Die Mooskugel rollt

Barbara Pumhösel über den Lyrikband „das kleingedruckte“ von Linda Vilhjálmsdóttir

Island. Foto © Lorena Zils

Wenn der Erscheinungstermin eines Buches allmählich zwei Jahre zurückliegt, so rechnet man nicht mehr mit einer Rezension desselben. Umso größer die Freude – auch für die Übersetzer – wenn dann doch noch eine erfolgt, und das erst recht, wenn sie sich so grandios in das Werk einfühlt, wie dies Barbara Pumhösel bei ihrer diesjährigen Sommerlektüre getan hat. Da heißt es zum Buch unter anderem:

Ich blättere zurück zum Anfang und beginne von vorne. Es ist viel Weiß um die Gedichte, zwischen den zweizeiligen Strophen. Manche Pausen sind wie Gebirgsspalten. Man/frau riskiert zu fallen. In ein gespanntes Bildernetz, kurz vor dem Aufprall. In andere Zeiten, mit Wörtern wie “erbsünde” und “lockenwickler”, bei denen auch ich als Kind zwischen Abstraktion, Vorstellung und konkreter sensorieller Perzeptionserfahrung schwankte. Das “kleid aus vorhangstoff” weckt Erinnerungen in den Fingerkuppen. Kurz vor dem Aussteigen. Ich hätte das Buch auf dem Platz neben mir fotografieren sollen. Aber nun ist es zu spät.

Das Cover-Foto muss nachgestellt werden. Ich bin am Fluss, an der Erlauf. Zwischen Sölling und Purgstall. “Paradies” wurde dieser Ort vor langer Zeit genannt, als er einigen manchmal am Vormittag das Klassenzimmer ersetzte. Ich lese, will schwimmen und später fotografieren

Die Sprache ist lakonisch, nüchtern, reiner Alltag scheinbar, der keine kunstvollen Metaphernkonstruktionen bemühen will – die poetischen Figuren sind unterschwellig, aber wirkungsvoll. Enjambements spielen mit Erwartung und Überraschung, setzen spannungsgeladene Pausen.

Aus dem Foto wird wieder nichts. Kaum bin ich aus dem Wasser, ziehen schwarze Wolken auf, sie sind schneller als ich. Der Sturm bläst mir Sand und Staub ins Gesicht. Ich schaffe gerade noch, bevor es davonfliegt, das Buch im Rucksack zu verstauen. Lasse das Fahrrad stehen und nehme dankend eine Mitfahrgelegenheit im Auto an. Regen. Dann Hagel. Fotografieren werde ich später, woanders, bei leichtem Regen. Es ist die letzte Möglichkeit. Am Abend muss ich wieder einen Zug nehmen.

Während ich mich umsehe nach einer geeigneten „Location“, ist plötzlich eine Melodie da, transportiert eine Verszeile, den Anfang eines bekannten Spirituals: „Sometimes I feel like a motherless child“. Der erste Teil wiederholt sich hie und da, in der einen Sprache oder in der anderen, in einem Gedicht, einem Song. Nichts Neues, wir haben das Original im Ohr – aber wie Linda Vilhjálmsdóttir dieses Material einsetzt, ist einzigartig: sie jongliert mit den Vergleichen, verwandelt dabei die einzelnen Bewegungen in metaphorische Faustschläge, beiläufig und zielsicher.

 

Erschienen ist die Besprechung von Barbara Pumhösel in ihrem Literaturblog Poesiegalerie. Sie sind herzlich eingeladen, sie dort in Gänze zu lesen und dabei die Sicht der Bloggerin auf viele weitere Bücher zu entdecken!

Veröffentlicht hat den Lyrikband das kleingedruckte der Isländerin Linda Vilhjálmsdóttir der ELIF Verlag.

 

 

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Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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