abschied nehme ich schon immer

Ein Sammelband erinnert an den Lyriker Rolf Persch

Zeitweilig lebte der Dichter auch in Köln © Wolfgang Schiffer

Zeitweilig lebte der Dichter auch in Köln © Wolfgang Schiffer

Gesehen, gesprochen, erlebt habe ich Rolf Persch zuletzt Anfang Juli 2014 im KulturSalon Freiraum in Köln. Seit 2010, so meine Erinnerung, seit dem Erscheinen seines Lyrikbandes spüler im rausch in der LYRIK EDITION 2000, trat er hier regelmäßig auf, bisweilen sogar zwei Mal im Jahr, und vergnügte, ja, beglückte seine zwar überschaubare, aber kritisch-treue Anhängerschaft mit den performanceerprobten Darbietungen seiner Poesie.

Dieser Auftritt sollte Rolf Perschs letzter im Freiraum sein; er starb am 5. März 2015 mit gerade einmal 65 Jahren in Blankenheim in der Eifel, wohin er sich seit Jahren zurückgezogen hatte, an den Spätfolgen einer früheren Drogensucht.

Seine Drogensucht hatte er Anfang der 80er-Jahre zwar aus eigener Anstrengung überwunden und nach einem, man sagt wohl unsteten Leben, das ihn ausgedehnte Reisen durch Europa, nach Syrien und Marokko unternehmen und die verschiedensten Gelegenheitsjobs ausüben ließ, bald gegen eine neue „Sucht“ eingetauscht: das Schreiben von Gedichten – gegen die Spuren, die sie in seinem Organismus hinterlassen hatte, half jedoch auf Dauer auch keine Poesie.

Rolf Perschs Vortrag seiner Gedichte wurde schnell geradezu legendär: in den Anfängen geschult an Ernst Jandl, wie manche sagen, wusste er diese mit akzentuiert scharfer Stimme, in die bei aller Lakonie allerdings auch melancholische Töne einfließen konnten, zu „performen“. Und das in kleinem Kreis ebenso wie auf Literaturfestivals – ja, zusammen mit Thomas Kling trat er sogar bei der Documenta in Kassel auf.

Und die Gedichte selbst? Sie waren und sind nicht weniger präzise und klar und dabei zugleich voller unerwarteter, bisweilen grotesker Wendungen bis hin zur ironischen Selbstanalyse, die mit den schönsten Mitteln der Poesie auch einem jeden anderen lebensweise Selbsterkenntnisse ermöglicht.

mein hund

ich bin
mein
hund

ich trete niemanden
wie
ihn

Und die Gedichte, die in seinem späteren Lebensraum, der Eifel entstanden sind? Die Zeitschrift die glocke schrieb einst: Seine Gedichte sind kurz. Herkömmliche lyrische Bilder vermeidet er wie die Pest. Und wenn er mal von Kühen oder Weiden spricht, dann erwähnt er auch die elektrischen Weidezäune.

Anders als dem erwähnten Dichterkollegen Thomas Kling blieb Rolf Persch eine Veröffentlichung in einem der „großen“ Verlage jedoch zeitlebens verwehrt. Es gibt allerdings auch Stimmen, die dies exakt umgekehrt sehen: es sei Rolf Persch gewesen, der sich den „großen“ Verlagen verweigert habe.

Wie auch immer: mit mühsam mit links erschien 1988 sein erster Gedichtband in einer limitierten Auflage im Handpressendruck der Kölner edition fundamental; hier folgten u. a. die bibliophilen Drucke mein stuhl und ich (1994), das kleid unseres dufts (1999) und 2004 scheuen sie sich nicht mich außenbordmotor zu nennen.

