Sturmvögel

Ein Island-Roman von Einar Kárason

Reykjavík, Hafen
            Foto © Wolfgang Schiffer

Als Lárus, der junge Seemann, am 29. Januar 1959 im Hafen von Reykjavík an Bord der Mávur geht, ahnt er noch nicht, was ihm diese Trawler-Tour, erst seine dritte überhaupt, alles abverlangen wird. Die Fahrt geht in die Gewässer süd-östlich von Neufundland, in jenes Gebiet, wo am 14. April 1912 die Titanic mit einem Eisberg kollidierte und einen Tag später sank. Ein solches Schicksal haben die 32 Mann Besatzung des Fischtrawlers jedoch nicht zu befürchten, die See ist ruhig, als sie dort ankommen und die Schleppnetze auswerfen, um einen Teil des reichhaltigen Rotbarsch-Vorkommens an Bord zu hieven.

Zunächst läuft der Fang nicht gut, mal ist das Schleppnetz nicht richtig ausgeworfen worden und hat sich am Meeresgrund nicht öffnen können, mal ist es vollkommen zerfetzt, als es wieder eingeholt wird, vermutlich weil es zu voll gewesen ist. Bald jedoch ist ihnen das Fangglück beschieden, die Laderäume füllen sich mit Fisch und Eis; am Samstag, dem 7. Februar, befiehlt der Kapitän, die Fangnetze nicht mehr auszuwerfen, den Rest des Fangs zu verstauen und das Schiff wieder seefertig zu machen; es geht zurück nach Hause.

Einar Kárason schildert die mühevolle Arbeit an Bord der Mávur, den Alltag dort, selbst die Bauweise des Schiffes und seine einzelnen Bau- und Werkteile, die es von der Mannschaft zu bedienen gilt, mit derart großer, von der präzisen und zugleich lebendigen Übersetzung von Kristof Magnusson getragener Authentizität, dass man als Leser, selbst ohne jegliche Kenntnis von Seefahrerei, von der Dynamik des Erzählten sofort in den Bann gezogen wird. Wahrhafte Dramatik erreicht die Schilderung jedoch durch den steten Verschnitt des Arbeitsgeschehens mit den Folgen eines Wetterumschwungs, der sich bereits am ersten Tag der Rückfahrt ankündigt: Die Möwen, die normalerweise das Fangschiff begleiten, sind abgezogen.

Ein brutaler Neufundland-Sturm bricht los, lässt für Tage Brecher um Brecher über die Mávur rollen, der Temperatursturz das Wasser bis zum Ruderhaus hinauf zu Eis gefrieren, dessen Gewicht den wegen seiner 400 Tonnen Fisch im Bauch eh schon tief liegenden Trawler manövrierunfähig zu machen und für immer in die Tiefe zu drücken scheint.

Um das Gewicht zu reduzieren, werden als Erstes die schweren Rettungsboote aufgegeben, immer wieder wagen sich die Männer aufs Deck hinaus, mit Hämmern und Äxten schlagen sie auf die stetig wachsende Eiskruste ein, der Kampf gegen die tosenden Elemente überfordert ihrer aller Kräfte. Und das nicht nur physisch, auch psychisch wird die Belastung Stunde um Stunde größer, denn die Mayday-Rufe von anderen Schiffen im Fanggebiet und ihr endgültiges Verstummen lassen auch die Mannschaft der Mávur befürchten, dass ihr dasselbe Schicksal droht.

Noch aber kämpfen die Männer ums Überleben, und der Leser erlebt diesen Kampf in ungeheurer Intensität und wie in Zeitlupe mit. In diesem Kampf werden Männer zu Helden, andere verlieren den Verstand, und alle sind sie ausgeliefert der Erbarmungslosigkeit der Naturgewalten.

Einar Kárason erzählt die packende Geschichte nach einer wahren Begebenheit aus dem Jahr 1959, als einige isländische Fischtrawler vor Neufundland in ein schweres Unwetter gerieten. Die Ereignisse zu der Zeit dienen ihm jedoch nur als Ausgangspunkt, Handlung und Personen sind reine Fiktion.

Der vielfach ausgezeichnete Autor, der die literarische Weltbühne mit einer im proletarischen Milieu Reykjavíks spielenden Trilogie, bestehend aus den Romanen Die Teufelsinsel / Þar sem djöflaeyjan rís (1983), Die Goldinsel / Gulleyjan (1986) und Das gelobte Land / Fyrirheitna landið (1989), betrat, beweist mit Sturmvögel, dass er nicht nur ein Meister ausladender literarischer Panoramen ist, sondern auch ein überaus versierter Könner von in Zeit und Raum begrenzten Formaten. Seine Schilderung des Kampfes der Besatzung der Mávur zeugt von dieser Meisterschaft.  

Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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