Valerie und die Woche der Wunder

Ein poetistischer Schauerroman

Blick vom Vyšehrader Friedhof über die Moldau

Ja, vor dem Grab von Vítězslav Nezval, dem tschechischen Dichter, Schriftsteller und Übersetzer, auf dem Vyšehrader Friedhof in Prag habe ich bereits mehrfach gestanden, aber gelesen, ich muss es zu meiner Schande gestehen, hatte ich bis jetzt – außer vielleicht einmal mehr oder weniger nebenbei ein Gedicht aus seiner Feder – nichts von ihm!

Dabei zählt Vítězslav Nezval (1900 – 1958) zweifellos zu den Großen der tschechischen Literatur. Er gilt als Mitbegründer des Poetismus, eine in den 20er Jahren dem Surrealismus verwandte Kunstrichtung, die es so nur in der Tschechoslowakei gab, und deren Prinzipien er auch später noch, nach dem 2. Weltkrieg, gegen den von der kommunistischen Regierung geforderten Sozialistischen Realismus verteidigte. 1953 wurde er zum Nationalkünstler ernannt.

Das alles und mehr konnte ich ohne große Mühe nachlesen, dank eines neuen Verlags in Wien und Prag habe ich nun aber auch das Vergnügen gehabt, seinen 1935 im Original erschienenen Roman Valerie a týden divů zu lesen, und das in einer deutschsprachigen Erstübersetzung.

Der Verlag nennt sich Kētos Verlag, ein Bezeichnung, welche die Verlagsgründer Ondřej Cikán und Anatol Vitouch mal mit Raubtier, mal mit Monster der Muse gleichsetzen; das Ziel des Verlags definieren sie selber wie folgt:

Ein Ziel des in Wien und Prag beheimateten Kētos besteht darin, die deutschsprachige Literatur durch poetische Übersetzungen zu bereichern, die die Versmaße, den Klang, das Bilderschaffen des Originals respektieren. So ergeben sich für das Deutsche neue, inspirierende Formen und Inhalte, da der Inhalt in der Literatur ja immer an die Form gekoppelt ist. Das Kētos übersetzt Unübersetzbares, sei es wilde Lyrik, sei es abenteuerliche, poetische Prosa, ob sie nun aus der Gegenwart oder der Antike stammen.

Um eine abenteuerlich, poetische Prosa handelt es sich bei Valerie und die Woche der Wunder ganz gewiss. Schon der Beginn des ersten Kapitels Wunderwirkender Hof enthält alle Ingredienzien, die es braucht, um eine abenteuerliche, von Unheil und Schauer getränkte Stimmung zu erzeugen.

Valerie betrat mit einer Petroleumlampe in der Hand den Hof. Es war Vollmond … Ihre nackten Füße berührten das Mondlicht. Auch fühlte sie, wie die Gärten dufteten. Das Geschrei des Geflügels ließ nicht nach. Sie stützte mit der rechten Hand ihr kleines nächtliches Leben.

«Wer ist dort oben?!» rief sie und trat einen Schritt auf den Hühnerstall zu.

Da drehte ein Nachtfalter einen Kreis um die Lampe. Dann ein zweiter, ein dritter.

«Es ist ein Ratz», sagte sie zu sich selbst.

Aber dann bemerkte sie, dass der Hof ausgetauscht war.

Und nicht nur das! Der Ratz ist kein wirklicher Ratz, kein Iltis, kein Stinkmarder – sondern die Bösartigkeit in Person, ein Mensch, der nur so aussieht wie ein Ratz, zugleich aber in vielfältige Rollen zu schlüpfen weiß, Menschen verwelken oder  sich verjüngen lässt und seit Gedenken sein eigenes Leben mit dem Trinken von Hühnerblut ins Ewige verlängert! Und womöglich ist Valerie sogar seine Tochter!

Übersetzt hat den Roman, den ich allein schon wegen seiner Vielzahl immer wieder überraschender Varianten im weiteren des an den Strukturen eines Groschenromans angelegten Geschehens gerne zur Lektüre empfehle, mit Ondřej Cikán einer der Verleger selbst.

Lesern dieses Blogs ist Ondřej Cikán dabei vielleicht sogar kein völlig Unbekannter – ich habe vor Jahren über ihn als Übersetzer schon einmal im Zusammenhang mit dem poetischen Epos Mai von Karel Hynek Mácha geschrieben.

Auch diesmal löst er die zweifellos nicht einfache Aufgabe der Übertragung des tschechischen Originals mit Bravour. Anmerken will ich nur, dass mich manche Fußnote zur Herkunft und Bedeutung eines Wortes etc. am unteren Rand einer Seite bisweilen ein wenig in meinem Lesefluss gestört hat, dagegen steht aber die geradezu sprachwissenschaftliche Präzision der Arbeit, von der diese Fußnoten zeugen.

Letzteres gilt vor allem auch für das umfangreiche Nachwort, das Ondřej Cikán dem Roman beigestellt hat. Hier erfährt man Wesentliches über Poetismus und Surrealismus, Biobliographisches zum Autor und vieles mehr bis hin zu den Vorlagen und Grundsätzen der Übersetzung. In der Summe bietet Valerie und die Woche der Wunder somit eine mögliche Erweiterung des literaturgeschichtlichen Wissens und ein kraftvolles Leseabenteuer zugleich.

Das Grabmal von Vítězslav Nezval auf dem Vyšehrader Friedhof in Prag
Fotos: Wolfgang Schiffer

 

 

 

 

 

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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