Wir neuen Europäer

Aras Ören – ein Lesebuch

Ich weiß nicht, ob die Erinnerung, die seit einigen Tagen Gestalt annehmen will, tatsächlich stimmt. Ich sehe mich, es muss in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre sein, in der legendären Kneipe Zwiebelfisch am Savignyplatz in Berlin – zusammen mit dem Dichter Aras Ören; auch zwei, drei andere Schriftsteller sitzen mit uns am Tisch; einer von ihnen könnte F.C. Delius gewesen sein.

Ich habe dieses unklare Bild, seit ich vor einigen Tagen begonnen habe, das Lesebuch Wir neuen Europäer zu lesen, das eine Auswahl von Texten von Aras Ören enthält, von seinen ersten Veröffentlichungen in Deutschland bis hin zu dem zuvor noch nicht veröffentlichten, ja,  nicht einmal übersetzten Gedicht GÖÇ (in etwa: Migration). Herausgegeben und mit einem guten Nachwort versehen hat es Friederike Fahrenhorst; es enthält – wie schon der vor drei Jahren erschienene Erzählungsband des Dichters, Kopfstand, einige Illustrationen des Malers und Zeichners Wolfgang Neumann – und ist wie zuvor Kopfstand im Verbrecher Verlag erschienen.

Illustration von Wolfgang Neumann im Band „Kopfstand“, Ausschnitt

Zur Verifizierung meiner Erinnerung habe ich mir Hilfe von den Beständen in meinen Bücherregalen erhofft. Merkwürdigerweise habe ich Aras Örens erste Veröffentlichung in Deutschland, das 1973 bei Rotbuch erschienene Poem Was will Niyazi in der Naunynstraße, das für den Dichter im deutschen Literaturbetrieb das bedeutete, was man gemeinhin einen Durchbruch nennt, hier nicht gefunden. Verliehen? Verschenkt? Ich weiß es nicht, ich weiß aber, dass auch ich durch dieses Buch, das den Arbeitsmigranten, ihren Motiven, Wünschen Ängsten und Problemen – für mich erstmals seinerzeit – eine poetisch-klare Stimme gab, auf ihn aufmerksam wurde.

Was ich fand, waren hingegen vier andere Bände, die danach erschienen sind: Der kurze Traum aus Kagithane (übersetzt H. Achmed Schmiede, bearbeitet von Jürgen Theopbaldy, Rotbuch, 1974), Privatexil (Rotbuch, 1977), Deutschland, ein türkisches Märchen (Claassen Verlag, 1978) und Mitten in der Odyssee (Claassen Verlag, 1980) – die drei letztgenannten übersetzt von Gisela Kraft.

Warum ich danach aufgehört, die weiteren Veröffentlichungen des 1939 geborenen, mit dreißig Jahren dauerhaft nach Deutschland gekommenen türkischen Schriftstellers und Schauspielers zu lesen, weiß ich nicht – Tatsache ist, dass ich ihn und seine Arbeit aus den Augen verloren habe, wiewohl wir doch quasi sogar in mehrfachem Sinne Kollegen waren: er als Redakteur beim SFB, dem heutigen RBB, ich beim WDR – und beide als Autoren bei Claassen in ein und demselben Verlag.

Umso größer ist jetzt meine Freude, durch das Lesebuch Wir neuen Europäer wieder auf ihn „gestoßen“ worden zu sein, mich auf frühere Lektüren rückbesinnen und Neues erfahren zu können – an Gedichten und kurzen Erzählungen. Bei aller ästhetischen Unterschiedlichkeit der einzelnen Texte, bei allen spezifischen, gleichwohl an Facetten reichen Blickwinkeln auf die Geschichte der Arbeitsmigration in Deutschland und ihrer Menschen, in der Summe steht dieses Werk mit einer seltenen Eindringlichkeit für eins, das die Herausgeberin des Lesebuchs in ihrem letzten Satz überaus treffend benennt.

Über Zeit, Raum und Ethnien hinweg greift Ören das große Thema des Sich-fremd-Fühlens auf. Es ist diese Universalität, die seinem Werk zeitlosen Bestand verleiht und es zu einem Klassiker macht.

