Antanas Škėma: Das weiße Leintuch (1958/2017)

Gerne empfohlen!

Wissenstagebuch

Skema- LeintuchDie Sehnsucht nach Litauen vergeht nie. In den geschäftigen Straßen von New York trifft man seine Landsleute; die Literatur – sie lebt im Exil fort. Fernab der sowjetischen Herrschaft schreibt manch einer mit litauischem Nationalpathos, ein anderer pflegt durch zahlreiche Anspielungen Geschichte und Kultur des Landes. Zu letzteren gehört der bereits 1961 verstorbene Dichter Antanas Škėma. Im US-amerikanischen Exil verfasste er mit „Das weiße Leintuch“ sein – zumindest außerhalb Litauens – bekanntestes Werk.

Škėmas Protagonist, der litauische Schriftsteller Antanas Garšva, lebt im New Yorker Exil. Von den Sowjets gefoltert, floh er über Deutschland in die USA, wo er nun als Liftboy arbeitet. Er raucht, trinkt und verliert sich in Affären, von denen er sich mal mehr, mal weniger verspricht. Lebensbedrohlich krank, schiebt er das klärende Gespräch mit dem Arzt vor sich her; gemeinsam mit seiner Geliebten will er leben, dabei schreiben und auch endlich wieder dichten.

Die Parallelen zum Leben…

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Die Königsklasse des Radios

Erste öffentliche Präsentation der Hörspiel-Anthologie „Bilanz“

Das freut mich sehr! Zwei Tage vor der ersten öffentlichen Vorstellung der von Michael Serrer, dem Leiter des Literaturbüros NRW, und mir herausgegebenen Hörspiel-Sammlung Bilanz im Literaturhaus Köln, verweist der Kölner Stadt-Anzeiger darauf mit einem Interview, das seine Mitarbeiterin Luise Schendel vor einigen Tagen mit mir geführt hat.

Natürlich hätte es eine jede Medienseite einer Zeitung gesprengt, wenn alles, worüber wir gesprochen haben, abgedruckt worden wäre – aber ich denke, auch in der vorliegenden, gekürzten Auswahl zeigt der Beitrag schon, was am Abend des 2. März im Literaturhaus Köln mit allen Beteiligten in Ausschnitten gehört und im Gespräch vertieft werden will…

Hörspiel-Anthologie "Bilanz"

 Ihr alle seid / Sie alle sind  herzlich willkommen!

 

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„Motregen“ in Amsterdam

A.F.TH. van der Heijden schreibt seinen Zyklus Die zahnlose Zeit fort…

Foto: Wolfgang Schiffer

Foto: Wolfgang Schiffer

Ulrich Faure, Online-Chefredakteur des Fachmagazins BuchMarkt, Kritiker, Übersetzer und ausgewiesener Kenner der niederländischen Literatur (vor wenigen Monaten erschien in seiner Übersetzung u. a. im Verlag Schöffling & Co. der Roman Stern geht von Thomas Heerma van Voss), ist den Leserinnen und Lesern der „Wortspiele“ vielleicht kein gänzlich Unbekannter mehr. Schon einmal nämlich habe ich die Freude gehabt, ihn hier mit einem Gastbeitrag vorstellen zu können – und zwar mit der Würdigung eines ihm damals nur in der niederländischen Originalfassung zugänglichen Romans, auf dessen deutschsprachige Veröffentlichung er zu Beginn seines heutigen Beitrags nun allerdings hinweisen kann: De helleveeg oder zu Deutsch Das Biest von A.F.TH. van der Heijden.

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Um den Autor A.F.TH. van der Heijden, einem der ganz „Großen“ der niederländischen Literatur, geht es Ulrich Faure auch heute wieder – und ebenso erneut um einen Roman, auf dessen Lektüre der des Niederländischen nicht kundige Leser noch eine Weile wird warten müssen. Er ist aber herzlich eingeladen, sich bereits einmal der Vorfreude hinzugeben. Ulrich Faure:

„Es war eine literarische Sensation, als 2013 in Amsterdam ein neuer Band des eigentlich längst abgeschlossenen Zyklus Die zahnlose Zeit von A.F.Th. van der Heijden erschien – das Werk kam im vergangenen Jahr – wie auch die vorherigen – bei Suhrkamp unter dem Titel Das Biest in der bewährten Übersetzung von Helga van Beuningen heraus.

Damals hatte sich Adri, wie Freunde und Fans ihn nennen, eine Nebenperson aus seinem Roman Das Gefahrendreieck, die Schwester der Mutter von Adris alter ego Albert Egberts, nämlich Tante Tineke van der Serckt, vorgeknöpft und einen für seine Verhältnisse mit 300 Seiten kleinen Roman geschrieben.

Schon zu dem Zeitpunkt war klar, dass van der Heijden seine Trilogie in sieben Büchern noch viel weiter führen würde: Jetzt – Ende 2016 – ist bei Bezige Bij der nächste Band erschienen, der in den Niederlanden sofort zum wichtigsten Buch des Jahres ausgerufen wurde: der 1300 Seiten starke Thriller Kwaadschiks (der von Helga van Beuningen vorgeschlagene deutsche Titel lautet: … dann eben im Bösen).

Ein Buch, das es in sich hat: Leider werden allein aufgrund des Umfangs die deutschen Leser aber noch ein Weilchen darauf warten müssen.

