Wir schießen mit Stecknadeln

Hallgrímur Helgason im Signaturen-Magazin

Hallgrímur Helgason
Foto © Einar Falur Ingólfsson

Der Online-Literaturzeitschrift Signaturen-Magazin ist es zu danken, dass zumindest drei Gedichte aus dem im Original 2020 bei JPV Útgáfa erschienenen Gedichtband VIÐ SKJÓTUM TÍTUPRJÓNUM / WIR SCHIESSEN MIT STECKNADELN des auch hierzulande sehr bekannten isländischen Schriftstellers und Malers Hallgrímur Helgason nun in deutscher Übertragung zu lesen sind.

Die deutsche Fassung hat in wunderbarer Zusammenarbeit mit dem Autor das Übersetzer-Duo Gíslason/Schiffer erstellt; veröffentlicht sind die Gedichte in der Reihe Wortlaut Island, für die diese sowie viele weitere Gedichte anderer Autorinnen und Autoren aus Island erstmals übersetzt wurden. Ein Klick auf den Link Wortlaut Island führt direkt zur entsprechenden Übersicht.

Das Gedicht Nr. XI des insgesamt 22 Texte umfassenden Zyklus von Hallgrímur Helgason sei hier zitiert:

 

XI

 

Rußspuren am Himmel

ausgeflogene Bläue

Gewissensbisse auf einer Gabel

 

Und kleine schwarze Zombies beim Frostwatscheln über den Hügel

mit Kappe und Kapuze

streichen sie durch die Stadt auf der Suche nach Bildfutter

sie gehen schlaff und äußerst langsam

eingepackt in Kleidung und eigenem Fett

wie Kindergartenkinder in Fäustlingen mit zwei Daumen

in der Dunkelheit des Winters und dem Knarren des Bürgersteigs

 

Sie kommen aus Calgary Gent und Guangzhou

Bristol und Bandung

und möchten noch eine

Bergþórugata* zu sich nehmen bevor die Batterie leer ist

und sich für ein Foto küssen

im Schneegestöber vor Drekinn, dem Fast-Food-Lokal  

 

Sie wollen sehen dass wir sie sehen

und sich selbst sehen für alle sichtbar

ins Netz gestellt

 

Das Elfenvolk der Konjunktur

übernachtet an unserer Brust

isst aus unserem Kühlschrank

entblößt sich vor den Gemälden

und zeichnet sein Drama auf eine Matratze

 

Wir ziehen währenddessen aus

zur Mama zur Oma und ins Sommerhaus

den alten Bauernhof der aufgegeben wurde

während des Nordlichtmangels im letzten Jahrhundert

 

* Straße im Zentrum Reykjavíks in der Nähe der Hallgrímskirche

 

Hallgrímur Helgason ist ein isländischer Schriftsteller und Künstler, Dichter und politischer Aktivist, geboren 1959. Er studierte an der Akademie der Bildenden Künste in München und begann seine künstlerische Karriere zunächst als Maler – mit bis heute über 30 Einzelausstellungen im In- und Ausland. 1990 debütierte er als Romanautor mit dem Roman Hella und hat seitdem elf Romane veröffentlicht. Davon wurden sieben ins Deutsche übersetzt, am bekanntesten sind Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen, Eine Frau bei 1000° und 60 Kilo Sonnenschein. In seiner Heimat hat Hallgrímur Helgasón eine Sammlung seiner frühen Gedichte (1978-1998) und in den letzten fünf Jahren vier weitere Gedichtbände veröffentlicht. Við skjótum títuprjónum / Wir schießen mit Stecknadeln, ein Zyklus zweiundzwanzig globaler Frustrationsgedichte, wurde 2020 veröffentlicht. Eine Aufnahme des Zyklus, bei der der Dichter die Texte mit Unterstützung des Lokalhelden-Schlagzeugers Doddi rezitierte, wurde im November 2020 im RÚV, dem nationalen öffentlichen Fernsehsender Islands, ausgestrahlt. Hallgrímur Helgason hat klassische, in Versen gefasste Komödien und Dramen übersetzt, wie Tartuffe von Moliere sowie Romeo und Julia und Othello von Shakespeare. Zwei seiner Romane wurden verfilmt, fünf wurden auf die Bühne gebracht (u.a. in Salzburg und Köln); drei Mal wurden seine Bücher für den Nordischen Literaturpreis nominiert. Den isländischen Literaturpreis hat Hallgrímur Helgason ebenfalls bereits drei Mal gewonnen, in den Jahren 2001 und 2018 sowie aktuell mit seinem 2021 erschienenen Roman Sextíu kíló af kjaftshöggum / Sechzig Kilo Ohrfeigen. Außerdem ist er 2020 mit der französischen Medaille Officer de l’ordre des arts et des lettres ausgezeichnet worden. Er lebt in Reykjavik.

 

 

Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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