Die gebrannte Performance – Jahrespreis 2015

Der „Preis der deutschen Schallplattenkritik“ ehrt Thomas Kling

Thomas Kling

Zehn Jahre nach seinem frühen Tod wird dem Werk und dem Dichter Thomas Kling posthum einmal mehr eine hohe Auszeichnung zuteil. Wurde das von Ulrike Janssen und Norbert Wehr herausgegebenen Hörbuch Die gebrannte Performance mit Lesungen und Gesprächen von und mit dem Lyriker bereits vor wenigen Tagen von der Jury der hr2-Hörbuchbestenliste zum „Hörbuch des Jahres“ gewählt, so erhielt es nun ebenfalls die Auszeichnung „Jahrespreis 2015 des Preises der deutschen Schallplattenkritik“.

Der „Preis der deutschen Schallplattenkritik“, der das Hörbuch schon im Sommer mit einem Platz auf seiner seinerzeitigen Quartals-Bestenliste (ich berichtete kurz darüber) geehrt hatte, ist ein Zusammenschluss von Musikkritikern und Journalisten zu einem e.V. mit dem Ziel, eine in völliger Unabhängigkeit vom Tonträger- und Hörbuchmarkt zuverlässige Qualitätskontrolle der Vielzahl der Publikationen in Musik und Wort zu installieren und klare Empfehlungen zu herausragenden Publikationen auszusprechen.

Die Arbeitsweise des Vereins, dem derzeit über 150 Mitglieder aus Deutschland, Österreich und der Schweiz angehören, ist einfach: alles, was auf eine CD oder DVD usw. passt und im deutschsprachigen Raum neu auf den Markt kommt, wird vom „Preis der deutschen Schallplattenkritik“ kritisch unter die Lupe genommen.

Um die Unabhängigkeit der Jurorenschaft zu gewährleisten, sind alle Juroren ehrenamtlich und ohne Honorar tätig. Mehr als 30 Fachjurys aus jeweils fünf Juroren in mehr als 30 verschiedenen Kategorien – von der Kammer- über die Chormusik bis zu Oper und Konzert, Jazz, Weltmusik, Pop und Rock usw., aber auch bis zu Hörbuch, Kabarett und Kinderhörspiel – nominieren viermal im Jahr pro Juror drei Titel, die sie für die besten des jeweiligen Quartals halten. Die daran anschließende Bewertung der so zustande gekommenen „Nominierungsliste“ durch alle Fachjuroren der jeweiligen Kategorie führt dann zu einer Platzierung auf einer der vier jährlichen „Bestenlisten“. Öffentlich gemacht werden sowohl die „Nominierungslisten“ als auch die „Bestenlisten“.

Der „Preis der deutschen Schallplattenkritik“ vergibt jedoch auch Jahres- und Ehrenpreise. Hierzu trifft sich einmal im Jahr der sogenannte „Jahresausschuss“ des Vereins, ein in der Zusammensetzung stetig wechselndes Gremium einiger Mitglieder der Fachjurys. Der „Jahresausschuss“ prüft und hört die Vorschläge, die von den Gesamtjuroren für den Jahres- und Ehrenpreis nominiert worden sind. Daraus wählt er bis zu zwölf Jahrespreise, drei Ehrenpreise und den Preisträger der „Nachtigall“, die höchste Auszeichnung des Vereins; sie wurde zuletzt Leonhard Cohen zuteil.

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In diesem Jahr traf sich der „Jahresausschuss“, dem anzugehören ich derzeit die Ehre habe, bereits in den ersten Oktobertagen – vor wenigen Stunden wurden nun als erste die mit „Jahrespreisen“ ausgezeichneten Produktionen öffentlich gemacht – begründet nachzulesen sind sie alle hier.

Die Begründung für die Auszeichnung des Hörbuchs Die gebrannte Performance durfte ich, da im „Jahresausschuss“ einziger fürs Wort zuständiger Fachjuror, gleich selber schreiben – gerne zitiere ich sie auch hier, doch nicht ohne zuvor meinen Mit-Juroren aus den verschiedensten Sparten der Musik für auch ihre Voten zu diesem „Jahrespreis“ gedankt zu haben.

Der Dichter Thomas Kling, der am 1. April 2005 siebenundvierzigjährig starb, ist eine Ausnahmeerscheinung in der deutschsprachigen Poesie seiner Zeit. Mit seiner Sprachgewalt markierte er eine neue, für viele seiner Generation wegweisende lyrische Position. Dazu tritt eine Vortragskunst, die sich dieser Texte wie einer Partitur bedient, sie auf der breiten Skala von Tempi und Lautstärken choreographiert und den Dichter noch zu Lebzeiten zum Kultautor werden ließ. Die Herausgeber Ulrike Janssen und Norbert Wehr haben aus mehr als achtzig Stunden Originalton-Material, aus Rundfunkaufzeichnungen und privaten Mitschnitten die markantesten Beispiele dieser vom Dichter selbst als „Sprachinstallation“ benannten Kunst der Performance zusammengestellt und um zwei aufschlussreiche Gespräche sowie um einen Begleitband, u.a. mit Fotos und den Stimmen von Dichterkollegen und Weggefährten, ergänzt. Die Kunststiftung NRW und der Lilienfeld Verlag ermöglichten die Veröffentlichung dieser einzigartigen Dokumente. Als Genre kommt das Hörbuch hier zu seinem eigentlichen Sinn: Es beschenkt den Hörer mit etwas, das ihm nur auf diese Weise zuteilwerden kann.

Ulrike Janssen und Norbert Wehr (Hrsg.): Thomas Kling – Die gebrannte Performance. Lesungen von Thomas Kling, Gespräche mit Gabriele Weingartner und Hans Jürgen Balmes. 4 CDs mit Begleitband, Schriftenreihe der Kunststiftung NRW Literatur, Band 5, Lilienfeld Verlag

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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3 Antworten zu Die gebrannte Performance – Jahrespreis 2015

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