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Der Plot des neuen Buches, mit dem van der Heijden den Zyklus Die zahnlose Zeit auf das neue Jahrhundert ausdehnt (die Handlung spielt im Juli 2008, der Epilog im Jahr 2015), lässt sich zwar in Klappentextlänge wiedergegeben, soll aber in solcher Kurzform hier nicht verraten werden.

Worum geht’s also? Nico Dorlas, Werbeprofi in einer Agentur, sitzt völlig verkatert im Büro und wird von seinem Chef zur Ordnung gerufen. Um auszunüchtern, soll er nach Hause fahren, was er auch tut, nur dass er unterwegs zwei Pullen Schnaps kauft und die erste gleich, am Steuer sitzend, vor den Augen der Polizei an den Hals kriegt. Natürlich endet das alles auf der Wache, wo Dorlas beim Alkoholtest alle Rekorde bricht; Führerschein und Auto werden einbehalten. Generös auf Kosten der Polizei darf er im Taxi nach Hause fahren. Da wartet weiteres Ungemach: Seine viel jüngere Freundin/Frau Desy hat ihre Sachen gepackt: Sie hat den dauerbesoffenen Dorlas, der nicht nur verbal ausfällig, sondern auch gern mal handgreiflich wird (während er im Büro an einer Kampagne über „Lockere Hände anbinden“ sitzt), gründlich satt und will mit ihrem neuen Lover und Sohn Hemmo aus erster Ehe das Weite suchen.

Natürlich rastet Dorlas nun völlig aus. Man mag nicht mitzählen, wieviel Wodka er im Laufe des Buches in sich hineinschüttet: Friedlicher und besonnener macht ihn das nicht. Mit List und Tücke holt er sich Auto und Führerschein zurück, schnappt sich seine beiden Pistolen, die er (illegal) besitzt und läuft (bzw. fährt) Amok, um Desy zu finden. Vor der Wohnung seiner Schwiegereltern a. D. ballert er rum – da trifft es aber nur die Katze des Hauses. Kurz bevor er sich in Desys Zweitwohnung verschanzt, schießt er noch einmal, diesmal trifft er besser…

Nun zieht der Autor, der auf ein wirkliches Geschehnis zurückgreift, alle Register, denn jetzt schreitet die Polizei ein und versucht, des Täters habhaft zu werden. Das Ganze spielt – wie gesagt – an einem trüben Sommertag im Jahr 2008, es nieselt die ganze Zeit, wie es nur in Amsterdam nieseln kann (man merkt es nicht wirklich, ist aber auf einmal patschnass – die Niederländer haben den schönen Ausdruck „motregen“ dafür). Minutiös kann man in der Polizeistabsstelle verfolgen, wie dort das Vorgehen geplant wird, und man verpasst auch keine Minute von Dorlas in Desys Wohnung.

der-anwalt-der-haehne-2Zwei alten Bekannten begegnet man in den Kwaadschiks wieder. Albert Egbert natürlich – und seinem Freund Ernst Quispel, dem Anwalt der Hähne. Der ist inzwischen trockener Alkoholiker, hat sich zu einem berühmten Fernseh-Anwalt gemausert und ist vornehmlich im Ferrari unterwegs. Wegen einer alten Geschichte ist er dem durchgeknallten Dorlas anwaltlich verbunden – und soll nun als Unterhändler die Kohlen aus dem Feuer holen.

Dass der Autor für seine Erzählung 1300 Seiten braucht (und in Interviews mit der niederländischen Presse versichert hat, dass kein einziges Wort zu viel im Buch stehe), scheint nur auf den ersten Blick ein Widerspruch. Im Gewande eines Thrillers liefert van der Heijden nicht mehr und nicht weniger als das genaue Psychogramm eines Psychopathen. Innere Monologe und Selbstgespräche Dorlas’ geben Einblick in das kranke und schwer alkoholisierte Hirn dieses Maniaks, diese Erzählperspektive und die „neutrale“ Perspektive des Erzählers sorgen für einen ungeheuren Spannungsbogen. Nicht im Sinne eines Whodunit – was passiert ist, darüber ist der Leser eigentlich immer im Bilde, auch wenn es dem Autor gelingt, die letzte Gewissheit bis zum Schluss offenzulassen.

Wie vielfach gebrochen die ganze Geschichte ist, zeigt sich daran, dass Antiheld Dorlas, dieser ausgemachte Widerling, bei seinem hirnrissigen Tun „offiziell“ auf der Suche nach der absoluten Stille ist. Man könnte die Romanhandlung nämlich auch in folgendem Satz zusammenfassen: Dorlas tut alles, um seine Freundin zurückzugewinnen, um ihr fürderhin in Stille verbunden zu sein. Wer hier ein Tristan- und Isolde-Motiv vermutet, liegt nicht falsch.

die-movo-tapesWas Dorlas anrichtet, gewinnt aber die Ausmaße einer antiken Tragödie. Dass genau dies die Intention des Autors ist (erinnert sei nur daran, wie van der Heijden z. B. in Treibsand urbar machen aus seinem Zyklus Homo duplex mit Sophokles’ Antigone spielt oder, deutlicher noch, wie in Movo-Tapes, dem Startband dieses zweiten großen Zyklus, ein unheilvolles delphisches Orakel die Handlung in Gang setzt), zeigt sich allein an den „Requisiten“, die van der Heijden benutzt.

