„Das ist der Augenblick, der über / ein Brücklein jagt aus Vogelknochen …“ Teil IV

(Wieder)entdeckungen bei neuerlichen Streifzügen durch Prag

Eingang zum Neuen jüdischen Friedhof in Žižkov

Eingang zum Neuen jüdischen Friedhof in Žižkov

Herr, es ist Zeit – nicht, wie weiland Rainer Maria Rilke, geboren in Prag im Jahre 1875 – Gott darum zu bitten, auf den Fluren die Winde los zu lassen, sondern endlich in einem vierten und damit letzten Teil über unseren diesmaligen Prag-Besuch zu berichten.

Angeregt durch die Kafka-Skulptur von David Černý, die mit ihrem Spiel der einzelnen, sich immer wieder zu einem Profil des Literaten zusammenschiebenden Chromscheiben Besucher wie Einheimische gleichermaßen verblüfft, und durch die vielen anderen Hinweise in der Stadt auf diesen großen Schriftsteller, hatten wir uns entschieden, auch noch einmal das Grab Franz Kafkas selber aufzusuchen.

Prag Franz Kafka Prag Franz Kafka Prag Franz Kafka
Franz Kafka - Skulptur von David Černý

Franz Kafka – Skulptur von David Černý

Bevor wir uns allerdings auf den Weg nach Žižkov und dem dort gelegenen Neuen jüdischen Friedhof machten, statteten wir zunächst dem Průmyslový palác, dem Industriepalast, und dem ihn umgebenden Gelände einen kurzen Besuch ab.

Erbaut wurde das zwischen Neobarock und Jugendstil gestaltete Gebäude unweit des Parks Stromovka anlässlich der Prager Jubiläumsausstellung im Jahr 1891; als technisches und ästhetisches Prachtwerk sollte es zusammen mit einigen anderen zu der Zeit und aus dem Anlass geschaffenen Gebäuden und technischen Neuerungen den Standard der Wiener Weltausstellung von 1873 überbieten und vor allem die industrielle Leistungsfähigkeit Tschechiens als Teil der Donaumonarchie unter Beweis stellen. Ein Ansinnen, das im Übrigen eindrucksvoll gelang.

Průmyslový palác - der Industriepalast in Prag

Průmyslový palác – der Industriepalast in Prag

Heute, nach vielen Jahren der Nutzung u. a. als Veranstaltungsort für Ausstellungen, Konzerte usw., befinden sich Gebäude und Areal, einschließlich des benachbarten Lapidariums des Nationalmuseums (Lapidarium Národního Muzea) allerdings in einem Zustand, der dringend einer Sanierung bedarf, um noch weitere, größere Schäden abzuwenden. Und später sollten wir tatsächlich hören, dass die Stadt Prag hierzu die Gelder in naher Zeit bereitstellen wolle.

Lapidarium des Nationalmuseums in Prag - Lapidarium Národního Muzea

Lapidarium des Nationalmuseums in Prag – Lapidarium Národního Muzea

Eine Weile schlenderten wir noch über den Jahrmarkt, der hier gerade stattfand, schauten zu, wie sich Donald Duck über den Uhrenturm des Průmyslový palác erhebt und gemeinsam mit einem Karussell auf mitreisende Kinderscharen wartet – dann machten wir uns mit einer Straßenbahn (ich erinnere nicht mehr, mit welcher…) auf den Weg zur Metro-Station Hradčanská und nahmen hier die Linie A bis zur Station Želivského, wo sich in unmittelbarer Nähe der gesuchte Friedhof befindet.

Industriepalast Prag Industriepalast Prag

Franz Kafka ist im Familiengrab der Kafkas beigesetzt, verglichen mit anderen Grabmälern, die wir auf dem Weg über den baumbeschatteten Friedhof sahen, eine eher schlichte Ruhestätte, bei der auch Kafkas drei Schwestern Valli, Elli und Ottla gedacht wird, die später von den Nazis deportiert wurden und in einem KZ den Tod fanden.

Die Ruhe auf dem Neuen jüdischen Friedhof

Die Ruhe auf dem Neuen jüdischen Friedhof


Die Grabstätte der Familie Kafka

Die Grabstätte der Familie Kafka


An der Außenmauer des Friedhofs gegenüber der Grabstätte findet sich auch eine Gedenktafel an Max Brod, den lebenslangen Freund und Mentor Franz Kafkas – und unweit dessen, an einem schmalen, schattigen Gang zwischen weiteren Gräbern, stoßen wir zufällig noch auf das Grab der Familie Lustig, in dem auch der 2011 verstorbene Erzähler und Publizist Arnošt Lustig bestattet ist, der sich von 2005 bis zu seinem Tod am Sitz der Franz Kafka Gesellschaft aufhielt und arbeitete. Eine Tafel an der Außenfassade des Gebäudes in der Straße Široká erinnert daran.

