Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (48)

Meine Reise durch die isländische Poesie

Gleich bringt jemand ein Buch…

Gleich bringt jemand ein Buch…

Zu den in jüngerer Zeit erschienenen Bänden mit isländischer Lyrik, aus denen ich gemeinsam mit Jón Thor Gíslason bis nun jeweils eine kleinere Auswahl übersetzt habe, gehören neben denjenigen von bereits bekannteren Autor*innen wie Sjón oder Linda Vilhjálmsdóttir auch einige Bände hierzulande noch weniger vertrauter Namen.

Einen von ihnen, Ragnar Helgi Ólafsson, habe ich hier kürzlich vorgestellt – zusammen mit der erfreulichen Nachricht, dass sein Gedichtband in unserer Übersetzung 2017 vollständig als zweisprachige Ausgabe im Elif Verlag erscheinen wird – heute will ich diesem Dichter einen weiteren Autor folgen lassen: Sveinn Yngvi Egilsson.

Mit Übersetzungen einiger früherer Texte hat Sveinn Yngvi Egilsson, der nach verschiedenen, neben dem Schreiben ausgeübten Tätigkeiten, u. a. als Lehrer, Verleger und Redakteur, heute als Professor für Isländische Literatur an der Universität in Reykjavík lehrt, bereits Eingang in die Anthologie Am Meer und anderswo gefunden – 2014 veröffentlichte er nun einen Band mit Prosagedichten: Hjarðljóð úr Vesturbænum / Hirtengedichte aus der Weststadt.

Am Meer.3 Sveinn Yngvi

Erschienen ist der aktuelle Band als Ausgabe des Autorenkollektivs 1005 in Zusammenarbeit mit dem Kind Verlag, und denkt man an die Größe Islands und den vielfältig ausgeprägten Multitalenten, die dort kreativ sind, so verwundert es vielleicht nicht, dass der zuvor erwähnte Ragnar Helgi Ólafsson nicht nur diesem Kollektiv ebenfalls angehört – er hat dem Band Hjarðljóð úr Vesturbænum / Hirtengedichte aus der Weststadt sogar qua Cover und Umbruch auch seine Gestalt gegeben.

Ich schätze die Prosaminiaturen dieses Bandes, die in einer bezaubernden Leichtigkeit aus der Fülle des isländischen Lebens schöpfen, sehr; von der Fähigkeit genauen Beobachtens zeugend, kommen sie wirklich völlig unangestrengt daher, zugleich verbreiten sie einen schönen Witz und eine wärmende Menschlichkeit.

Island: Blick aus der Harpa, der Kongress- und Konzerthalle Reykjavíks – in der häufig auch Bücher ihr Publikum finden… Fotos: Wolfgang Schiffer

Island: Blick aus der Harpa, der Kongress- und Konzerthalle Reykjavíks – in der häufig auch Bücher ihr Publikum finden… Fotos: Wolfgang Schiffer

LESTUR BÓKA

Aðlesa bók er bara aðferð til að hafa eitthvað á milli andlitsins og heimsins. Dagblöð duga líka vel til þess, tövur og regnhlífar. Fornmenn notuðu skildi til að skýla sér á bak við. Bókin veitir algjört ef hún er lögð opin yfir andlit liggjandi manns, helst í almenningsgarði á góðviðrisdegi. Pappírsangan fyllir vitin og maður þarf ekki að lesa heldur nemur textann með líkamanum. Enginn abbast upp á mann sem er eins og bók í framan, nef hans kjölur sem nær frá höku upp á enni. Heimurinn fer hjá slíkum manni og angrar hann ekki meir.

BÜCHER LESEN

Ein Buch zu lesen, ist nur eine Methode, etwas zwischen dem Gesicht und der Welt zu haben. Auch Tageszeitungen taugen hierzu, Computer und Regenschirme. Die alten Helden benutzten Schilde, um sich hinter ihnen schützen zu können. Das Buch gewährt einen perfekten Schutz, wenn es aufgeschlagen über dem Gesicht eines liegenden Menschen liegt, vorzugsweise in einem öffentlichen Park an einem Schönwettertag. Der Duft von Papier erfüllt die Sinne, und man muss nicht einmal lesen, sondern kann den Text mit dem Körper inhalieren. Keiner drangsaliert einen Menschen, der aussieht wie ein Buch im Gesicht, seine Nase ein Buchrücken, der vom Kinn bis zur Stirn reicht. Die Welt geht an einem solchen Menschen vorbei und stört ihn nicht weiter.

Es würde mich sehr freuen, wenn sich vielleicht eine Literaturzeitschrift fände, die dem deutschen Lesepublikum mehr von Sveinn Yngvi Egilsson zeigen möchte, als ich es hier mit einem Beispiel in meinen „Wortspielen“ getan habe.

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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9 Antworten zu Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (48)

  1. Schröersche schreibt:

    „Keiner drangsaliert einen Menschen, der aussieht wie ein Buch im Gesicht, seine Nase ein Buchrücken, der vom Kinn bis zur Stirn reicht.“ – das ist nun mal ein origineller Blick auf die Rolle des Buchs. Ich hoffe, dass Herr Egilsson damit recht behält; denn es gab Gesellschaften, für die Leser verhasst waren und verfolgt wurden.
    Ich habe nun endlich mal zum Verbreiten in der Buchhandlung Ihren Band „Am Meer und anderswo“ bestellt. Schön, dass Sie unermüdlich Island nach Deutschland holen.

  2. finbarsgift schreibt:

    Wunderschön, lieber Wolfgang, die Kongresshalle Reykjaviks!
    Da lässt es sich hurtig lesen, bei deeen Fenstern und deeem Blick 🙂

    Hab eine feine Zeit,
    liebe Sommergrüße vom Lu

    PS:
    Hier habe ich inzwischen auch bei mir ein feines Poem aus deinem Buch „Am Meer und anderswo“ gepostet:
    https://finbarsgift.wordpress.com/2016/07/17/sommer-am-meer-steinarr/

  3. Pingback: Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (51) | Wortspiele: Ein literarischer Blog

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