Dorlas, eine „theatralische Persönlichkeit mit narzisstischen Zügen“, leidet (wie der Autor selbst) unter Apnoe und braucht deshalb zum Schlafen eine Atemmaske. Wie kunstvoll dieses Maskenmotiv (und dass attische Schauspieler in ihren blutigen Tragödien im Altertum Masken benutzten, darauf gibt es auf S. 986 einen dezidierten Hinweis) in die Handlung integriert, trotz vielfacher Gebrochenheit aber mühelos zu entschlüsseln ist, kann hier nicht im Einzelnen dargelegt werden – das soll der Literaturwissenschaft vorbehalten bleiben, wenn sie die Poetik dieses Autors untersucht: Hingewiesen werden muss trotzdem darauf, denn letztlich ist das Maskenmotiv der Strang, an dem alles hängt.

Dass es A.F.Th. van der Heijden in seinem ungeheuren Erzählfuror gelingt, Spannung bis zur letzten Seite aufzubauen, versteht sich bei diesem Autor von selbst. Und es wird weitergehen mit der Zahnlosen Zeit: Zwei weitere Bände, so verrät der Klappentext, sind in Arbeit. Ein Foto in einem Interview mit der Zeitung Volkskrant anlässlich des Erscheinens der Kwaadschiks zeigt eine Reihe von Aktenordnern mit der Aufschrift MH17 – der nächste Band des Zyklus. Neun Aktenordner sind zu sehen, was die Hoffnung weckt, dass das neue Buch ähnlich umfangreich werden wird. Denn, wie sagte Albert Vigoleis Thelen: `Geschichten sind doch nicht dazu da, dass sie schnell zu Ende gehen.´ Wie wahr!

Natürlich, lieber Ulrich Faure: Vigoleis, der alte Schelm, hat selbstverständlich recht! Bei solcher Länge freuen wir uns nur umso mehr auf ein hoffentlich nicht allzu fernes Erscheinen!  Danke!

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Bilanz der „Bilanz“ – Hörspielkunst aus den Studios des WDR

Reaktionen in Presse und Radio

Hörspiel-Anthologie "Bilanz"Wie stolz darf man sein? Wieviel Freude kann man teilen? Diese Fragen stellen sich mir natürlich, wenn ich hier einmal mehr von einer Arbeit spreche,  an der ich selbst als Mitherausgeber beteiligt bin. Doch man erlaube mir bitte dieses „pro domo“, will es doch weniger den Erfolg dieser eigenen Arbeit spiegeln als vielmehr den eines künstlerischen Genres, dem ich (und das sehr gerne) zuvor bereits viele Jahre meines beruflichen Lebens habe widmen können: der originären Kunstform des Radios, dem Hörspiel!

Ich bin mir sicher, auch mein Mitherausgeber der Hörspiel-Anthologie Bilanz, der Leiter des Literaturbüros NRW Michael Serrer, hat nicht damit gerechnet, dass dieses zum 70. Jahrestag der Gründung des Bundeslandes NRW und zum 60. des Bestehens des WDR in der Schriftenreihe der Kunststiftung NRW im Lilienfeld Verlag erschienene Hörbuch eine derartige Resonanz erfahren würde, wie wir sie bis heute feststellen  dürfen.

Ich jedenfalls habe eine solche Erwartung nicht gehabt – und umso größer ist natürlich die Freude über diesen Erfolg – einen Erfolg speziell für die Kunstform Hörspiel, deren kritische Würdigung auf den Feuilleton- und Medienseiten der Zeitungen trotz der nach wie vor vielen Ausstrahlungen in den Rundfunkanstalten der ARD zum Bedauern vieler längst nicht mehr die Regel ist.

Foto Lilienfeld Verlag

Foto Lilienfeld Verlag

Im Folgenden erlaube ich mir nun, stichwort- oder eher noch schlagwortartig eine Auswahl aus den Reaktionen in Presse und Radio aufzulisten – nicht zuletzt als Appell an die Veröffentlicher, auch der Würdigung der vielen aktuell gesendeten Hörspiele doch generell wieder etwas mehr Platz einzuräumen: Die nachfolgenden Zitate belegen ja, dass dieses Genre lebt und es nach wie vor vieles in ihm zu entdecken gibt.

Süddeutsche Zeitung, 29. November 2016

Tobias Lehmkuhl: „Ein Streifzug durch die Zeiten und ihre Sprechhaltungen … die Vielgestalt des Hörspiels in den letzten 60 Jahren.“

Neue Osnabrücker Zeitung, 10. Dezember 2016

Stefan Lüddemann: „Die von der Kunststiftung NRW geförderte Edition „Bilanz“ zeigt den künstlerischen Wandel in markanten Schritten auf.“

Rheinische Post, 12. Dezember 2016

Lothar Schröder: „Eine Schatztruhe ist diese Box mit 13 großen WDR-Hörspielen aus sechs Jahrzehnten. Alles Klassiker, alle hörenswert.“

B5 aktuell, 23. Dezember 2016

Monika von Aufschnaiter: „Für Hörspielfreunde, die sich noch nicht mit der Geschichte des Genres befasst haben, … ein bereicherndes Geschenk.“

radiobremen, 02. Januar 2017

Holger Rink: „Diese besondere Edition zeigt den künstlerischen Variantenreichtum des Genres und besticht durch Umfang und bedeutende Namen – ein akustisches Ereignis. Ein genussvoller, lustvoller Streifzug durch die Zeiten und ihre jeweiligen Sprechhaltungen.“