Ein Werk solchen Charakters sollte in keinem Bücherregal fehlen, doch darf es gerade heutzutage dort nicht als „Klassiker“ verstauben. Es gehört gelesen, mehrfach vielleicht sogar, denn es hilft sogar, einander zu verstehen!

Zitiert sei zum Abschluss dieses Beitrags ein Gedicht, das – übersetzt wiederum von Gisela Kraft – auch den Titel einer größeren Gedichtsammlung gab. Und das war nicht gestern, sondern bereits vor mehr als fünfunddreißig Jahren. Es sollte uns, die uns doch alle – ganz gleich, ob hier geboren oder hierhin zugereist, geflüchtet, geflohen – die Frage quält, wer wir sind –  stets Mut machend vor Augen sein.

Die Fremde ist auch ein Haus

Kopie eines von Emine geschriebenen Briefes
an den türkischen Generalkonsul in Berlin
und an den Berliner Innensenator:

Sehr geehrte Herren,
wenn ich etwas Falsches schreibe, verzeihen Sie mir
dieses Falsche, aber nehmen Sie mein Schreiben trotzdem an.
Weil ich im Paß meines Vaters stehe,
passiert mir alles, was meinem Vater passiert,
von der Steppe angefangen, die er hinter sich herschleift,
seit nämlich (wie ein Mann in Flugzeug erzählte)
Ende der fünfziger Jahre ein Bagger in die Steppe
kam und anfing, den Boden aufzuwühlen.

Hinter dem Bagger erschien eine Straße, die Fremde begann.
Die Fremde begann schon in der Heimat, aber mein Vater
nannte sie „Deutschland“.
Ich nenne sie jetzt „Türkei“.

Als ich herkam, war ich fünf Jahre alt.
Seit zehn Jahren bin ich hier, meine Brüder
sind in Berlin geboren.
Wo ist jetzt meine Fremde, wo meine Heimat?
Die Fremde meines Vaters ist meine Heimat geworden.
Meine Heimat ist die Fremde meines Vaters.

Streichen Sie bitte meinen Namen
im Paß meines Vaters.
Ich möchte einen eigenen Paß in der Tasche haben.

Wer mich danach fragt, dem will ich
ehrlich sagen, wer ich bin,
ohne Scham, ohne Furcht
und fast noch ein bisschen stolz darauf.
Das Jahrhundert, in dem ich lebe,
hat mich so gemacht:
geboren 1963 in Kayseri,
Wohnort: Berlin-Kreuzberg.

Emine

Fazit: Mir hat die Lektüre von Wir neuen Europäer wieder so manchen Blick geweitet! Offen geblieben ist allerdings nach wie vor die Frage, mit wem ich seinerzeit im Zwiebelfisch saß?!

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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8 Antworten zu Wir neuen Europäer

  1. Angelika Schramm schreibt:

    Das ist sehr schön, als Miterlebensgeschehen und als neue, wichtige Anregung, die ich gern auf die Seite von Professor Abdo Abboud aus Damaskus, wohnhaft und lehrend in MÜnster, teilen würde. Darf ich, lieber Wolfgang? Er würde sich sicher sehr freuen.
    Hier ist der Link zu seiner Seite: https://www.facebook.com/groups/1630260247247153/

  2. schifferw schreibt:

    Aber gerne doch, liebe Angelika! Teile! Und hab noch schöne Stunden des Feiertags und danach!
    Gute Grüße, Wolfgang

    • Angelika Schramm schreibt:

      Danke, – für die Erlaubnis und für die guten Wünsche, die ich von Herzen zurück gebe.

  3. Wolfgang Neumann schreibt:

    Lieber Herr Schiffer,
    habe mir erlaubt, ihre Rezension bei Facebook zu teilen. Schön, dass Sie auch jeweils die gesamte Ausgabe mit Bildern angesehen haben; die werden erfahrungsgemäß im Literaturbetrieb des öfteren „überlesen“.
    Beste Grüße, Wolfgang Neumann

  4. Pingback: Blogbummel Juni 2017 – 1. Teil – buchpost

  5. Klausbernd schreibt:

    Danke für die interessante Rezension.
    Mit herzlichem Grußv on der Küste Nord Norfolks
    The Fab Four of Cley

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