Gedenktafel an Max Brod

Gedenktafel an Max Brod

Grab der Familie Lustig

Grab der Familie Lustig

Arnošt Lustig  - ein Hinweis

Arnošt Lustig – ein Hinweis

Das Haus der Franz Kafka Gesellschaft in der Široká

Das Haus der Franz Kafka Gesellschaft in der Široká

Vom Sitz der Franz Kafka Gesellschaft aus ist es auch nicht weit zu dem 2003 der Öffentlichkeit übergebenen Kafka-Denkmal, einer Bronze-Statue, welche die Gesellschaft bei dem Bildhauer Jaroslav Róna in Auftrag gegeben hatte – in einem früheren Beitrag der Wortspiele habe ich bereits u. a. hierüber berichtet.

Das Franz Kafka Denkmal

Das Franz Kafka Denkmal

Und wieder: Franz und ich...

Und wieder: Franz und ich…

Während mir Kafka also auch heute im Nacken sitzen bleibt und ich in meinen Gedanken ein wenig Klaus Wagenbachs Buch Kafkas Prag nachhänge, indem ich mich ernsthaft zu erinnern versuche, wo, in welchem Zimmer und in welchem Regal, ich es nach meiner Rückkehr wohl finden könnte, begegnet uns beim allmählichen Rückweg nur wenige Meter vom Standort des Kafka-Denkmals, der Spanischen Synagoge, entfernt, an der Kreuzung der Straßen Dlouhá und Masná schließlich auch wieder ein David Černý.

In Utero heißt seine Skulptur, die hier überlebensgroß mit der Eleganz der Gebäude konkurriert und in der Gewissheit eines Sieges ihre metallenen Arme gelassen zwischen den Zweigen einer Baumkrone hinter dem Kopf verschränkt.

Diese Straßenkreuzung ist wirklich sehenswert!

"In Utero" von David Černý - Alle Fotos  ©  Wolfgang Schiffer

„In Utero“ von David Černý – Alle Fotos
© Wolfgang Schiffer

Das war´s diesmal aus Prag! Danke für Ihre / Eure freundliche Begleitung auf unseren Rundgängen!

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Über schifferw

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8 Antworten zu „Das ist der Augenblick, der über / ein Brücklein jagt aus Vogelknochen …“ Teil IV

  1. wederwill schreibt:

    Was für ein schöner Streifzug durch Prag! Danke, dass man mitschlendern durfte – es war interessant und vergnüglich und macht Lust, es selbst einmal persönlich nachzuholen…
    Liebe Grüße aus Thüringen von
    Marlis

    • schifferw schreibt:

      Oh – das freut mich sehr! Ich bedanke mich und wünsche schon jetzt: viel Vergnügen! Liebe Grüße, Wolfgang

  2. Angelika Schramm schreibt:

    Prag war immer Sehnsuchtsstadt, – nun war ich ein bissche dort, – vielen Dank, lieber Wolfgang!

  3. Angelika Schramm schreibt:

    PS. Ich brauche eine neue Tastatur, oder die Disziplin, vor dem Absenden nachzulesen, was wieder einmal hängen geblieben ist, – so wie hier das kleine N (n).

    • schifferw schreibt:

      Danke für Deine Rückmeldung, liebe Angelika! Wer weiß, vielleicht ergibt sich aus den klitzekleinen gelegentlich fehlenden Buchstaben einmal ja sogar ein wunderbares neues Wort? Bitte, bleib dabei! Gute Grüße, Wolfgang

  4. Angelika Schramm schreibt:

    Danke, dass Du den Fehlern meiner „Schnellschüsse“ eine neue, mögliche Daseinsberechtigung gibst, Wolfgang. Die Idee finde ich ganz zauberhaft. „Coole“ Leute benutzen keine Emoticons, – ich weiß, aber ich setze sie trotzdem ganz „uncool“, damit Du mein Lächeln sehen kannst! 😀

  5. Angelika Schramm schreibt:

    Ohje, – der sieht ja wirklich schrecklich aus…

    • schifferw schreibt:

      Ich hab Glück – ich weiß gar nicht, wo diese mal wütenden, mal (angeblich) lächelnden Rundköpfe zu finden sind… Und ich will auch gar nicht danach suchen!

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