WAZ, 04. Januar 2017

Lars von der Gönna: „Die Herausgeber haben Schätze gehoben. Wie Martin Held und Günther Lüders 1969 für Dieter Kühns „U-Boot-Spiel“ in kindlich-alberner Beiläufigkeit die ganze Grausamkeit des Krieges beim Schifferversenken am Küchentisch entfachen, jagt einem bis heute kalte Schauer über den Rücken.“

Kölner Stadt-Anzeiger, 13. Januar 2017

Frank Olbert: „Zehn CDs machen dreizehn Hörspiele zugänglich, so, wie der WDR sie gesendet hat – ein ergänzender Schriftband liefert Einführungen und stellt die Stücke sowie deren Autoren vor. Damit leistet Schiffers und Serrers ‚Bilanz‘ schon einmal etwas höchst Wertvolles – sie verschafft der flüchtigen, so rasch versendeten Radiokunst eine dauerhafte Bleibe, zumindest in Form von dreizehn Exemplaren.“

Westfälischer Anzeiger, 02. Februar 2017

Ralf Stiftel: „Die Stücke dieser Edition haben thematisch wie stilistisch eine Spannweite, die einfach nur staunen macht. Und die Ausstattung lässt keine Wünsche offen: Schuber im Buchformat, ein informatives Begleitheft.“

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20. Februar 2017

Anja Hirsch: „Eine große Edition versammelt Glanzstücke der WDR-Hörspielkunst… Dass viele wichtige Namen und Genres fehlen, liegt im Konzept begründet, hat aber auch einen Vorteil: Diese Edition ist tatsächlich bewältigbar und eine Entdeckung wert.“

Zum in der FAZ angesprochenen Konzept und manch anderem, das Hörspiel und dessen Geschichte allgemein und die Hörspiel-Anthologie betreffend, habe ich seinerzeit  der Agentur für Marketing und Kommunikation re-book zwar etwas leise, dafür aber kurz einige Fragen beantwortet. Wer mag, kann dies im folgenden YouTube-Beitrag nachhören.

Herzlichen Dank für Ihre und Eure Aufmerksamkeit!

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„Wer nicht in der Poesie lebt, der überlebt hier auch nicht.“

Ein Besuch bei Halldór Laxness

Das Werk von Halldór Laxness – doch längst nicht vollständig…

Das Werk von Halldór Laxness – doch längst nicht vollständig…

Wenn einem – wie so häufig – Birgit Böllingers Idee zu einer Reihe in ihrem äußerst lesenswerten Blog Sätze & Schätze per se sehr gefällt und man sodann auch noch von ihr, wie bei der Reihe #MeinKlassiker geschehen, ermuntert wird, doch mit einem Beitrag – möglichst aus der Landschaft des besonders ausgeprägten eigenen literarischen Interesses – daran teilzunehmen, so darf man dies meines Erachtens durchaus als eine kleine Ehre empfinden.

Da muss man dann irgendwann einfach mal Zahnschmerz, Grippe sowie Arbeiten, die den vermeintlich letzten verbliebenen Rest an Konzentrationsfähigkeit erfordern, beiseiteschieben und sich, wenn auch mit deutlicher Verspätung, ans Werk machen – sprich, sich zunächst einmal entscheiden, wer es denn sein soll, der in den Status MeinKlassiker erhoben wird…

Was daraus erfolgt ist und  in Sätze & Schätze bestens bebildert als #MeinKlassiker 30 veröffentlicht wurde, will ich nun – wenn auch ein wenig anders illustriert, nämlich mit einer kleinen Foto-Serie älterer Island-Motive unbekannter Urheberschaft, die mir einst ein Trödler überlassen hat – den Leserinnen und Lesern meines Blogs gerne ebenfalls Kenntnis geben.

Wer meine „Wortspiele“ kennt, wird sich vorstellen können, dass mir die Auswahl hinsichtlich des Sprach- und Kulturraums nicht schwer gefallen ist. Es ist Island.

Auch bei der Benennung des Schriftstellers habe ich – wiewohl mir noch Namen wie Gunnar Gunnarsson oder ­Þórbergur Þórdarson (vom ersten wäre insbesondere der Roman Vivivaki zu nennen, vom zweiten liegt auf Deutsch bislang leider nur Islands Adel vor…) durch den Kopf gingen, ebenfalls nicht besonders nachdenken müssen. Es ist natürlich Halldór Laxness.

Island

Die Wahl, das muss an dieser Stelle gesagt werden, ist aber nicht nur deshalb auf Halldór Laxness gefallen, weil er vielen zu Recht als der größte Schriftsteller seines Landes gilt und zudem sein einziger Literaturnobelpreisträger ist – nein, sie ist vor allem deshalb getroffen, weil mich mit der Lektüre seiner Romane, ja, mit ihm persönlich, eine besondere Geschichte verbindet. Doch davon ein wenig später.

Zunächst eine Art Statement: Halldór Laxness (eigentlich Halldór Kilian Guðjónsson – den Namen Laxness legt er sich erst später zu in Anlehnung an den Namen des Hofs, den sein Vater 1905 in Mosfellsveit gekauft hat) geboren 1902 – gestorben 1998 – Nobelpreis für Literatur 1955 – ist der wohl letzte Nationaldichter Europas und nicht nur wegen seiner mehr als 60 Buchtitel einer der größten Weltautoren zugleich. Ihn nicht gelesen zu haben, wäre ein dringendst zu korrigierendes Versäumnis.

