Ein Dorf – die Welt

Andreas Erb und Norbert Scheuer präsentieren einen Bild-Text-Band über Kall in der Eifel

Norbert Scheuers schreibende Hand in der Ausstellung "Von hier aus" © Wolfgang Schiffer

Norbert Scheuers schreibende Hand in der Ausstellung „Von hier aus“ © Wolfgang Schiffer

Wer keine Gelegenheit hatte, abends am 24. Oktober in der „Literaturwelt“ der Stadtbibliothek Köln der Eröffnung der Ausstellung „Von hier aus“ und der erstmaligen Präsentation des gleichnamigen Buches beizuwohnen, der hat nicht nur eine eindrucksvolle Veranstaltung mit dem Literaturwissenschaftler und Bildenden Künstler Andreas Erb und dem preisgekrönten Literaten Norbert Scheuer verpasst, sondern womöglich auch die Chance auf ein kleines Vermögen, wie es sonst nur in der Philatelie den Inhabern von seltenen Fehldrucken zuteil wird.

Nach der charmanten Begrüßung der Künstler und des Publikums durch Dagmar Fretter als Repräsentantin der Kunststiftung NRW, die sich durch die Förderung dieses Bild-Text-Bandes einmal mehr um ein gattungsüberschreitendes Projekt verdient macht, und durch Gabriele Ewenz, Leiterin der Sammlung „Literatur in Köln“, war es nämlich an Axel von Ernst, neben Viola Eckelt Verleger des Lilienfeld Verlags, ein Geständnis abzulegen. Er kleidete es in eine Anekdote, die ich aus der Erinnerung wiederzugeben versuche.

Verleger und Verlegerin beugen sich über das soeben von der Druckerei für die Veranstaltung ausgelieferte Buch.

Sie (entsetzt): Siehst Du´s?
Er (gelassen): Ich sehe nichts…
Sie (jetzt schrill): Eben! Das ist es ja!

Was war geschehen? Die Druckerei hatte vergessen, dem Cover den Titel des Buches einzuprägen: „Von hier aus“.

Das Buch wurde anlässlich der Ausstellung dennoch von einem Buchhändler angeboten, und wer es erwarb, hielt am Ende ein individuelles Unikat in Händen, betitelt mittels eines weißenden Stifts von den Künstlern höchstpersönlich! Ein Exemplar der „Kölner Ausgabe“ eben!

Das vorgesehene Cover...

Das vorgesehene Cover…

... und die "Kölner Ausgabe"

… und die „Kölner Ausgabe“

Nun muss man sich allerdings keinen Trauerflor umhängen, wenn man ein solches Exemplar nicht sein Eigen nennen kann; das Buch, das inzwischen (oder zumindest bald) um den vorgesehenen Titel ergänzt auch in den Buchhandlungen vorliegen sollte, ist selbst ohne private Prägung ein hervorragendes Buch, das zu erwerben lohnt. Davon zeugte bereits der Auftritt Norbert Scheuers, in Köln 2010 auch zum Autor des „Buches für die Stadt“ gekürt, der in seiner klaren, besonderen Diktion einige der Prosa-Miniaturen las, die mit den von Andreas Erb gefertigten Collagen und Übermalungen alter und neuer Fotografien aus dem Eifel-Ort Kall in einander fortschreibender Korrespondenz stehen.

Andreas Erb (r.)  & Norbert Scheuer im Dialog mit dem Publikum © Wolfgang Schiffer

Andreas Erb (r.) & Norbert Scheuer im Dialog mit dem Publikum © Wolfgang Schiffer

Im nachfolgenden Gespräch miteinander sprachen die Künstler nicht nur von ihrer ersten Begegnung (auf der Krim – die dem Autor natürlich wie die Eifel erschien), sondern erläuterten mehr noch ihre Art der Seelenverwandtschaft in ästhetischen Fragen, die zu einem solchen Ergebnis führen konnte: zu einem Buch sich kreuzender Horizonte, in der die unterschiedliche Darstellung eines jeden zugleich ihren ganz solitären Charakter behält. Und unabhängig von der Tatsache, dass die Texte selbstverständlich in der Eifel, dem geographischen Ort von Norbert Scheuers Schreiben, entstanden sind, die Collagen hingegen in Essen und überwiegend gar im afrikanischen Burkina Faso – auch ohne dies zeigt sich Kall, das kleine Eifelstädtchen, voll poetisch aufgeladener Welt.

Als ich ankam, standen Taxis vor dem Bahnhof. Jugendliche hockten auf Treppenstufen, die Pendeltür zur Wartehalle schrammte über Bodenfliesen. Der Zug fuhr weiter. Ich stellte meine Reisetasche ab, sah zur Straße hinunter. In der Einbuchtung des Busbahnhofs, am Hang unter Goldregenbäumen, das Ende einer gemauerten römischen Wasserleitung. Die Terrassenstühle der Bäckerei aufeinandergestapelt. Der Busfahrer lehnte rauchend am Linienbus.

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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Eine Antwort zu Ein Dorf – die Welt

  1. gsohn schreibt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt.

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