sich, kommentieren sich selbst; in Prologen und Fußnoten, in Kursiv gesetzten Einschüben…

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ars poetica

Zum Welttag der Poesie

Island

ars poetica

það vill henda í ljóðum
að þegar þokunni léttir
taki hún með sér fjallið

(Sjón)

ars poetica

es kommt vor in Gedichten
wenn der Nebel sich lichtet
dass er den Berg mitnimmt

(Isländischen von Tina Flecken)

ars poetica

in gedichten kann es vorkommen
dass der nebel, der sich hebt
den berg gleich mitnimmt

(Aus dem Isländischen von Betty Wahl)

Entnommen ist dieses Gedicht im Original und seiner zweifachen Übertragung dem soeben in der Edition Rugerup erschienenen Band bewegliche berge von Sjón.

Sjón wurde 1962 in Reykjavík geboren, er veröffentlichte mit 15 Jahren seinen ersten Lyrikband. Für seinen Roman Schattenfuchs erheilt er 2005 den Literaturpreis des Nordischen Rates, für Der Junge, den es nicht gab den Isländischen Literaturpreis. Sein neuestes Werk, CoDex 1962, eine Romantrilogie, erscheint 2019 bei S. Fischer.

Als Dichter, Librettist und Songtexter hat er neun Gedichtbände und vier Opernlibretti veröffentlicht sowie Songtexte für verschiedene Künstler geschrieben, darunter Björk. 2001 wurde er mit Björk für den Song I´ve Seen It All in Lars von Triers Dancer in the Dark für einen Oscar nominiert. Sjóns Romane wurden in 35 Sprachen übersetzt. Er ist Präsident des isländischen PEN-Zentrums und lebt mit seiner Familie in Reykjavík.

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Ursache und Wirkung – Margriet de Moor: Von Vögeln und Menschen

Diese Empfehlung gebe ich gerne weiter! Margriet de Moor ist eine große Schriftstellerin!

letteratura

Jeden Tag, öfter noch nachts, fährt Rinus zum Flughafen Schiphol, und verscheucht Vögel. Sein Arbeitgeber ist „Bird Control“: Er passt darauf auf, dass der Flugverkehr störungsfrei laufen kann, dass sich die Vögel nicht in die Triebwerke der Flugzeuge verirren. Sie faszinieren ihn. Wenn er frühmorgens nach Hause kommt und sich im Bett an seine Frau schmiegt, erzählt er ihr davon, was in seiner Schicht passiert ist. Und Marie Lina, von Rinus nur zärtlich Lineke genannt, hört zu und fragt nach. Sie teilt seine Liebe zu den Vögeln.

Doch trägt Marie Lina eine alte Wut in sich, so stark, dass sie nicht gegen sie ankommt. Als Rinus seine zukünftige Frau der Familie vorstellte, wusste jeder bereits, wer sie ist, weil ihre Geschichte eine bekannte ist: Ihre Mutter ist Louise Bergmann und damit die Frau, die einst einen alten Mann umgebracht haben soll. Die die Tat gestanden, das Geständnis dann widerrufen hat…

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Naira Gelaschwili: Ich fahre nach Madrid Verbrecher Verlag

Ich bin ganz Deiner Meinung, liebe Marina Büttner: „Kleines Buch – Großes Leuchten!“ Herzlichen Dank für diese schöne Empfehlung, die ich gerne weitergebe!

literaturleuchtet

Cover

„Vielleicht existiert in einem geheimen Raum des Weltalls eine Galerie oder Bibliothek, in der alle im Traum gemalten Bilder gesammelt werden könnten, und alle im Traum geschriebenen Gedichte und Erzählungen.“

Ich fahre nach Madrid, sagt der 47-jährige Sandro Litscheli aus Tbilissi. Seiner Geliebten erzählt er, er reise nach Kutaissi, wieder andere hören, dass er aufs Land fahre, da seine Mutter im Sterben liegt, andere meinen, er sei auf Dienstreise in Sochumi …

Dabei ist Sandro Litscheli nur überarbeitet, müde und resigniert und will seine Ruhe. So stiehlt er sich davon, 14 Tage weg aus Tbilissi, und besucht seinen alten Freund, der mittlerweile Chefarzt eines Krankenhauses ist. Tatsächlich freut sich dieser riesig und stellt ihm ein eigenes Zimmer direkt neben seinem Chefarztbüro zur Verfügung, wo er mit allem versorgt wird, doch nie belästigt in seinem Wunsch nach Einsamkeit. Des abends wird es zur Routine, dass der Chefarzt-Freund Sandro besucht, mit allerhand…

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Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (52)

Meine Reise durch die isländische Poesie

Reykjavík, Hafen – Foto: Sybille Schütz

Mit einem leichten Schrecken habe ich festgestellt, dass es bereits eine recht lange Weile her ist, seit ich hier eine letzte Station auf meiner Reise durch die Dichtkunst Islands markiert habe, ja, ich kann nicht einmal mir selbst verheimlichen, dass ich dieses „Projekt“ beinah ganz vergessen hätte.