Alle 60 Bücher, die er veröffentlicht hat, habe ich nicht gelesen – aber doch, wenn auch zunächst in nicht immer besonders guten Übersetzungen, da sein Werk hier in Deutschland erst recht spät im Steidl Verlag eine pflegliche literarische Heimat fand – aber doch zumindest so viele, dass ich über die Wahl des Titels für eine Weile ins Grübeln kam.

Island

Ein Kandidat für #MeinKlassiker wäre durchaus der 1931/32 geschriebene Roman Salka Valka. Wer Laxness entdecken möchte, kommt an diesem Roman nicht vorbei. Laxness schildert hierin den Weg der Titelheldin vom unehelich geborenen, bettelarmen und missbrauchten Fremdling in einem isländischen Fischerdörfchen zur selbstbewussten jungen Frau mit kämpferischem Stehvermögen, mit hellem Kopf voller sozialer und politischer Interessen und tiefen, einander widerstreitenden Gefühlen.

Ihre quasi Bekehrung zum Bolschewismus korrespondiert mit Laxness´ damaliger eigener marxistisch-kommunistischer Überzeugung.  Doch wer glaubt, dass seine im Laufe seines Lebens aus eigener Sicht als politischer Irrtum erkannte Überzeugung  sich ideologisch verengend auf seine literarischen Figuren durchgeschlagen wäre, der überliest die ihm eigene Mischung aus Wärme, Witz und Widerhaken, in der er die Einführung des Bolschewismus in das kleine Fischerdorf am Axlarfjord darzustellen weiß.

1934/35 schreibt und veröffentlicht Halldór Laxness den Roman Sein eigener Herr, der ihm erstmals Weltruf einbringen wird. So wurde er u. a. als einziger Roman des späteren Nobelpreisträgers schon in den 30er Jahren ins Deutsche übertragen, der erste der ehemals zwei Bände erschien 1936 unter dem Titel Der Freisasse. Die Veröffentlichung des zweiten Bandes wurde allerdings von den Nationalsozialisten verboten, weil der Roman nicht dem entsprach, was diese sich unter einem Bauernroman vorstellten. Sein Thema, das ich hier nur streifen kann, das Leben eines Heide-, eines Einödbauern tief in der Einsamkeit und entfernt von allen Menschen scheint jedoch generell nicht gerade das zu sein, wonach einem Leser das Herz schlägt. Doch von Laxness´ Darstellung geht ein Sog aus, der es einem schwer macht, sich von der Geschichte zu trennen – ein Sog, der sie zu einem der großen Romane des letzten Jahrhunderts macht, auch wenn er in Island selbst zunächst heftigste Kritik auslöste. In einer auf Gegenseitigkeit, Austausch und Kommunikation beruhenden modernen Welt verschreibt sich der Bauer Bjartur einer Wahnvorstellung von Autarkie, die – seine zwei Frau fallen dem unerbittlichen Überlebenskampf zum Opfer – ihn und seine gesamte Familie ruiniert. Es ist ein Drama griechischen Ausmaßes, dessen Wurzeln in der Verblendung liegen, im Festhalten an der Eigenständigkeit, auch wenn diese objektiv gesehen ein menschenunwürdiges Leben bedeutet.

Island

Wie Sein eigener Herr könnte auch Weltlicht ein Kandidat für #MeinKlassiker sein. Halldór Laxness thematisiert in diesem 1937 bis 1940 geschriebenen vierbändigen Roman, der auf  Tagebuchaufzeichnungen des isländischen Volksdichters Magnus Hjáltason zurückgeht, die Stellung des Künstlers als Außenseiter in der Gesellschaft. Laxness zeichnet mit ihm, wie bereits in Salka Valka, erneut ein breites Panorama Islands in den dreißiger Jahren, den Jahren der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen, der Lohnkämpfe und des Ausgerichtetseins auf das bloße Überleben. Òlafur Kárason, als Kind von den Eltern verstoßen, wächst als Gemeindepflegling auf einem Bauernhof unter Fremden auf. Hier muss er schwere körperliche Arbeit verrichten, leidet unter Schlägen, Hunger und menschlicher Kälte. Doch aller Unbill und Gehässigkeit, die ihm entgegenschlagen, hat er etwas entgegen zu setzen: Die Schönheit der Literatur.

Nicht weniger verdient hätten das Klassiker-Prädikat, um zumindest noch zwei Werke aus dem reichen literarischen Œuvre dieses Schriftstellers zu nennen, der historische Roman Die Islandglocke und die Atomstation.

Islandpferde

Die Islandglocke schrieb Halldór Laxness 1943 bis 1946; seine hierin geleistete Darstellung der Leiden der Isländer unter der Unterdrückung als Kolonie Dänemarks (erst 1944 erlangten die Isländer wieder ihre volle Souveränität) ließ ihn  zum verehrten Nationaldichter werden.

Kurz zum Inhalt: Wir sind im Island des 17. Jahrhunderts: Wirtschaftlich und politisch unter dem Joch der Dänen, von Hungersnot und Seuchen heimgesucht, droht dem Land der Untergang. Auf nur noch einen Rest der Bevölkerung dezimiert, halten sich die Isländer an das einzige, das ihnen bleibt: ihre Sprache. Angelehnt an historische Figuren (Árni Magnússon) sucht in dieser Zeit der isländische Wissenschaftler Arnas Árnaeus für eine Bibliothek in Kopenhagen auf dem Land nach kostbaren alten Handschriften aus dem Mittelalter, die die verelendeten Bauern versteckt und dabei teilweise zu Isoliermaterial oder Schuhsohlen umfunktioniert haben. So auch der sich der dänischen Unterdrückung widersetzende Bauer Jón Hreggvidsson, dessen Schicksal sich mit dem von Arnas Árnaeus kreuzt, als er unter Mordverdacht gerät und einen über 30 Jahre währenden Gerichtsprozess über sich ergehen lassen muss.

