Geister in Princeton

Ein Genie glaubt an Engel und Gespenster…

Hörbuch-Spektrum © Wolfgang Schiffer

Hörbuch-Spektrum © Wolfgang Schiffer

Princeton, New Jersey, Januar 1978. In einer Aufbahrungshalle steht Adele Gödel vor dem Sarg ihres Mannes, der sich, da sie aufgrund eines Krankenhausaufenthaltes seine Speisen nicht mehr vorkosten konnte, zu Tode gehungert hat: aus Angst vor Vergiftung. Ebenfalls anwesend ist Kurt Gödel, der Verstorbene, selbst, denn für ihn gibt es keine Zeit, für ihn ist jeder Moment für immer!

Der junge Kurt Gödel

Der junge Kurt Gödel

Wer aber war Kurt Gödel? Einer breiten Öffentlichkeit nur wenig bekannt, gilt er der Fachwelt als einer der führenden Mathematiker des 20. Jahrhunderts und als größter Logiker aller Zeiten. Geboren 1906 im damals der österreich-ungarischen Monarchie zugehörigen Brünn, bewies der „Herr Warum“, wie er von seiner Mutter liebevoll genannt wurde, bereits als Kind seine große mathematische Begabung. Später, nach seinem Studium in Wien, wo er sich als Mitglied des Wiener Kreises mit den methodischen Grundlagen des Denkens beschäftigte, erschütterte er die damaligen Grundfesten der Mathematik und der Naturwissenschaften, indem er bewies, dass formaler Erkenntnis prinzipielle Grenzen gesetzt sind. Dieser Beweis ist gemeinhin bekannt als der „Gödelsche Unvollständigkeitssatz“. Einen Gottesbeweis legte er später auch vor, allerdings mit der Einschränkung, dass Gott, auch wenn sich seine Existenz beweisen lasse, nicht zwangsläufig gut sein müsse – und schließlich, 1940 vor den Nazis inzwischen in die USA emigriert und dort in Princeton am Institute for Advanced Study arbeitend, überraschte er die Welt u. a. mit einer Berechnung, der zufolge Zeitreisen möglich sind. Es wird kolportiert, dass die geradezu schon pedantische Konsequenz seines Denkens, die sich hierin zeige, selbst seinen Freund Albert Einstein, auf dessen „Relativitätstheorie“ er seinen Beweis stützte, äußerst schockiert habe.

Der Bearbeiter und Regisseur Norbert Schaeffer hat diesem Genie, dessen Denken selbst vor der Gefahr des Wahnsinns nicht Halt machte, nun durch eine NDR-ORF Hörspiel-Koproduktion, die Ende April dieses Jahres in der „argon edition“ auch als Hörbuch erschienen ist, zu einer breiteren medialen Öffentlichkeit verholfen.

Geister in PrincetonBasierend auf dem gleichnamigen Theaterstück von Daniel Kehlmann, im September 2011 im Schauspielhaus Graz in der Regie von Anna Badora uraufgeführt, schickt er den Hörer auf eine (von Gödel eben selbst als möglich gehaltene) Zeitreise durch das Leben und Wirken des Wissenschaftlers und durch die Wirren des 20. Jahrhunderts. Gestützt auf ein herausragendes Sprecherensemble, allen voran Wolfram Berger als Protagonist, erleben wir Kurt Gödel von seiner Kindheit bis nach seinem Tod, sein ungelenkes Werben um seine spätere Frau Adele, seine Wissenschaftsgefährten und -kontrahenten, die allgemeine judenfeindliche Stimmung in der Wiener Gesellschaft (die dazu führte, auch in ihm noch über seinen Tod hinaus stets einen Juden, der er nicht war, zu sehen), den aufkeimenden Nationalsozialismus und baldigen Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich, seine Ehe, seine Freundschaft mit Einstein usw. Vor allem aber erfahren wir Gödel in seiner bereits früh ausgeprägten Kontaktscheu, in seinem aus der Konsequenz, jedes ihn umgebende System infrage stellen zu müssen, erwachsenen Glauben an spirituelle, auch böse Mächte und in einem zunehmenden, sich zum Wahn steigernden Realitätsverlust, der schließlich zu seinem Hungertod führt.

Dass sich diese Zeitreise, die durchaus tragikomische Aspekte enthält, nicht in chronologischer Reihenfolge vollzieht, sondern in Sprüngen zwischen verschiedenen Zeiten, entspricht Gödels Überzeugung, dass es kein Vor- und Nachher gibt; die stete Präsenz aller Momente kommt bei Schaeffer zudem mit einer akustischen Präzision und Eleganz daher, dass das Werk neben dem intellektuellen auch ein großes Hörvergnügen ist. Hierzu trägt ebenfalls die von Norbert Schaeffer bei Martina Eisenreich in Auftrag gegebene Originalkomposition bei, in der das Wiener Flair ebenso mitschwingt wie der Schmäh und die nazistische Bedrohung hörbar wird durch den, so der Regisseur, „Schatten“ des Horst-Wessel-Liedes.

Zu Recht führt die Juni-Ausgabe der hr2-Hörbuchbestenliste diese Produktion auf dem 1. Platz; mit einer weiteren Platzierung auf der kommenden Bestenliste des Preises der deutschen Schallplattenkritik ist zu rechnen.

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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5 Antworten zu Geister in Princeton

  1. gsohn schreibt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt und kommentierte:

    Hörspiel über den kongenialen Kurt Gödel

  2. leopoldsleselampe schreibt:

    Danke für den Tipp. Ich erinnere mich, vor Urzeiten einmal Hofstadters „Gödel, Escher, Bach“ gelesen zu haben. Grüße. Leo

    • schifferw schreibt:

      Lieber Leo, Dank für den Hinweis auf Hofstadters Buch! Hätte es im Artikel erwähnen sollen, denn es war/ist ein faszinierendes Werk. Gruß zurück, Wolfgang

  3. flattersatz schreibt:

    schön, auch diese ausgefalleneren publikationen rezensiert zu finden. manchmal bedaure ich, daß ich so überhaupt nix mit hörbüchern anfangen kann…. 😉
    lg
    fs

    • schifferw schreibt:

      Freut mich – und vielleicht klappt´s ja mit dem einen oder anderen guten Hörbuch (besser noch Hörspiel) ja doch einmal… LG W.S.

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