Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (49)

Meine Reise durch die isländische Poesie

Kunst im Reykjavíker Hafen – Foto: Wolfgang Schiffer

Kunst im Reykjavíker Hafen – Foto: Wolfgang Schiffer

Der isländische Schriftsteller Sigurjón Birgir Sigurðsson, besser bekannt unter dem Namen Sjón, hat mit gráspörvar og ígulker / haussperlinge und seeigel nach mehreren Prosaveröffentlichungen (besprochen ist hier in den „Wortspielen“ zuletzt sein Roman Mánasteinn. Drengurinn sem aldrei var til / Der Junge, den es nicht gab; der Beitrag enthält auch ausführliche Angaben zu Sjóns Biographie) 2015 endlich wieder einen Gedichtband veröffentlicht, der erste nach acht Jahren, der zwölfte insgesamt.

Sjón

Der schmale, aber literarisch gewichtige Band enthält Gedichte, die in den Jahren 2005 bis 2015 geschrieben wurden, unter ihnen das Gedicht, das dem Buch die Hälfte seines Titels gibt.

gráspörvatal

smáfuglarnir á brún ljónabrunnsins í alhambra
virða ekkert yfirvald
annað en brennandi ljósið
sem stýrir gangi skordýranna

í sumarhúsi garcía lorca sit ég við skrifborð skáldsins
finn vofu þess umlykja
langt að kominn líkama minn
líkt og mánaskin sem hraðar slætti hjartans

á dauðastundinni kreppir gráspörinn tærnar

næturljóð eru heitust ljóða

gespräch der haussperlinge

die kleinen vögel am rand des löwenbrunnens in der alhambra
respektieren keine instanz
außer dem brennenden licht
das den weg der insekten steuert

im sommerhaus von garcía lorca sitze ich am schreibtisch des dichters
spüre seinen geist meinen
von weit her gekommenen körper umschlingen
wie mondschein der den schlag des herzens schneller macht

in der stunde des todes krümmt der haussperling die zehen

nachtgedichte sind die heißesten gedichte

Die Übertragung dieses Gedichts habe ich neben einigen anderen aus dem Band zusammen mit meinem Freund Jón Thor Gíslason, dem seit Jahren in Düsseldorf lebenden isländischen Maler, vorgenommen – weitere Übersetzungen von Gedichten aus haussperlinge und seeigel gibt es jedoch m. W. auch von der bekannten Übersetzerin Tina Flecken für die Literaturzeitschrift Wespennest (Tina Flecken hat u.a. bereits Sjóns Gedichtesammlung söngur steinasafnarans / gesang des steinesammlers für den Kleinheinrich Verlag übertragen) und laut Auskunft von Sjón selbst ebenfalls von Betty Wahl, die in der Regel das Prosawerk des Autors für den S. Fischer Verlag ins Deutsche überträgt.

Ob der S. Fischer Verlag allerdings Pläne hat, den gesamten Gedichtband für die deutschsprachige Leserschaft zu publizieren, ist mir leider nicht bekannt; verdient hätte es dieses poetische Kleinod allemal.

PS: Sollte sich Sjóns Hausverlag in Deutschland im Übrigen nicht zu einer Veröffentlichung entschließen können – es gäbe sicherlich eine Alternative!

Der Auftakt zu Sjóns offizieller Webseite

Der Auftakt zu Sjóns offizieller Webseite

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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7 Antworten zu Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (49)

  1. Carolin schreibt:

    Ich freue mich sehr, dass Sie die isländische Lyrik bekannter machen möchten, aber mit Ihren Übersetzungen bin ich nie ganz zufrieden. Es gibt im Deutschen keine „Kleinvögel“, während „smáfuglar“ ein ganz normales isländisches Wort ist. Den „Gang der Insekten“ würde ich als „Weg der Insekten“ bevorzugen. Und was soll es heißen, dass ein Vogel die „Zehen krallt“? Das ist auch kein richtiges Deutsch. Natürlich geht es in Gedichten um mehr als „richtiges Deutsch“, aber diese Punkte sprechen wirklich für eine verbesserungswürdige Übersetzung.