Der Titel des Romans erklärt sich wie folgt: Symbol der zu der Zeit gebrochenen Stimme des isländischen Volkes, das sich in seiner Identität wie kein anderes Volk der Welt auf die Reinheit seiner Sprache, den Klang von Worten beruft, ist eine alte, beschädigte Glocke. Sie hängt am Giebel des Gerichtshauses von Þingvellir, der Stätte, an der in Island seit 930 Recht gesprochen wurde. Mit der Zerstörung der Glocke auf Geheiß des dänischen Königs beginnt der Roman.

Island

Wenn ich zuvor gesagt habe, das Laxness sich mit der Islandglocke in die Herzen der Isländer eingeschrieben habe, so tat er mit seinem nächsten, 1948 erschienenen Roman Atomstation alles, um seinen Ruf als Nationaldichter wieder aufs Spiel zu setzen. Zumindest bei einem Teil, insbesondere beim offiziellen Teil der Bevölkerung.

Geschrieben wurde Atomstation 1946/47. Der historische Hintergrund bildet die Besatzung Islands im 2. Weltkrieg durch die Briten, die 1941 von den Amerikanern abgelöst wurden. Die 1944 wiedererlangte Unabhängigkeit Islands wurde durch das 1946 formulierte Ansuchen der USA, für 99 Jahre einen militärischen Stützpunkt auf der strategisch wichtigen Insel errichten zu wollen, als gefährdet angesehen. Das isländische Parlament stimmte dem Ansuchen jedoch schließlich zu und schloss den sogenannten Keflavík-Vertrag ab. Kurz nach diesen Geschehnissen begann Laxness, der in der Stationierung amerikanischen Militärs eine Bedrohung des isländischen Lebens sah, mit seinem Roman. Er erzählt von dem Mädchen Ugla, das aus einem abgelegenen Ort in Nordisland in die Hauptstadt kommt, um bei dem Abgeordneten Búi Áland zu arbeiten und – vor allem – das Orgelspiel zu erlernen. Sie, die aus einer bäuerlichen Welt kommt, in der die mittelalterlichen Sagas einen höheren Stellenwert besitzen als die Realität, trifft hier auf eine völlig unbekannte Welt: Politiker und Militärs gehen aus und ein, die Bewohner des Hauses und ihre Gäste sind verwöhnt, versnobt und arrogant, der Ministerpräsident betreibt heimlich den „Ausverkauf“ des Landes. Ein wirklich starker Roman. Und doch habe ich selbst im Vergleich mit ihm einem anderen den Vorzug gegeben – einem Spätwerk, ja, sogar  dem letzten großen Roman, den Halldór Laxness geschrieben hat: Am Gletscher.

Im Original 1968 unter dem Titel Kristnihald undir Jökli erschienen, auf Deutsch zunächst als Seelsorge am Gletscher, dann schlicht als Am Gletscher erschienen, ist ein liebenswürdig ironisch-weiser Roman, der sich ein Pfarrhaus in der nordischen Gletschereinsamkeit am Fuß des Snæfell-Gletschers zum Schauplatz ausgewählt hat, dort, wo Jules Verne seinerzeit bereits seine Crew zum Mittelpunkt der Erde absteigen ließ. Jetzt wird ein junger Theologe (später Vebi = Vertreter des Bischofs gerufen) dorthin entsandt, zur Aufklärung von Gerüchten und mysteriösen Vorfälle rund um den Pfarrer Jón Prímus, benannt nach den kleinen Spiritus-Kochern, die er so vortrefflich zu reparieren weiß. Vebi, ausgerüstet mit einem Tonbandgerät, nimmt seine Aufgabe sehr ernst – und sieht angesichts einer zugenagelten Kirche, nicht mehr abgehaltener Gottesdienste und Beerdigungen und einer Pfarrersgattin, die es nur noch als Spukgestalt zu geben scheint, vordergründig nicht nur die Befürchtungen des Bischofs bestätigt, bei seinen weiteren Recherchen sieht er sich selbst bald mit Reden und Taten konfrontiert, die er bei allem Bemühen nicht versteht.

Und in der Tat: Die humane Logik des Lebens am Gletscher ist so offenbar, dass sie leicht übersehen werden kann. Es ist dieselbe Logik, die auch die isländischen Sagas und die Poesie regieren. Laxness setzt ihr mit diesem Roman ein Denkmal und macht das Pfarrhaus zum Nabel der Welt.

Island

Warum habe ich diesen Roman gewählt?

Nun, er ist großartig, aber das sind viele andere des Autors ebenfalls. Am Gletscher war aber darüber hinaus der Anlass für meine erste Begegnung mit Halldór Laxness selbst und diese wiederum war meine Initialisierung für mein Interesse an isländischer Literatur überhaupt.

Anfang des Jahres 1982 hatte ich mich in meiner damaligen Funktion als Hörspieldramaturg des WDR entschlossen, eine Hörspielbearbeitung von Kristnihald undir Jökli zu produzieren. Die bevorstehende Sendung sollte auch Anlass sein, den von mir geschätzten Romancier selbst aufzusuchen und ihn zu seinem Werk und eventuellen zukünftigen Plänen zu interviewen. Für mich erfüllte sich damit ein lang gehegter Wunsch. Island galt ein vermutlich romantisch-schwärmerisches Reiseinteresse, seit ich in der Edda und in den Sagas gelesen hatte, und die Arbeiten von Laxness, soweit sie mir damals zugänglich waren, hatten dieses Interesse später verstärkt.

