Leipziger Allerlei

Eingangs der Grimmaischen Straße © Wolfgang Schiffer

Eingangs der Grimmaischen Straße © Wolfgang Schiffer

Für einen „Streifzug“ durch Leipzig, „… dieser gewiss welthaltigen Stadt, wo aber das Weltliche mehr zu Gast als zu Hause ist…“, wie Thomas Mann in seinem Roman „Dr. Faustus“ (in meiner Fischer Bücherei-Ausgabe auf Seite 180) schreibt, gibt es meines Erachtens viele gute Gründe.

Specks Hof © Wolfgang Schiffer

Specks Hof © Wolfgang Schiffer

Da ist das Stadtbild mit seinen zumeist wohl erhaltenen und restaurierten historischen Gebäuden in den verschiedenen Baustilen wie die barocke Alte Börse und das ebenfalls barocke Gohliser Schlösschen, das im Stil der Renaissance prangende Alte Rathaus, die Moritzbastei und die Alte Waage, da sind die großzügig gestalteten Passagen wie Barthels Hof, der im Jugendstil glänzende Specks Hof und die Mädler Passage, in der sich der durch Goethes „Faust“ weltberühmt gewordene Auerbachs Keller ebenso befindet wie das Café Mephisto, in dem der Teufel höchstpersönlich die anwesenden Gäste mit seinem Höllendampf einnebelt, gefolgt von einem Donnergrollen und einem diabolischen Gelächter.
Pauliner Kirche © Wolfgang Schiffer

Pauliner Kirche © Wolfgang Schiffer

Doch nicht nur die historische Architektur bestimmt das bauliche Flair von Leipzig; wenn man von einigen, für jede Stadt offenbar obligatorischen Bausünden einmal absieht, prägen positiv auch neuere Gebäude das Bild dieser sächsischen Stadt, so das Gewandhaus, das einem aufgeschlagenen Buch nachgebildete City-Hochhaus oder die in der Schlussphase ihres Neubaus (der ursprüngliche Bau war 1968 von den DDR-Behörden gesprengt worden) befindliche Pauliner Kirche als Teil des Universitätskomplexes am zentral gelegenen Augustus Platz.

Denkmal J. S. Bachs vor der Thomaskirche © Wolfgang Schiffer

Denkmal J. S. Bachs vor der Thomaskirche © Wolfgang Schiffer

Unübersehbar sind in Leipzig auch die Spuren, welche die großen Musiker, Dichter und weitere Geistesgrößen hinterlassen haben, die hier geboren wurden oder für kürzere oder längere Zeit hier lebten und wirkten: allen voran der für ewig mit der Thomaskirche verbundene Johann Sebastian Bach, Richard Wagner und Felix Mendelssohn Bartholdy, aber auch Robert Schumann, Gustav Mahler, Albert Lortzing, Johann Wolfgang Goethe, Friedrich Schiller, Friedrich Nietzsche und Gottfried Wilhelm Leibniz, der ebenso die Alte Nikolaischule besuchte wie später der bereits genannte Wagner und Karl Liebknecht. Sie alle – und noch manch andere – strahlen noch heute in das Kultur- und Geistesleben der Stadt aus.

Darüber hinaus sind da die Museen und Archive, das Deutsche Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Bücherei, das Museum der bildenden Künste, die Museen für Angewandte Kunst und für Völkerkunde im Grassi-Komplex, das kuriose Apothekenmuseum, das Bach-Archiv und viele mehr. Und schließlich das Völkerschlachtdenkmal, in glorreicher Erinnerung an den sich in diesem Jahr zum 200. Male jährenden Kampf, der (allerdings ohne Mitwirken der Sachsen) Napoleon den Garaus machte, und die Nikolaikirche, der Ausgangspunkt für die Montagsdemonstrationen, die letztendlich zur Wende in der DDR führten. Beiden Ereignissen hat der Schriftsteller und Ehrenbürger der Stadt Leipzig, Erich Loest, mit seinen gleichlautenden Romanen (1984 und 1995) auch literarisch ein Denkmal gesetzt.

