Tiefe Schluchten

Der dritte Krimi in der Konráð-Reihe des Isländers Arnaldur Indriðason

Der neue Krimi des Autors war auch auf der Frankfurter Buchmesse 2021 präsent.
Foto © Wolfgang Schiffer

Eines kann man guten Gewissens sagen: Auf Arnaldur Indriðason ist Verlass. Das betrifft nicht nur die hohe Schlagzahl und Regelmäßigkeit, mit der er die Leserinnen und Leser mit seinen Kriminalromanen versorgt, es gilt vor allem für die besondere, ihm eigene Qualität eines jeden einzelnen der inzwischen auf über 20 angewachsenen Titel. Und selbstredend gilt dies auch für den nach Verborgen im Gletscher und Das Mädchen an der Brücke nun dritten, für uns von Kristof Magnusson ins Deutsche übertragenen Roman mit dem verwitweten und längst pensionierten Ermittler Konráð im Zentrum des kriminalistischen Geschehens: Tiefe Schluchten.

Interessant scheint mir hier der Hinweis auf den Originaltitel zu sein: Tregasteinn, zu Deutsch Der Stein der Reue, verbindet sich in der Legende über diesen Stein, die von der gewaltsamen Trennung einer Mutter von ihrem neugeborenen Kind handelt, doch ein entscheidendes Thema des Plots mit der Verfasstheit mancher seiner Charaktere, nicht zuletzt mit Konráðs Motiv, im aktuellen Fall überhaupt tätig zu werden: das schlechte Gewissen, Reue.

Vor einiger Zeit hatte Valborg, eine etwa siebzigjährige, an Krebs erkrankte Frau, Konráð kontaktiert und ihn eindringlich gebeten, ihr Kind ausfindig zu machen, das sie vor etwa fünzig Jahren unmittelbar nach der Geburt weggegeben hatte. Konráð hatte abgelehnt. Und nun ist Valborg auf brutale Weise ermordet worden, und er fühlt sich schuldig, ihr diesen Wunsch nicht erfüllt zu haben.

Während die Mordkommission, geleitet von seiner inzwischen zur E-Zigaretten-Kettenraucherin gewordenen ehemaligen Mitarbeiterin Marta, nach dem Mörder sucht, taucht Konráð in die Vergangenheit der bis dahin so unauffälligen Toten ein, erfährt, dass sie als junge Frau in dem damals angesagten Tanzlokal Glaumbær, benannt nach dem berühmten Torfgehöft im Norden Islands, gearbeitet hat, nimmt entschlossen Kontakt auf zu früheren Arbeitskollegen dort und erfährt nach und nach, dass Valborg wohl Opfer einer Vergewaltigung wurde und sich von einer gottesfürchtigen Hebammenschülerin offensichtlich überreden ließ, das dabei gezeugte Kind nicht, wie geplant, abzutreiben, sondern zur Adoption in gute Hände zu geben. Ob dies so geschehen ist, was aus dem Kind geworden ist, und wer der Vergewaltiger war, bleibt zunächst ungeklärt, denn Valborg hat nie jemanden beschuldigt, und die Hebammenschülerin kann nicht mehr befragt werden; sie ist längst gestorben.

Wer bereits Romane mit Konráð in der Hauptrolle gelesen hat, weiß, dass eine derart unklare Lage ihn nur noch weiter anspornt, Licht ins Dunkel zu bringen, und tatsächlich geraten immer mehr Personen, Zeugen wie Verdächtige, in sein Blickfeld. Parallel dazu ist er dank der guten Kontakte zu Marta auch ein wenig in die aktuellen Mordermittlungen involviert, steht doch die Frage im Raum, ob die Ermordung Valborgs im Zusammenhang mit ihrer Vergangenheit steht. Noch ergeben sich hierauf keine Hinweise, doch tun sich im Zuge der Untersuchungen manch weitere Übel in der isländischen Gesellschaft auf: Untreue, Voyeurismus, Drogenhandel, häusliche Gewalt.

Diesen Erzählsträngen, die Suche nach dem Vergewaltiger und dem Verbleib des Kindes sowie nach dem Mörder, die Arnaldur Indriðason im dramaturgisch geschickten Wechsel zwischen Szenen aus der Vergangenheit und in der Gegenwart vorantreibt, stellt er eine weitere zur Seite, die die Leserinnen und Leser der Romane aus dieser Reihe ebenfalls schon kennen: die fortgesetzte Suche nach Beweisen im ungeklärten Fall der gewaltsamen Ermordung seines Vaters. Dieser war ein Krimineller, der während der Kriegs- und Nachkriegszeit unter anderem zusammen mit seinem als Medium fungierenden Kumpan Engilbert, der kurz nach dem Mord unter mysteriösen Umständen ebenfalls ums Leben kam, verzweifelte Menschen mittels fragwürdiger Séancen um ihr Geld prellte. Unterstützt wird Konráð bei dieser Suche von Eygló, der Tochter Engilberts, die nach wie vor überzeugt ist, dass ihr Vater zu den Betrügereien nur verführt wurde und tatsächlich seherische Fähigkeiten hatte; auch glaubt sie, selbst über solche zu verfügen, eine Haltung, die immer wieder zu produktiven Reibereien zwischen ihr und dem absolut rationalen Atheisten Konráð führt. Dieser Handlungsstrang wird ebenfalls im Wechsel von Rückblenden auf das damalige Geschehen und den heutigen Nachforschungen dazu geschildert, ein Verfahren, bei dem leicht ein Gefühl der Verwirrung aufkommen könnte, wäre der Autor nicht perfekt geschult im Ausbreiten und Zulassen einer langsamen, doch nie langweiligen Entwicklung jeder noch so komplexen Geschichte.

Hüten sollte man sich allerdings vor allzu schnellen Schlüssen auf Schuldige, denn wie Arnaldur Indriðason die beiden Ermittlungen in Sachen Valborg am Ende in einer tragischen Wendung zusammenführt, das hat so wohl niemand vorhersehen können. Nur der Tod seines Vaters bleibt ungeklärt; das Kapitel 66, das letzte des Romans, endet mit einer Szene, die den Vater vor dem Schlachthof, dem Ort seiner Ermordung, zeigt. Und aus der Dunkelheit kommt jemand auf ihn zu … Wir dürfen uns also auf weitere Krimis aus der Konráð-Reihe freuen!  

Erschienen ist der Roman als Hardcover und eBook im Lübbe Verlag und bei  LÜBBE AUDIO auch als Hörbuch erhältlich.

Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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