Es ist der Kopf, der Rest funktioniert noch ziemlich gut

In „Die Mutter von Nicolien“ erzählt J.J. Voskuil vom Abgleiten in Demenz

Die Grachten von Amsterdam
Foto © Wolfgang Schiffer

Für einen bekennenden Fan des 7-teiligen Romanzyklus Das Büro von J.J. Voskuil, der dem 2008 verstorbenen Autor noch dazu bei so manchen Präsentationen des Kultromans hier in Deutschland, aber auch vor 2 Jahren noch im Goethe-Institut in Amsterdam seine Stimme geben durfte, ist der in diesem Frühjahr erschienene Roman des Autors, Die Mutter von Nicolien, natürlich ein absolutes Muss.

Zunächst ein wenig verwundert darüber, dass dieses Werk anders als Das Büro, das in den Jahren 2014 bis 2017 im Verbrecher Verlag verlegt wurde, nun im Wagenbach Verlag veröffentlicht ist, sah ich mich bald wieder gefangen in dem, was früher bereits u. a. meine Faszination bestimmt hatte: dieser lakonische, unaufgeregte Sprachstil, mit dem es J.J. Voskuil gelingt, in wenigen, oftmals dialogischen Skizzen Personen zu charakterisieren und Handlungen und Handlungsorte zu beschreiben, als sei man bei und an ihnen gegenwärtig.

Natürlich ist diese Qualität bei der Lektüre der deutschsprachigen Fassung vor allem auch dem Übersetzer Gerd Busse geschuldet, der auch hier wie schon in Das Büro sein Können, stets den richtigen Voskuil-Ton zu treffen, unter Beweis stellt.

Vertraut ist mir als Leser weitgehend auch das Personal mit Maarten Koning als zentraler Figur, seiner Frau Nicolien, dem einen oder anderen Mitarbeiter in Maartens Wirkungsstätte, dem volkskundlichen Büro in Amsterdam, in dem er 1957 – sehr zum Verdruss seiner Ehefrau, die ihn stets für und bei sich haben will –, eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter angenommen hatte.

Zu dieser Zeit setzt auch der Roman Die Mutter von Nicolien ein und führt uns, in zeitlichen Abschnitten gegliedert, bis in das Jahr 1985. Über diese Zeit spannt sich der schleichende Prozess der Demenz von Nicoliens Mutter, die zunächst niemand wahrhaben will, und der damit einhergehende körperliche Verfall, der später zur Unterbringung in ein Pflegeheim und schließlich zum Tod der alten Dame führt.

Es ist eine zutiefst menschliche Chronik eines stetig zunehmenden Gedächtnisverlustes, die J.J. Voskuil hier vor dem Leser ausbreitet, voller Trauer, doch bei aller Irritation und Ungeduld, die die Angehörigen gelegentlich leidvoll empfinden, vor allem doch voller Wärme und auch dem typisch Voskuil´schen  Humor.

„Es heißt, dass ich für meine Rente ein Girokonto eröffnen muss“, sagte sie plötzlich, „aber ich will überhaupt kein Girokonto haben.“

„Aber Sie (Eltern und Schwiegereltern wurden in den Niederlanden zu den Zeit gesiezt. Anm. von W.Sch.) haben doch schon seit zehn Jahren ein Girokonto.“

„O ja? Davon weiß ich ja gar nichts.“

„Nicolien hat es damals für Sie angelegt.“

„Und wie kommt es dann, dass ich davon nichts weiß?“

„Weil Nicolien immer Ihr Geld abholt.“

Sie sah ihn verdutzt an.

„Sie haben es einfach vergessen.“

„Ja, so wird es dann wohl sein.“

Er lachte. „Das Alter kommt mit Gebrechen, sagt man so.“

„Und du hast die Probleme damit“, parierte sie.

Den Romanzyklus Das Büro hat man gelegentlich ein Buch des Trostes genannt hat, auf Die Mutter von Nicolien trifft dies erst recht zu. Ich empfehle die Lektüre gerne.

 

Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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7 Antworten zu Es ist der Kopf, der Rest funktioniert noch ziemlich gut

  1. Wolfgang Koch schreibt:

    Danke für den Tipp, von Voskuil habe ich bisher noch nichts gelesen, vielleicht sollte ich mir den von Dir empfohlenen Romanzyklus auch vornehmen, wenn das RuB nicht schon so gefüllt wäre.

    • Wolfgang Schiffer schreibt:

      Lieber Wolfgang, es sind ca. 5000 Seiten, aber man wird rasch süchtig. Ich habe mal begonnen, ihn an jedem Wochenende, 1 x samstags zum Morgenkaffee, 1 x sonntags zur Teezeit, in einem kleinen Kultursalon öffentlich zu lesen. Um in dem Rhythmus bis zum Ende zu kommen, hätte ich 104 Jahre alt werden müssen. Corona hat mir dann dies erspart … Gute Grüße, Wolfgang

  2. marinabuettner schreibt:

    Große Zustimmung!

  3. Klausbernd schreibt:

    Hi Wolfgang,
    danke für die Vorstellung dieses Textes von Voskuil, von dem wir nie zuvor gehört hatten. Nun hast du uns neugierig gemacht.
    Mit freundlichen Grüße vom kleinen Dorf am großen Meer
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

  4. Manfred Rieken schreibt:

    Was Wolfgang Schiffer schreibt, ist natürlich Unsinn. Corona geht irgendwann vorbei. Dann ist er eben 107 oder 108 Jahre, wenn er das letzte Kapitel liest!

  5. rabirius schreibt:

    Hört sich interessant an. Danke, for den Tipp.

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