Jetzt also, gekoppelt zudem mit einem Arbeitsvorhaben, das mich sicher sein ließ, den berühmtesten Schriftsteller Islands persönlich kennenzulernen, sollte sich mein Wunsch endlich erfüllen: Halldór Laxness lud mich zu sich ein, und wenige Wochen vor seinem 80ten Geburtstag (das ist der 23. April) machte ich mich auf meine erste Reise in den Norden.

Ich will hier nur am Rande meine Verblüffung erwähnen, die die Kälte und die geschlossene Schneedecke auslösten, mit denen Island mich empfing; der vorbeiziehende Golfstrom hatte mich, wie nicht zuletzt von Einheimischen immer wieder behauptet, zumindest im Süden der Insel ein milderes Klima erwarten lassen. Auch Reykjavík, die Hauptstadt, dieses damals große, bunte moderne Dorf mit seinen leicht gekleideten Menschen und seinem bereits internationalen Boutiquenangebot, passte kaum in mein Bild mythischer Verwurzelung, und dass sich das traditionsreiche Hotel Borg im Zentrum gegenüber dem schwarz-steinernen Parlamentsgebäude am Abend in eine lärmende Diskothek verwandelte, nun, der zivilisationsmüde Festlandeuropäer in mir war regelrecht schockiert. Welch ein Gegensatz aber, als ich am nächsten Morgen mit einem gemieteten Kleinwagen zu Laxness´ Haus fuhr, die Straße nach Þingvellir hinaus (die übrigens, wie ich später erfuhr, witterungsbedingt für den Autoverkehr gesperrt war), Richtung Alþingi, der ältesten Parlamentsstätte der Welt. Allenfalls das spitze, grünschimmernde Turmdach einer kleinen Kapelle ließ hier noch vermuten, dass in dieser weißen Landschaft überhaupt Menschen siedelten, ansonsten zeugte nur eine kleinere Herde Islandpferde von Leben; in stoischer Gelassenheit hatten die Tiere dem kalten Schneetreiben ihre prallen Hintern entgegengestreckt.

Auf den ersten Blick kaum auszumachen in dieser Witterung, war nach mehreren Kilometern das ebenfalls weiße Gebäude am rechten Straßenrand, das Haus, in dem Laxness und seine Frau Auður Sveinsdóttir wohnten. Heute ist das Haus, das sie Gljúfrasteinn (in etwa Bergschluchtstein) nannten, ein Museum zum Gedenken an den Dichter.

Die beiden empfingen mich in der Tür zu diesem Haus und führten mich als erstes zu einem reich gedeckten Mittagstisch. Während wir Lammbraten aßen und dem Wein zusprachen, befanden wir uns bald in einem angeregten Gespräch, über Gott und die Welt, wie man so sagt, und vor allem natürlich über Literatur, und wäre da nicht das Aufnahmegerät gewesen, ich hätte darüber leicht den eigentlichen Grund meines Besuches vergessen können.

So jedoch, als die Höflichkeit es gebot, die mir entgegengebrachte Gastfreundschaft nicht über Gebühr zu strapazieren, bat ich um Rückzug in einen stillen Raum. Halldór Laxness schlug sein Arbeitszimmer vor, eine kleinere Kammer in der ersten Etage. Ich erinnere den Blick aus dem Fenster über die sanften Schneehügel, das Stehpult davor, die überquellenden Bücherregale und einen bequemen Ledersessel, in den der Romancier sich niederließ, eine mächtige Zigarre zwischen den Lippen. Da saß ich nun vor ihm und fühlte mich ein wenig wie Vebi aus dem Roman „Am Gletscher“, der im Auftrag des Bischofs mit seinem „Lautschreiber“ Pfarrer Jón Primus nach vermeintlichen Verfehlungen befragt. Und auch Laxness schien an diese Figurenkonstellation zu denken, denn angesichts des Mikrophons, das ich ihm entgegenhielt, wurde er ebenso wortkarg wie sein Sira Jón Prímus.

Also, vielleicht war meine erste Frage, die ich nicht mehr genau erinnere, womöglich genau so naiv, wie die des jungen Investigators, aber mit der Antwort, dass der weltgewandte Dichter eben keine Antwort wisse, hatte ich wirklich nicht gerechnet. Zum Glück fielen mir nach einer Weile die Schneeamseln ein, jene allein in Island beheimatete Vogelart, die im Sommer Sonnenkreischer heißt, die ich zwar noch nie gesehen hatte, aber von der ich wusste, dass hauptsächlich sie gemeint war, wenn Laxness im Roman seinen Pfarrer sagen lässt:

Worte verwirren nur. Warum können wir uns nicht anzwitschern wie die Vögel?

Vielleicht, so dachte ich, gelänge es mir, hierüber das Eis zu brechen, und so habe ich ihn wohl gefragt, ob er denn den Worten misstraue?

Und siehe da, er antwortete:

Nein, aber ich halte die Sprache der Vögel für eine sehr vollkommene und große Sprache, also wir dürfen nicht herablassend von der Sprache der Vögel sprechen, nur weil wir sie nicht verstehen. Ich habe die Vorstellung, dass die Sprache der Vögel eine wundervolle Sprache ist.

