Nicht zu sprechen ist wie nicht zu atmen.

Vladimir Koljazin zum Krieg in der Ukraine

Vladimir Koljazin

Eigentlich wollte der in der Ukraine geborene russische Theaterhistoriker, Germanist und Lyriker Vladimir Koljazin einen Auswahlband seiner Gedichte zusammenstellen, als ihn der brutale Überfall Russlands auf die Ukraine erschütterte. Und er schrieb 3 Texte, die er jeweils Gleichnis nennt. Ein erstes Gleichnis hat das Signaturen-Magazin als Montagstext bereits zweisprachig vorgestellt – die beiden weiteren Gleichnisse werden später veröffentlichst werden.

Im Folgenden sei nun der Anfang des Gleichnisses Nr. 1 zitiert; in Gänze nachzulesen ist der Text unter diesem Link.

 

GLEICHNIS IN ALLEN SPRACHEN

ПРИТЧА ВО ВСЕХ ЯЗЫЦЕХ

 

Nicht zu sprechen ist wie nicht zu atmen.

Не говорить это все равно что не дышать

Nicht zu denken ist wie sich nicht zu rühren.

Не шевелить мозгами это все равно что не шевелиться

Die Zunge zu verschlingen ist wie sich selbst in den Kerker zu sperren und sich selbst auszupeitschen wie die Witwe eines Unteroffiziers.

Проглотить язык это значит посадить самого себя в каталажку и высечь себя как унтерофицерская вдова

Zu verbieten, die Wahrheit zu sagen, ist wie alle zehn Gebote Gottes zu missachten und sich an seiner Macht zu vergreifen.

Запретить говорить правду это все равно что презреть все девять заповедей Бога и покуситься на его власть

Die Wahrheit nicht wissen zu wollen heißt, die Blindheit zu genießen.

Не желать знать правду это значит наслаждаться слепотой

Die Wahrheit zu fürchten ist wie den trockenen Bach zu fürchten.

Бояться правды это все равно что пугаться сухого ручья

Nicht die Wahrheit zu sagen ist wie die Liebe nicht zu kennen.

Не говорить правду это все равно что любви не ведать

Liebe nicht zu kennen ist wie tot geboren zu sein.

Не ведать любви это все равно что заживо не родиться

Die Vernunft nicht zu kennen ist wie ewig zu kriechen.

Не познать ума это все равно что вечно пресмыкаться

Sich dem Dummkopf zu unterwerfen, ist wie auf einem Esel zu reiten, sich dem Tyrannen zu unterwerfen, ist wie selbst zum Esel zu werden.

Подчиниться глупцу все равно что проехаться на осле подчиниться тирану все равно что самому стать ослом

Mit einem Volk zu leben, das sich einem Tyrannen fügt, ist wie Tag für Tag sein Leben in den Müll zu werfen und sich damit zu trösten, dass man saubere Wäsche trägt.

Жить вместе с народом покорившемся тирану это все равно что день за днем выплескивать свою жизнь на помойку и утешать себя тем что носишь чистое белье

 

Vladimir Koljazin, geb. 1945 nahe Neshin in der Ukraine, seit dem Armeedienst 1968 in Moskau lebend, ist ein russischer Theaterhistoriker, Germanist, Übersetzer und Lyriker. Er absolvierte 1972 das Staatliche Institut für Theaterkunst, später und bis heute arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter (Dr.h.c.) des Staatlichen Instituts für Kunstwissenschaft. Er übersetzte u.a. Arthur Schnitzler, Martin Sperr, R.W. Fassbinder, Peter Handke, Botho Strauss, Heiner Müller und Elfriede Jelinek ins Russische. Von ihm erschienen in Russland u.a.: » Monografien über deutsch-russische Theaterbeziehungen« (1998, 2. erw. Auflage 2013); »Mysterium und Karneval« (2002); » Peter Stein: Schicksal eines Theaters« (2012), Hrsg. und Co-Autor »Erwin Piscator« (2022). Poetische Lesungen in Moskau, Berlin, Wien. Vladimir Koljazin lebt in Moskau.

Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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