container press

Ein neuer Verlag ist an den Start gegangen

Wenn ein Autor einen davon in Kenntnis setzt, er habe nun einen kleinen Verlag gegründet, dessen Schwerpunkt auf komischer Literatur unterschiedlicher Gattungen, Genres und Spielarten liege, und zugleich bittet, ob man sich nicht die ersten beiden Publikationen dieses unter dem Namen container press gewagten Unternehmens im Hinblick auf eine mögliche Besprechung anschauen möge, so ist man, so bin ich neugierig gewesen und ja, wohl auch ein wenig gerührt. Denn, wie schon angedeutet, es gehört schon eine gehörige Portion Wagemut dazu, in Zeiten, in denen es für kleine, unabhängige Verlage zunehmend schwieriger wird, auf den traditionellen Pfaden in die Buchläden zu kommen, einen solchen Schritt zu tun.

Ich sagte jedenfalls zu. Die beiden Bücher, in der gesamten Gestaltung schwarz-weiß gehaltenes Paperback mit – wiewohl es sich in beiden Fällen um Gedichte handelt – höchstmöglicher Beschriftung der einzelnen Seiten, lagen postwendend in meinem Briefkasten.

Unter dem Titel Biotonnenmutationen enthält das eine die Lyriksammlung des in Walheim lebenden Verlegers Andreas Schumacher selbst, der andere, Salzburg Flood, Gedichte des 1981 in Linz geborenen Johannes Witek.

Ich begann in Schumachers Gedichten zu lesen. Gleich im ersten mit dem Titel Dt. Poesie sucht Autoren heißt es:

Sie sind Autor / Autorin? Sie schreiben
für Ihr Leben gern Lyrik (Gedichte)
und haben für diese im Verwandten- und Bekanntenkreis
bereits mehrfach Lob und Beifall erhalten?

Und bald darauf:

Sie mussten leider gleichzeitig
wiederholt die schmerzliche Erfahrung machen,
dass die zeitgenössischen Verlage
nichts für Sie und Ihre Kunst übrig haben,
außer faulen Ausreden …

Und schließlich:

Die Deutsche Lyrik stirbt aus!

Geistesgestörte US-Psychothrillerlizenzen
zerstören die schöne, gute, wahre Deutsche Poesie!

Reißerische amerikanische Mysteryschocker
amortifizieren die empfindsame Deutsche Autorenseele.

Die deutschen Großverlage
haben die Deutsche Poesie
auf dem Gewissen.

Natürlich ist dies alles mehr als kritsch-ironisch gemeint, denn schnell folgt dem Ganzen das Angebot eines Bezahl-Verlags, der für 14.999,99 € den Großen Deutschen Band des Autors neben anderen Großen Deutschen Bänden in seinem stets topaktuellen, jährlich erscheinenden Verlagskatalog zuverlässig führen will.

Und dennoch fragt sich der Leser natürlich, ob nicht der Autor dieses Gedichts womöglich selbst vergleichbare Erfahrungen gemacht hat, die seinen Impuls, einen eigenen Verlag zu gründen, verstärkt haben mögen.

Wie auch immer: Das Ergebnis ist ein häufig munter gereimtes Kunterbunt an Themen und Stilen, das nicht selten – und das gelegentlich durchaus mit zumindest vermuteter ironischer Selbstkritik – ums Schreiben selbst kreist, dicht gedrängt auf 96 Seiten.

Schließlich blätterte ich auch in Johannes Viteks Salzburg Flood und las mich auf der einen oder anderen Seite fest. Bei der Lektüre des Gedichts Die Würdigung des W., aus dessen Verlauf ich hier einige Zeilen zitiere –

Zunächst widmen wir uns
der existentiellen Frage

Absatz
Absatz
Fragezeichen

was deutschsprachige Lyrik
überhaupt sein soll
welche Wesensmerkmale ihr
zugeschrieben werden können
za wos brauch ma das
& hoffentlich wird der Scheiß
nicht noch von meinem Steuergeld finanziert

Absatz
Absatz
Rufzeichen

sieht die Jugend sich einfach zwingend genötigt
mal Wolf Wondratschek ein wenig Propz
zu geben weil
seien wir uns ehrlich
was Wolf Wondratschek in den 70ern als
dt.-sprachige Lyrik gemacht hat
ziemlich topnotch ist
verhältnismäßig d.h.
für den dt.-sprachigen Raum

– bei dieser Lektüre also, da dachte ich plötzlich, dass Johannes Vitek vielleicht nur ein Pseudonym von Andreas Schumacher sei, doch nein, die oftmals ähnliche Stoffwahl und Tonlage, die sich in den Texten der Beiden zeigt, spricht wohl doch nur für das selbstgewählte Profil des Verlags container press.

Ob er damit allerdings in eine halbwegs gesicherte Zukunft gehen wird, oder ob man doch lieber zu Gedichten von Wondratschek, Fauser, Brinkmann, Born oder Enzensberger greift (diese werden in Texten u.a. erwähnt), das werden und müssen die Leserinnen und Leser entscheiden. Die Möglichkeit, dies zu tun, wollte ich mit meinem Beitrag zu dem neuen Verlag ein wenig erweitern.

Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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2 Antworten zu container press

  1. wildgans schreibt:

    Überhaupt zu Gedichten greifen, das wäre schon mal was. Ich lese täglich welche, gemischtes Programm, doch wer sonst?
    Schönen Dank für die Vorstellung hier!

  2. petraelsner schreibt:

    Wirklich bemerkenswert!

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