Sprach´s und viel erneut in Schweigen. Dennoch, diese ersten wenigen Sätze, die auf Band festgehalten zu werden lohnten, sollten mir später nicht nur als Beweis dienen, überhaupt in diesem Zimmer gewesen zu sein, sie gaben mir auch Mut in der Situation selbst. Auch wenn mein germanistisch-journalistisches Hoffen auf ein rares poetologisches Bekenntnis enttäuscht worden war, ich wagte mich weiter vor. Von seinen Romanfiguren allgemein begann ich zu reden, von ihrem Verwachsensein mit der Heimat und den Mythen, ihrer gleichzeitigen Neugier auf und Skepsis gegenüber der großen, weiten Welt. Worin war der Grund für dieses alles bestimmende Verhalten zu sehen? In der Isolation, die die bevölkerungsarme Insel mit sich brachte, in der wenig verbreiteten Sprache?

Sie haben wohl Recht, sagte er, unsere Sprache ist nicht sehr verbreitet. Aber obwohl das so ist, und obwohl das Land hier sehr hart und schwierig ist und manchmal sehr schlimmes Wetter hat, im Sommer wie im Winter, so hat man hier doch allerlei zustande gebracht an wertvollen Dingen, die sich durchaus vergleichen können mit dem, was andere Völker mit vielen Millionen Menschen geschaffen haben. Es hängt nicht von der Zahl der Köpfe ab, die man zählen kann, ob ein Land ein Land der Literatur ist. Die größten Länder in der Welt der Kultur waren immer sehr kleine Länder.

 Mit dieser Antwort, so empfand ich es damals, verbuchte ich meinen zweiten Fehlschlag, das erwartete, deutlich ausgesprochene Bekenntnis zur Nation schien mir ebenfalls ausgeblieben zu sein. Doch vielleicht ließ sich dem hinter einer Zigarrenwolke verborgenen Isländer, der, wie ich ja gelesen hatte, in früheren Jahren als kritischer und sozial engagierter Denker so viele Länder bereist und wechselweise mit den verschiedensten religiösen und gesellschaftspolitischen Ideen und Ideologien sympathisiert hatte, ja eine politische Aussage entlocken. Ich konfrontierte ihn also erstens mit dem Satz seines Geschöpfes Pfarrer Jón (Ich habe nur eine Theorie, nämlich dass Wasser gut sei) und zweitens mit dessen Prognose: Wer nicht in der Poesie lebt, der überlebt hier auch nicht. Ließen solche Äußerungen darauf schließen, wo der späte Laxness steht? Bedeuten sie etwa eine Absage an die Vorstellung, dass die Welt durch Systementwürfe, durch das Wirken der Vernunft also zu bessern sei?

Nein, ich glaube, es ist eine Absage an nichts. Es ist nur die Lebenserfahrung eines Mannes, in wenigen Worten gesagt. Die Kunst besteht darin, einen Satz so kurz und so klar zu machen wie möglich. Und man sollte diese kleinen Sätze, die so viel zu sagen haben, nicht länger machen. Dadurch würden sie auch langweilig und sinnlos werden und dem Leser vielleicht einen wertvollen Gedankenstoff wegnehmen.

Jetzt schwieg ich, und in schneller Erinnerung an so manches weitere, das ich in Laxness´ hier am Stehpult entstandenem Werk gelesen hatte, muss ich wohl auch zustimmend genickt haben. Laxness jedenfalls erhob sich aus seinem Sessel und bedeutete mir, ihn wieder treppab zu begleiten, wo wir uns bei einer Kanne Kaffee bald erneut aufs Lebhafteste unterhalten haben, grad so, als habe es diese lästige Unterbrechung nie gegeben.

IslandIm Rückblick: Es war ein sehr schöner, ein reicher und nachfolgend ein noch reicherer Tag, den Auður und Halldór dem, wie sie mich nannten, jungen Freund aus Deutschland beschert hatten. Noch reicher deshalb, weil mein Bekenntnis, keinen weiteren schreibenden Isländer persönlich zu kennen, ihn oder Auður, das erinnere ich nicht mehr genau, sofort zum Telefon greifen ließ, und noch für denselben Abend war ein Treffen mit einer Kollegin aus der Theaterbranche arrangiert. Sigrún Valbergsdóttir, so hieß die Dame, die sich meiner annehmen musste (sie und ihr Mann Gísli Már Gíslason, ein Verleger, zählen heute zu meinen besten Freunden), reichte mich weiter, und so lernte ich noch viele kennen in den Tagen, die mir bei meinem ersten Aufenthalt in Reykjavík verblieben: Schriftstellerinnen und Dichter, Theater-, Film- und Radiomacher, Malerinnen, Schauspieler und Übersetzer. Und zu welcher Tageszeit auch immer sie mich zu sich einluden, es stand Kaffee auf dem Tisch und nicht gerade selten gesellte sich auch ein Gläschen Svartidauði hinzu, der im isländischen Volksmund „Schwarzer Tod“ genannte Schnaps. Ja, und diesen ersten, Halldór Laxness ursächlich zu verdankenden Begegnungen und der dabei in mir geweckten Neugierde insbesondere auf die mir bis dahin völlig unbekannte Fülle der isländischen Literatur, habe ich es zu verdanken, dass ich heute diesen Beitrag zu Birgit Böllingers Reihe #MeinKlassiker schreiben konnte.

 

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