Heute jedoch ist mir einmal mehr ein bestimmter Anlass Grund genug, es wieder aufleben zu lassen, ja, ich scheue mich nicht einmal, es aus eben diesem Anlass sogar mit der wiederholten Vorstellung eines Autors zu tun, den die Leserinnen und Leser meines Blogs natürlich längst kennen: Ragnar Helgi Ólafsson. Seiner hier folgend noch einmal zitierten Biografie ist allerdings hinzuzufügen, dass er Ende 2017 ein weiteres Buch veröffentlicht hat, Handbók um minni og gleymsku / Handbuch der Erinnerung und des Vergessens, mit dem er als einer von drei Kandidat*innen für den Isländischen Literaturpreis nominiert war.

Ragnar Helgi Ólafsson, geb. 1971 in Reykjavík / Island, studierte an der Universität von Island Philosophie, Filmregie an der New York Film Academy und im Anschluss in Frankreich zunächst Französisch in Marseille und danach Kunst in Aix en Provence. Nach mehreren Kurzfilmen arbeitet er in den letzten Jahren vornehmlich als Grafikdesigner und bildender Künstler mit zahlreichen nationalen und internationalen Ausstellungen, zudem betreibt er den Tunglið Forlag, den Mond Verlag, in dem jährlich zwischen acht und zwölf Publikationen mit fiktiver Prosa und Lyrik erscheinen. 2013 veröffentlichte er in Island mit Bréf frá Bútan / Briefe aus Bhutan einen ersten eigenen Roman sowie anschließend eine Sammlung mit Kurzgeschichten, 2015 folgte der erste Gedichtband Til hughreystingar þeim sem finna sig ekki í samtíma sínum / Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können, für den er mit dem Tómas-Guðmundsson-Poesie-Preis ausgezeichnet wurde, einem Preis, den die Stadt Reykjavík zum Andenken an den gleichnamigen bekannten isländischen Schriftsteller und Lyriker (1901 – 1983) alljährlich an herausragende Werke der isländischen Dichtkunst vergibt.

Island, Grótta – Foto: Wolfgang Schiffer

In Böhmen wissen die Menschen,
dass ihre Selbstbildnisse zerbrechlich sind.

Von diesem Wissen und von vielem mehr zeugt Ragnar Helgi Ólafssons Gedichtband Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können, im Oktober 2017 zweisprachig ediert im Elif Verlag veröffentlicht und vor wenigen Tagen bereits erschienen in 2. Auflage. Darüber freuen sich der Dichter ebenso wie der Verlag – und die Übersetzer Jón Thor Gíslason und ich.

 

NOCH EIN PAAR WORTE ÜBER SPIEGEL

 Es wird erzählt
dass Gott, bevor er auf die Idee kam,
die Welt zu erschaffen,
in den Spiegel geschaut habe.¹

Das Spiegelbild
ist zunächst
ein genaues Ebenbild dessen, was gespiegelt wird,
doch
dann bekommt es ein Eigenleben.

So hat ein Gedanke über einen Gedanken die Welt erschaffen.

In Böhmen wirst du im Schlafzimmer
keinen Spiegel finden.
Dort wird es als sehr gefährlich angesehen,
wenn ein schlafender Mensch
sein Spiegelbild sieht.

In Böhmen wissen die Menschen,
dass ihre Selbstbildnisse zerbrechlich sind.

Eins gibt es, worüber ich immer nachdenken muss:
Was passiert,
wenn ein Chamäleon
in den Spiegel schaut?

¹ Zum damaligen Zeitpunkt gibt es weder Raum noch Zeit, geschweige denn irgendeine Materie, und daher ist es wahrscheinlich, dass Gott eher über Gott nachgedacht hat, als buchstäblich in den Spiegel geschaut zu haben. Aber ein Gedanke über einen Gedanken über sich selbst ist ja in gewisser Weise ein Spiegel.

 

NOKKUR ORĐ TIL VIĐBÓTAR UM SPEGLA

Sagt er að
áður en Guði datt í hug
að skapa heiminn
hafi hann litið í spegil.¹

Spegilmyndin er
í fyrstu
nákvæm efirmynd þess sem speglað er
en
síðan fær hún eigið líf.

Þannig skapaði hugsun um hugsun heiminn.

Í Bæheimi finnurðu hvergi spegil
í svefnherbergi.
Þar er það talið mikið hættuspil
sjái sofandi maður
spegilmynd sína.

Í Bæheimi vita menn
að sjálfsmynd manna er brothætt.

Eitt er það sem ég get ekki hætt að hugsa um:
Hvað gerist
ef kamelljón
lítur í spegil?

¹ Þegar hér er komið sögu er hvorki rúm né tími, hvað þá efni, komið til sögunnar og því er líklegt að Guð hafi hugsað um Guð, frekar en að líta bókstaflega í spegil. En hugsun hugsunar um sjálfa sig er jú nokkurs konar spegill.

Zur Freude über die 2. Auflage empfinde ich eine gewisse Vorfreude übrigens noch obendrauf. Nach so manchen Lesungen der Gedichte von Ragnar Helgi Ólafsson – in Berlin, Frankfurt, Hamburg, Siegburg, Wuppertal und anderen Städten – habe ich nämlich bald das Vergnügen, Buch und Texte umfassend auch in Köln vorstellen zu dürfen: am 4. März um 17:00 Uhr im KulturSalon Freiraum im Rahmen des Programms Die Isländer kommen II – einer kleinen, sich über vier Wochen erstreckenden Veranstaltungsreihe mit einer Ausstellung von Jón Thor Gíslason, der ja vor allem anderen Maler ist,  mit Film, Stand-Up-Comedy und Literatur.

Hjartanlega velkominn!

 

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