Wandgemälde in Leipzig © Wolfgang Schiffer

Wandgemälde in Leipzig © Wolfgang Schiffer

All dies hat mich der Stadt Leipzig, seit ich sie vor einigen Jahren ein wenig näher kennen lernen durfte, überaus zugeneigt werden lassen – eine Zuneigung, die zweifellos zusätzlich belebt ist durch die Liebenswürdigkeit der meisten ihrer Bewohner. Und, wie könnte es auch anders sein, durch ihre geschichtliche Verknüpfung mit und ihr anhaltendes Engagement für die Buchkunst und die Literatur. Auf das Buch- und Schriftmuseum habe ich bereits hingewiesen, aber da sind ja auch noch das Literaturhaus Leipzig, auch das Haus des Buches genannt, das Deutsche Literaturinstitut Leipzig usw. – und vor allem die Leipziger Buchmesse im März eines jeden Jahres, die durch ihre komplementären Veranstaltungen „Leipzig liest!“ die gesamte Stadt in einen literarischen Taumel versetzt – und mich mit ihr.

Nun, bei meinem gerade einen Tag zurückliegenden Streifzug durch Leipzig (ich war dort anlässlich eines abendlichen Sommerfestes der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig, der ich u. a. durch meine Jurytätigkeit für den „Günter-Eich-Hörspielpreis“ verbunden bin) habe ich jedoch herausgefunden, was mich an Leipzig, neben den bislang noch nicht erwähnten Begegnungen mit meinen dortigen Freunden, vor allem begeistert: es sind die Antiquariate und ihre noch hohe Präsenz, selbst im Zentrum der Stadt. Wiewohl ich in den vergangenen Jahren bereits mehrfach in ihnen war, ist mir dies erst bei meinem jetzigen Kurzbesuch so recht bewusst geworden.

Antiquariat am Markt © Wolfgang Schiffer

Antiquariat am Markt © Wolfgang Schiffer

Da gibt es zum Beispiel im Alten Rathaus am Markt das Antiquariat Wend, und in der Ritterstraße, auf der Rückseite der Nikolaikirche gelegen, mit dem Fachbuch-Antiquariat Thieme, der Bücherinsel, dem Leipziger Antiquariat und dem Antiquariat an der Nikolaikirche gleich vier davon.
Das Antiquariat an der Nikolaikirche © Wolfgang Schiffer

Das Antiquariat an der Nikolaikirche © Wolfgang Schiffer

In allen fünfen war ich nach meiner mehrstündigen Autofahrt und habe sie allesamt einmal mehr, doch dieses Mal entschieden bewusster eben, als wohltuende Orte der Entschleunigung empfunden. Mein Bemühen, einige weitere Exemplare der von mir gesammelten „Weißen Reihe – Internationale Lyrik“ zu finden, die der Verlag „Volk & Welt“ seit 1967 bis Ende seines Bestehens herausgegeben hat und durch die ich manche Dichter russischer, palästinensischer, ungarischer oder rumänischer Herkunft usw. erstmals kennen gelernt habe, dieses Bemühen war zwar nicht von großem Erfolg gekrönt, aber nicht eine Minute der Stunden, die ich dort verbrachte, schienen mir vergeudete Zeit zu sein. Im Gegenteil: ich habe es genossen, durch die kleinen Labyrinthe zu gehen, in den nach Genres oder auch nur alphabetisch geordneten Regalen nicht nur nach Exemplaren der „Weißen Reihe“, sondern auch nach „Zufallstreffern“ zu suchen (und zum Beispiel mit Kriminalromanen von Hans Walldorf, einem zeitweiligen Pseudonym von Erich Loest, auch gefunden zu haben) und den wohltuenden Geruch von altem Papier und –kleber zu atmen.

Mancher mag sagen, dass ich bei Amazon oder anderen Online-Händlern wohl zielführender zu Ergebnissen gekommen wäre – ich widerspreche aufs Entschiedenste! Die Erkenntnis, Leipzig nicht zuletzt wegen seiner Antiquariate so sehr zu schätzen, ist für mich als Buchfreund ein nicht zu übertreffendes Ergebnis. Sie dürfen es gerne selber einmal ausprobieren!

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Über schifferw

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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3 Antworten zu Leipziger Allerlei

  1. gsohn schreibt:

    Hat dies auf Ich sag mal rebloggt und kommentierte:

    Ein literarischer Streifzug

  2. Benedict Rehbein schreibt:

    bäm. Danke schön! 🙂 Hat sich prima gelesen und ich mag auch die Bilder sehr. Wird gleich geteilt!

  3. schifferw schreibt:

    Das freut mich! Herzlichen Dank!

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