Über die Entführung der Ukraine

Das 3. Gleichnis von Vladimir Koljazin

Die „Chart-Tabelle“ des Signaturen-Magazins

Von Beginn an war es ein Herzenswunsch des russischen Theaterhistorikers, Übersetzers und Lyrikers Vladimir Koljazin, dass seine in 3 poetischen Gleichnissen formulierte Auseinandersetzung mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine auch im deutschsprachigen Raum zu lesen sein möge.

Auf der Basis seiner eigenen Rohübersetzung haben Kathinka Dittrich, die ehemalige Leiterin mehrerer Goethe-Institute, u.a. in Moskau, und spätere Kulturdezernentin der Stadt Köln, und ich eine Fassung erstellt, der erste und der zweite Teil des Triptychons, wie der Autor sein Werk nennt, sind in der Online-Literaturzeitschrift Signaturen-Magazin unter den Titeln Gleichnis in allen Sprachen sowie Das Gleichnis von der Dreifaltigkeit bereits erschienen; vor kurzem nun hat hier auch die dritte und letzte Teile seine Veröffentlichung erfahren: Das Gleichnis Nr. 3 – Über die Entführung der Ukraine.

 

Hier nun der Beginn von Gleichnis Nr. 3; in Gänze zu lesen ist es bei Interesse unter diesem LINK.

 

Die Welt bebt seit diesem 24.02. bis zu diesem 24. etc …

Durch das heilige Feuer der mythologischen Geschichten erhitzt

Трепещет мир от сей 24.02 до сей 24.etc поры …

У священного костра   мифологических  историй  греясь

 

Ach, hätten wir doch von den Alten die Wissenschaften des Leidens und die Wege der Gerechtigkeit gelernt 

О если бы у древних наукам страданий и путям  исправленья мы обучались

 

Komm, komm nach Russland, du Licht der Erleuchtung

Приди приди на Русь прозренья свет

 

Erschalle, erschalle in Russland, du Alarmruf der Reue 

Звучи звучи призыв  набатный покаянья на Руси

 

Februar. Holen Sie sich Tinte und weinen Sie!
Schreiben Sie über das Schluchzen im Februar
…“ ¹

«Февраль. Достать чернил и плакать,

 Писать о феврале навзрыд»

 

Oh, je, oh, je! Ach, ach, ach, ach! Erinnyen – hierher!

О хей о хей!  Ёу-ёу-ёу-ёх! Эриннии – сюда!

 

Der glühende Liebhaber Zeus lässt sich mit seiner entführten Braut

auf der Insel Kreta nieder, um eine glückliche Familie zu gründen

Любовник пылкий  Zeus с похищенной невестой

На остров прибыл Крит чтоб основать счастливую семью

 

Die Entführung Europas, millionenfach besungen von Künstlern der Welt,

einschließlich Rembrandt, Boucher, Goya und Valentin Serov

Европы Похищенье воспетое мильйоны раз

Художниками мира Рембрандт Буше Гойя Валентин Серов в том числе

 

Baal-Zeus, in der Haut eines Stiers,

ihm gelang Europas Entführung,  

denn sie geschah im Namen der Liebe

Баалу-Зевсу  в бычьей шкуре

похищение Европы удалось

ибо совершилось во имя любви

 

Jener Liebe, die Nachkommen gebar und Europa reiche Geschenke brachte

und eine göttliche Konstellation am Himmel aufleuchten ließ

той что дала потомство и принесла Европе богатые дары

и божественное созвездие зажгла  на небе

 

Oh, je, oh, je! Ach, ach, ach, ach! Erinnyen – hierher!

О хей о хей!  Ёу-ёу-ёу-ёх! Эриннии – сюда!

 

Wenn du Papa Zeus nur kennen würdest – Zeus! – Wie zwiespältig hingegen

ist doch dein Liebesakt, er gebar Liebe und Hass zugleich

Но знал бы ты папаша Zeus  – Zeus! – о сколь амбивалентным был

Любовный твой поступок Рождал любовь И ненависть рождал

 

¹ Zitat aus einem Gedicht von Boris Pasternak, 1912

 

Vladimir Koljazin, geb. 1945 nahe Neshin in der Ukraine, seit dem Armeedienst 1968 in Moskau lebend, ist ein russischer Theaterhistoriker, Germanist, Übersetzer und Lyriker. Er absolvierte 1972 das Staatliche Institut für Theaterkunst, später und bis heute arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter (Dr.h.c.) des Staatlichen Instituts für Kunstwissenschaft. Er übersetzte u.a. Arthur Schnitzler, Martin Sperr, R.W. Fassbinder, Peter Handke, Botho Strauss, Heiner Müller und Elfriede Jelinek ins Russische. Von ihm erschienen in Russland u.a.: » Monografien über deutsch-russische Theaterbeziehungen« (1998, 2. erw. Auflage 2013); »Mysterium und Karneval« (2002); » Peter Stein: Schicksal eines Theaters« (2012), Hrsg. und Co-Autor »Erwin Piscator« (2022). Poetische Lesungen in Moskau, Berlin, Wien. Vladimir Koljazin lebt in Moskau.

 

Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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Eine Antwort zu Über die Entführung der Ukraine

  1. Kathinka Dittrich schreibt:

    Lieber Wolfgang,

    Toll, dass Du Gleichnis 3 in „Wortspiele“ auch weiteren Leserkreisen zugänglich gemacht hast.

    Herzlich

    Kathinka

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