    • schifferw schreibt:

      Herzlichen Dank für den Kommentar und die darin enthaltenen kritischen Anmerkungen; ich nehme sie gerne zum Anlass, die Übersetzung noch einmal mit meinem isländischen Mitübersetzer durchzusehen ; es ist ja wirklich so, dass einem vor einer eventuellen Verlagsdrucklegung in der Regel ein Lektorat fehlt.
      Zugleich weiß ich aber, dass eine Übersetzung immer nur e i n e mögliche Fassung sein kann; zufällig sollte darin aber möglichst nichts vorkommen. Daher zu den Anmerkungen im Einzelnen: es gibt im Deutschen das Wort „Kleinvögel“, es benennt konkret eine Gruppe von Vögeln, zu der auch der Sperling zählt. Entschieden haben wir uns dafür sicherlich, weil wir analog zum Isländischen „smáfugl“ das Substantiv nicht auftrennen wollten und uns entsprechende Diminutive zu niedlich erschienen.
      Zum Wort „Gang“ sind wir zweifellos durch den Klang des isländischen „gangi“ verleitet worden und bot sich uns, wenn auch etwas offener, so doch bedeutungsgleich zu „Weg“ entsprechend an, und das Bild der Zehen, die der Vogel „krallt“ – nun, ein „krümmen“ z.B. würde es zweifellos erklärlicher machen, ich kann mir das Bild aber sehr gut vorstellen, insbesondere bei einem Lyriker, der in seiner Entwicklung stark vom Surrealismus angetan ist… Aber man kann darüber natürlich anderer Meinung sein – Sie sind es, und das ist gut so. Übersetzen Sie selbst auch? Auch sprechen Sie davon, dass Sie „nie ganz zufrieden sind“ mit den Übersetzungen? Abgesehen davon, dass auch ich es im Blick auf die Originale höchst selten bin, haben Sie weitere Beispiele, Anmerkungen? Und betrifft es nur Übersetzungen von Jón Thor und mir oder auch von anderen wie Tina Flecken oder Gert Kreutzer u. a., die ich in meinem Blog ja gelegentlich ebenfalls vorgestellt habe? Es interessiert mich ernsthaft!
      Meinen recht langen Kommentar bitte ich zu entschuldigen, ich bin der Meinung, Ihre so intensive Auseinandersetzung mit dem Gedicht verdient ihn. Gute Grüße, Wolfgang Schiffer

      • Carolin schreibt:

        Danke für Ihre ausführliche Antwort und entschuldigen Sie meine späte Reaktion. Mit den „Kleinvögeln“ haben Sie natürlich recht. Es schien mir so übersetzt, aber es gibt sie tatsächlich auch im Deutschen. Mit meiner Kritik bezog ich mich tatsächlich auf die Übersetzungen von Ihnen und Ihrem isländischen Kollegen. So beispielsweise auch auf „Die richtige Mischung“ von Ragnar Helgi Ólafsson. „das einzige von Verstand [sein]“ – ich verstehe, dass Sie den „Verstand“ im Text lassen wollen, um die Wiederholung zu „Verstand verlieren“ zu haben, aber der erste „Verstand“ ist ein sehr unidiomatischer Ausdruck, und ich weiß nicht, ob das dem Gedicht gut tut. Man versteht (haha) es nicht sofort. Und auch den letzten Satz finde ich nicht gelungen. „von der Art der Träume“? Was soll das bedeuten? „Eine Art Traum“ wohl eher, oder? Entschuldigen Sie meine vielleicht sehr grob klingende Kritik, ich bin nicht sehr diplomatisch begabt. Ich bin keine professionelle Übersetzerin, interessiere mich aber sehr dafür. Und ja, natürlich ist es auch immer Geschmackssache. Gerade Lyrik.

  2. thomasfaberblog schreibt:

    Danke für die interessanten Einblicke in die isländische Dichtung. Es tut gut, über den Tellerrand zu schauen. Mit isländischer Dichtung hatte ich mich noch nie beschäftigt.

  3. Ich muss mich doch mal fuer islaendische Dichtung interessieren!
    Liebe Gruesse Monika

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