Das Magische Auge

Dieter Kühn stellt in der Lengfeld´schen Buchhandlung Köln sein „Lebensbuch“ vor

Auf zu Dieter Kühns Lesung © Wolfgang Schiffer

Auf zu Dieter Kühns Lesung © Wolfgang Schiffer

Dieter Kühns Lebensbuch „Das Magische Auge“ ist ein gewichtiges Werk; mit seinen annähernd 1300 Seiten ist es gleichermaßen schwer wie, so lassen schon die ersten wenigen hundert Seiten erahnen, wohl reich an persönlichem Erleben und an Zeitgeschichte.

Ich gebe es nur ungern zu, aber Bücher solchen Umfangs erschrecken mich immer ein wenig – so auch hier, obwohl ich mich der Lektüre geradezu verpflichtet sah, begegne ich Dieter Kühn doch auch privat bereits seit vielen Jahren immer einmal wieder und schätze ihn ebenso wie sein umfangreiches Werk: seine vielgelobten Übertragungen aus dem Mittelhochdeutschen, seine Biographien über wichtige Persönlichkeiten der Kunst- und Kulturhistorie und nicht zuletzt seine Erzählungen und Romane. Auch nehmen mich seine vielen Hörspiele eindrücklich gefangen: „U-Boot-Spiel“, „Simulation“, „Goldbergvariationen“, „Große Oper für Stanislaw den Schweiger“, „Die Fünf-Uhr-Marquise“, „Mit Flügelohren ins Dritte Reich“ – die Liste der Titel, mit denen er seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts die Geschichte und Entwicklung dieser originären Kunstform des Radios in Deutschland nachhaltig geprägt hat, ließe sich leicht um mehr als weitere fünfzig verlängern.

Das Magische AugeDennoch, ich muss es gestehen: die Lektüre des „Magischen Auges“, das im September im S. Fischer Verlag erschienen ist, habe ich tatsächlich auf etwa Seite 280, vielleicht auch etwas später, abgebrochen. Ich tat mich schwer. Der 2. Weltkrieg war vorbei, Vater Helmuth aus der Gefangenschaft zurückgekehrt, die „Amis“ waren die neuen Herren in Herrsching am Ammersee, wohin Mutter Helene nach dem ersten schweren Luftangriff auf Köln am 2. März 1941 mit dem Jungen aus Köln Deutz umgesiedelt war. Und dieser „Dützer Jung“, Jahrgang 1935, war immer noch nicht ganz seinen Kinderschuhen entwachsen.

Vielleicht war es auch ein wenig das schlechte Gewissen, das mich dann erfreut sein ließ zu erfahren, dass Dieter Kühn am 22. Oktober in der Lengfeld´schen Buchhandlung in Köln aus seinem neuen Buch lesen würde. Ich reservierte mir einen Sitzplatz – das ist zwingend geboten, denn die Lengfeld´sche ist in den 20 Jahren ihres Bestehens nicht nur eine der bestens sortierten Buchhandlungen mitten im Zentrum der Stadt, sondern weit über diese hinaus bekannt, ja geradezu berühmt für ihre vielfältigen Leseabende, die sich manchmal mit nur einem Großwerk über Wochen, ja, Jahre erstrecken: Marcel Proust, Uwe Johnson und aktuell Anthony Powell. Da herrscht schnell Platzmangel.

Dieter Kühn signiert © Wolfgang Schiffer

Dieter Kühn signiert © Wolfgang Schiffer

In der Tat: auch diesmal waren die gemütlichen, von Büchern wohlriechenden Räume der Buchhandlung bis auf der aufgestellten Klappstühle Sitz gefüllt. Dieter Kühn begann seine Lesung mit dem „Vorspiel“, seiner ersten deutlichen Erinnerung an das „Magische Auge“ in einem abgedeckten Radiogerät; seine Mutter lauschte offensichtlich einem verbotenen Radioprogramm. Und je weiter er in seiner Lesung fortfuhr, von seinem als Kind „gefühlsmäßig quasi versiegelten“ Leben berichtete, sie gelegentlich mit kurzen Kommentaren und weiteren Verweisen anreicherte, um so befremdlicher erschien es mir plötzlich, dass es mir so schwer gefallen war, in dieses „Buch“ hineinzufinden. Ich glaubte mit einem Mal zu verstehen, warum sein „Lebensbuch“ gleich zu Beginn den Stammbaum väterlicherseits zurückverfolgen musste bis in längst vergangene Jahrhunderte, den seiner Mutter, einer geborenen Asher, die unter den Nazis stets um Entdeckung ihrer jüdischen Abstammung fürchten musste, gar bis in biblische Zeiten; ich begriff die Notwendigkeit des Verzahnens und in Beziehung Setzens zeitlich weit auseinanderliegender Zeiten und Ereignisse, selbst wenn der Autor nur seine Kindheitsjahre erzählt, das Spiel der Spekulationen, ob und wie sein Leben bei anderen Entscheidungen und Verläufen selbst auch anders verlaufen wäre; ich fühlte mich plötzlich fasziniert von dem Ausloten der Grenzen zwischen Vergessen und Verdrängen, dem gelegentlichen Abgleich mit früheren literarischen Arbeiten und dem geradezu kriminologischen Eifer, mit dem Erinnerungen auf ihre möglicherweise fremde Quelle oder ihren Realitätsgehalt abgeklopft werden. Und selbst dann noch ihre Existenz behaupten, wenn jede Wahrscheinlichkeit dagegen spricht.

Der S. Fischer Verlag wirbt für das Buch mit einem kurzen Zitat, einer Ermahnung der Mutter an ihren Sohn nach den Folgen eines Brandbombeneinschlags: „Schau es dir genau an!“ Ich nehme es mir zu Herzen, in diesem ganz anderen Kontext: „Das Magische Auge“ liegt auf dem Lesestapel wieder obenauf. Vielleicht folgen mir darin ja auch andere Leserinnen und Leser, die sich für das Zusammenspiel von literarischem Werk und Entstehungsbedingung, von Lebens- und Zeitgeschichte interessieren…

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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