J´accuse und Erinnerungsgedichte an die Eltern

Hellmuth Opitz über „Dass die Erde einen Buckel werfe“ …

Der Breyeller See – ein Ort, der Erinnerungen wach werden lässt

Wenn ein Rezensent, der selbst ein wunderbarer Lyriker ist, über Lyrik anderer schreibt, lese ich stets mit besonderem Augenmerk, vermute ich ihn doch ebenso sprachgewaltig über das wie – allein schon aufgrund des Genres – nahe dem, was andere geschrieben haben. Und besonders groß ist das Augenmerk natürlich, wenn der wunderbare Lyriker, und ein solcher ist Hellmuth Opitz, das zeigt einmal mehr sein soeben im Pendragon Verlag veröffentlichter neuer Gedichtband Flauschnacht Rauschnacht, über die eigenen, also über meine Texte schreibt. Und was er hierüber in Das Gedicht Blog geschrieben hat, beginnt wie folgt:

Gute Bekanntschaft schützt vor Missverständnissen nicht. Ich kenne Wolfgang Schiffer schon sehr lange. Unsere Bekanntschaft reicht zurück bis in die 1980er Jahre, als er in der Edition Pestum eine Lyrik-Anthologie mit dem Titel „Heimat & Geschwindigkeit“ herausgab. Ich hatte das Glück, einer der zehn ausgewählten PoetInnen zu sein, die in dieser Anthologie mit Gedichten vertreten waren. Er war damals noch WDR-Redakteur, verantwortlich für die Hörspiel-Abteilung, und bereits mit Gedichtbänden wie z.B. „Kalt steht die Sonne“ hervorgetreten. Schon damals war ihm Island ein Herzensanliegen, dieses Engagement hat nun durch seine Kooperation mit dem Elif-Verlag einen ganz neuen Schub bekommen, zahlreiche Übersetzungen, Kooperationen und Herausgaben isländischer Poesie sind ein höchst lebendiger Beleg dafür. Jetzt also nach langen Jahren mal wieder ein Band unter eigenem Namen.

Verleger Dincer Gücyeter hat in seinen Social-Media-Posts auf amüsante Weise davon berichtet, welche Ausdauer und Geduld es ihn gekostet hat, Wolfgang Schiffer neue poetische Arbeiten bzw. gar ein komplettes Gedichtband-Manuskript aus dem Kreuz zu leiern. So viel vorab: Die Zurückhaltung des Poeten hat sich in Qualität ausgezahlt. Nun ist der Band da, aber was ist eigentlich das Missverständnis, von dem zu Beginn die Rede war? Es ist der Titel. „Dass die Erde einen Buckel werfe“ habe ich in meinem eindimensionalen Schiffer-Verständnis natürlich für eine Anspielung auf Island gehalten. Island, diese auf seismographisch unruhigem Grund gebettete Insel der sprühenden Geysire, heißen Quellen und kofferradiogroßen Pferde, wirft natürlich häufiger einen Buckel – wenn mal wieder ein Vulkan ausbricht. So dachte ich mit naivem Gemüt. Und dann stoße ich im letzten Gedicht des Bandes mit dem Titel „Schwierigkeiten beim Schreiben von Gedichten“ auf die Verse „haltet fest / dass die Erde immer noch keine Buckel wirft / um uns von sich zu werfen / obwohl sie schon brennt / und wir nichts dagegen tun!

Schiffer wird grundsätzlich in diesen Gedichten im „J’accuse“-Duktus, grandiose Selbstanklagen, bei denen wir Menschen unser Fett dermaßen wegkriegen, dass es rauscht. Es klingt fast wie ein Wunsch: Die Erde sollte buckeln wie ein Pferd, um die Menschheit abzuwerfen, die sie zuschanden geritten hat.

 

Und an späterer Stelle heißt es:

Die für mich eindrucksvollsten Gedichte sind die Erinnerungsgedichte an die Eltern. „Damals, als ich mich schämte“ heißt das bemerkenswerteste davon, es erzählt von einem heranwachsenden Jungen, der sich seiner Eltern schämt: „vor allem aber schämte ich mich meines Vaters / der im Dorf den Dreck der anderen von der Straße kehrte / der kleingeblümten Schürze meiner Mutter / die sie immerzu vor Brust und Bauch und Schenkeln trug“. Doch mit den Jahren wandelt sich die Scham angesichts dieser Äußerlichkeiten in eine Scham über sich selbst: „wie nur hatte ich den Reichtum meiner Eltern nicht sehen können“. Und aus dieser Scham erwächst eine Art proletarischer Stolz, eine Erkenntnis über die wahren Werte: Die Haltung des Vaters, „der sich mit nichts und niemandem gemein machte“ oder die „unverbrüchliche Liebe meiner Mutter“. Es ist eine der Stärken dieser Gedichte, dass sie die Rolle des lyrischen Ichs selbstkritisch beleuchten, Irrtümer benennen und sich auch Perspektivwechsel zugestehen. Genauigkeit in der Wahrnehmung, Emotion in der Haltung, Gelassenheit und Lebensklugheit in der Erkenntnis – das sind die Eckpfeiler des poetischen Claims, den Wolfgang Schiffer hier abgesteckt hat. In einem Band, der bleibenden Eindruck hinterlässt.

Danke, lieber Hellmuth Opitz!

Die vollständige Rezension findet sich unter diesem LINK.

 

Der erwähnte Gedichtband von Hellmuth Opitz
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Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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