Des Lebens ungewisse Zeit

Neue Gedichte des Isländers Ragnar Helgi Ólafsson

Island – in früheren Tagen. Foto N.N.

Als zum ersten Mal Gedichte von Ragnar Helgi Ólafsson im Signaturen-Magazin veröffentlicht wurden, gab es die dortige Reihe Wortlaut Island noch nicht; sie wurde erst später in die Online-Literaturzeitschrift eingeführt, doch enthält sie nun natürlich auch diesen Beitrag vom 2. Oktober 2017, und zwar als allerersten.

Erschienen war er damals aus Anlass des soeben im ELIF Verlag veröffentlichten Gedichtbands des Autors Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können, der sich inzwischen zu einem sogenannten Longseller entwickelt hat und in der 3. Auflage vorliegt.

Anfang dieses Jahres, im Februar, veröffentlichte das Signaturen-Magazin dann ein weiteres, ein neues, noch unveröffentlichtes Gedicht des isländischen Multitalents, wohl in der von vielen hierzulande wie in Island selbst geteilten Hoffnung, es möge ihn motivieren, uns, den Leserinnen und Lesern, doch endlich einen neuen Lyrikband aus seiner Feder zu schenken.

Die Reaktion ließ allerdings auf sich warten; vor einigen Tagen aber habe ich ein Signal des Autors erhalten, das mich diesbezüglich recht zuversichtlich sein lässt; ein neuer Gedichtband wird – in Island – wohl noch in diesem Jahr erscheinen.

In Bezug auf die aktuell im Signaturen-Magazin veröffentlichten drei Gedichte war dieses Signal sogar noch konkreter: Zwei der Texte, so schrieb mir Ragnar Helgi Ólafsson, würden nach jetzigem Stand in dem neuen Band enthalten sein. Schön wäre es, bedeutete es doch auch etwas weniger Arbeit, wenn wir, das Übersetzer-Duo Gíslason/Schiffer, uns an die Übertragung des gesamten neuen Werks machen werden. Ob allerdings bei den Vorgesehenen nun aber auch dieser ist, den ich hier heute zitiere, das bleibt auch für uns noch abzuwarten.

 

Anmerkung zu des Lebens ungewisser Zeit

Das menschliche Leben beginnt so plötzlich.

Man erschreckt sich zum Tode, Hallgrímur.

Zumal das Leben

– wie wir schon besprochen haben –

ein äußert allumfassendes Erlebnis ist.

Da gibt es nichts hinzuzufügen.

Das weißt du natürlich, Hallgrímur.

Das wissen viele von denen, die noch leben,

sowie die meisten von denen, die tot sind, aber gelebt haben.

Das Problem ist, dass wir

– die wir uns menschlich nennen –

nicht vorbereitet sind. Noch dazu sind wir Gewohnheitstiere:

Bleiben wir bei dem, was wir am besten wissen, Hallgrímur.

Zumal das Leben nicht der überwiegende

– ich möchte beinah sagen, der natürliche –

Zustand des Menschen ist.

Bedenke, Hallgrímur:

Aus der Sicht der historischen Geologie

sind wir eigentlich immer tot.

Angesprochen ist in diesem Gedicht (wie auch in den beiden anderen, die unter diesem Link in der Reihe Wortlaut Island zu lesen sind) der Dichter und Pfarrer Hallgrímur Pétursson (1614-1674). Die Hallgrímskirkja in Reykjavík ist nach ihm benannt Sein bekanntestes Werk sind die Passíusálmar, die Passionspsalmen.

Ragnar Helgi Ólafsson, geb. 1971 in Reykjavík / Island, studierte an der Universität von Island Philosophie, Filmregie an der New York Film Academy und im Anschluss in Frankreich zunächst Französisch in Marseille und danach Kunst in Aix en Provence. Nach mehreren Kurzfilmen arbeitet er in den letzten Jahren vornehmlich als Grafikdesigner und bildender Künstler mit zahlreichen nationalen und internationalen Ausstellungen. Auch als Musiker und Verleger ist er tätig; er betreibt den Tunglið Forlag, den Mond Verlag, in dem jährlich zwischen acht und zwölf Publikationen mit fiktiver Prosa und Lyrik erscheinen sowie die Ljóðbréf, die Poesiebriefe. 2013 veröffentlichte er in Island mit Bréf frá Bútan / Briefe aus Bhutan einen ersten eigenen Roman, 2015 folgte der erste Gedichtband Til hughreystingar þeim sem finna sig ekki í samtíma sínum / Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können (ELIF VERLAG 2017),  für den er mit dem Tómas-Guðmundsson-Poesie-Preis ausgezeichnet wurde, einem Preis, den die Stadt Reykjavík zum Andenken an den gleichnamigen bekannten isländischen Schriftsteller und Lyriker (1901 – 1983) alljährlich an herausragende Werke der isländischen Dichtkunst vergibt. Mit der 2017 erschienenen Story-Sammlung Handbók um minni og gleymsku / Handbuch des Erinnerns und Vergessens ( ELIF VERLAG 2020) war der Autor für den Isländischen Literaturpreis in der Kategorie Belletristik nominiert. 2018 veröffentlichte er das Ein Requiem genannte Buch Bókasafn föður míns / Die Bibliothek meines Vaters; in der Kategorie Sachbuch erfuhr auch dieser Titel eine Nominierung für den Isländischen Literaturpreis.

Ragnar Helgi Ólafsson wohnt und arbeitet in Reykjavík.

Ragnar Helgi Ólafsson / Foto © Lilja Birgisdóttir

Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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