(Notiz am Rande: wir waren insofern sogar Autorenkollegen in ein- und demselben Verlag, denn die edition fundamental veröffentlichte 1993 ebenfalls meine Erzählung Der Bericht…)

Nach der Einstellung der verlegerischen Tätigkeit der edition fundamental veröffentlichte Rolf Persch noch zwei weitere Bände, von möglichkeiten (2006) und, wie bereits genannt, spüler im rausch (2010), nun in der LYRIK EDITION 2000, die zeitweilig von dem Weggefährten und Dichterkollegen Norbert Hummelt herausgegeben wurde.

abschied nehme ich schon immer 2

Norbert Hummelt ist es auch, der nun für den Kölner Verlag Sprungturm des Fotografen und Verlegers Boris Becker einen umfangreichen Sammelband mit Gedichten von Rolf Persch zusammengestellt hat.

abschied nehme ich schon immer

ich wettete mit gott
als ich jung war
um mein sechzehnjähriges leben
und lag daneben

das war an einem nachmittag
einem mittwoch etwa (dem einzigen Tag
ohne tag am ende)

nach heißem erschrecken gab ich
ein überlebender mich hin
karl mays blaurotem methusalem

merkwürdige reisende
sonderbare helden
abseits unterwegs

abschied nehme ich schon immer, so der Titel und zugleich das hier zitierte Eröffnungsgedicht des Bandes, beinhaltet eine prägnante Auswahl aus den früheren Publikationen des Dichters sowie unveröffentlichte, nachgelassene Gedichte und in seinem Mittelteil sogar zahlreiche Faksimiles von Rolf Perschs Abo-Gedichten: seit 1998 monatlich auf einer Schreibmaschine mit Durchschlägen auf Kohlepapier hergestellten Texten, die der Autor einem Kreis von (hierfür einen Obolus zahlenden) Abonnenten mit Datum und Signatur versehen zuschickte – oder persönlich überbrachte, samt Vortrag an Ort und Stelle der Übergabe.

Und, wie man nachfolgend sehen kann, bisweilen auch mit Korrekturvorschlägen zu früheren Zustellungen.

Rolf Perschs Abo-Gedichte. Abb. einer Doppelseite aus dem besprochen Band.

Rolf Perschs Abo-Gedichte. Abb. einer Doppelseite aus dem besprochen Band.

Komplettiert wird die Auswahl in dem mit einem gediegenen Leineneinband auch in der Herstellung hochwertig ausgestatteten Buch nicht nur durch einen abschließenden editorischen Bericht des Herausgebers, auch ist ihm ein äußerst lesenswerter biographischer Essay der Schriftstellerin Sabine Schiffner vorangestellt. Dieser ermöglicht eine Einordung des Menschen Rolf Persch und seines literarischen Schaffens in einem weitaus umfänglicheren Maße, als es ein Blogbeitrag wie dieser hier zu leisten vermag.

Ich empfehle die Lektüre des Bandes, dessen Zustandekommen, das sei keinesfalls verschwiegen, auch der Förderung durch die Kunststiftung NRW zu verdanken ist, also gleich in mehrfacher Hinsicht dringlich und gerne: abschied nehme ich schon immer überzeugt durch eine ebenso sensible Einführung wie editorische Auswahl und macht mit bemerkenswerten, nicht selten aufstörenden Gedichten bekannt.

Zu den nachgelassenen Texten des Autors zählt auch der 154 Kleinstzeiler umfassende Zyklus MAN WIRD MIR NICHT NACHSAGEN KÖNNEN NICHTS DAZU GELÄRMT ZU HABEN.

Die Position 137 lautet:

für einen mann, der kaum lesen
und nicht schreiben kann,
sieht mein gedicht
gar nicht schlecht aus.

Sie sind herzlich eingeladen, sich hiervon selbst zu überzeugen!

Advertisements

Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
Dieser Beitrag wurde unter Bücher, Belletristik, Gedichte, Kultursalon Freiraum Köln, Kunststiftung NRW, Lyrik, Rezension, Wortspiele abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu abschied nehme ich schon immer

  1. Thomas Stiegler schreibt:

    Danke für den schönen Beitrag. Ich befasse mich sehr wenig mit Lyrik, aber Sie haben mir richtig Lust darauf gemacht und ich werde mir den einen oder anderen Band von R. Persch besorgen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s