Es durchströmt mich ein Verlangen

Eine russische Dichterin in Island …

Natasha Stolyakova unterschreibt einen Publikationsvertrag.

Diese Woche gab es wirklich mehrere Gründe zur Freude: Erst kam die Nachricht, dass mein Gedichtband Dass die Erde einen Buckel werfe in diesem Jahr zu den 10 herausragenden Büchern aus unabhängigen Verlagen zählt, also auf der HOTLIST 2022 steht, und dann erschien in der Reihe Wortlaut Island des Signaturen-Magazins, dieser so vielstimmigen Online-Literaturzeitschrift, eine weitere, neue Übersetzung aus dem Isländischen von Jón Thor Gíslason und mir: ein Gedicht von Natasha Stolyarova … Herzlichen Dank, Signaturen-Magazin aka Kristian Kühn!

Der Name Natasha Stolyarova mag angesichts des Stichworts Wortlaut Island verblüffen, klingt er doch so gar nicht nach isländischer Sprache. Und tatsächlich: Natasha Stolyarova ist gebürtige Russin. Sie ist 2012 nach Island gekommen, um an der Isländischen Universität Isländisch zu lernen. In Moskau hatte sie bereits Publizistik studiert, aber nach ihrem Umzug nach Island wandte sie sich der Literatur zu. Schon bald schrieb sie Gedichte und Prosa in isländischer Sprache und veröffentlichte in Zeitschriften und Anthologien. Außerdem arbeitet sie heute für Radio und Fernsehen und übersetzt aus dem Isländischen, vor allem ins Russische, u.a. den Roman Kvika / Magma der in Wortlaut Island bereits vorgestellten Schriftstellerin Þóra Hjörleifsdóttir. Auch hat sie in Island verschiedene Literaturprojekte für Autoren mit ausländischen Wurzeln betreut und arbeitet im Stadtzentrum Reykjavíks als Buchhändlerin.

Das hier dem Signaturen-Magazin entnommene Gedicht Beben ist im Original aus einer Lyrikanthologie mit dem Titel Pólífónía af erlendum upprunna / Vielstimmigkeit fremden Ursprungs, 2021 herausgegeben vom Verlag Una útgáfuhús in Reykjavík. Im selben Verlag wird demnächst auch ein eigener Gedichtband der Autorin erscheinen: Máltaka á stríðstímum / Spracherwerb in Kriegszeiten. Man darf gespannt sein.

 

Beben

 

Es durchströmt mich ein Verlangen

die Kälte zu besiegen,

die Unterkühlung

zu vermeiden,

in diesem harten Land.

 

Als Kind

bei minus dreißig Grad

tagträumte ich

zitternd, in einem

wärmeren Land zu leben, wo

meine Nase

nicht von innen erfror.

 

Es rüttelt an meinem Haus

in der Nýlendugata,

der Wind versucht

durch ein Fenster zu brechen

mit dreißig Metern pro Sekunde,

im Dunklen

liege ich allein unter der Bettdecke,

schließe die Ohren,

zittere im Takt mit dem Haus.

 

Manchmal bebt die Erde,

rutscht mir unter den Füßen weg,

mein Zufluchtsort verwandelt sich

in einen Ort der Gefahr,

ich zittere für ein paar Sekunden,

mein Herzschlag

ist das Nachbeben.

 

Ich tauche die Füße in

kaltes Wasser,  

kristalline Kälte

fließt wie ein Lauffeuer

die Blutgefäße hoch,

ich sinke tiefer,

der Körper zittert,

ich bin ein Erdbeben,

fünf Komma sechs auf der Richter-Skala.

 

Ein kalter Tag im Februar,

entschlossen gehe ich ins Meer,

Schritt für Schritt,

tiefer und tiefer,

ich spüre die Kälte in allen Adern,

die Wellen schlagen um meinen Hals,

mein Entschluss wächst,

ich stoße mich vom Boden ab,

beginne zu schwimmen.

 

Ohne zu zittern

mache ich mich von der Kälte frei,

ruhe mich aus in aller Ruhe,

als würde ich auf der Regenbogenbrücke

über einen Abgrund gehen,

solange man ihr vertraut,

löst sie sich einem nicht

auf unter den Füßen.

 

Natasha Stolyarova
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Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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