Dætur Íslands – Töchter Islands V

Eine sechsteilige Lyrik-Reihe im Signaturen-Magazin

Island – Foto © Lorena Zils

Dætur Íslands – Töchter Islands. So nennt die Online-Literaturzeitschrift Signaturen-Magazin eine kleine Reihe, in der sie einen besonderen Blick auf die isländische Poesie wirft.

Noch bis einschließlich heute präsentiert sie ein oder mehrere Gedichte von isländischen Dichterinnen; jeden Tag von einer anderen Dichterin.

Nach den bisher Vorgestellten – sie alle (und mehr …) sind nachzulesen auf den Seiten der Reihe Wortlaut Island –, folgte gestern als vorletztes Beispiel die Dichterin Björk Þorgrímsdóttir mit ihrem dem von Dagur Hjartarson und Ragnar Helgi Ólafsson im Tunglið forlag, dem Mondverlag herausgegebenen Ljóðbréf Nr. 4 / Poesiebrief Nr. 4 entnommenen Gedicht  Ein Gedicht und ein Traum.

Später einmal, so Kristian Kühn, der Herausgeber des Signaturen-Magazins, werden einige weitere von uns, dem Übersetzer-Duo Gíslason/Schiffer, übertragene Gedichte der Autorin folgen; diese werden dann ihrem in diesem Jahr erschienenen Gedichtband Hún sem stráir augum / Sie, die Augen streut entnommen sein.

Nun jedoch Ein Gedicht und ein Traum – und anders als bisher in den Signaturen  hier ausnahmsweise im Original und in unserer Übertragung.

 

EITT LJÓÐ OG EINN DRAUMUR

 

Kjötið í eplinu. Safinn í appelsínum. Börkurinn á tungunni.

Bárujárn um húsið. Húðin um manninn. Sagan um sálina.

Sprungurnar í bollanum. Nóttin í kaffinu. Upplifun í veðrinu.

Tilfinningin í fuglunum. Baráttan í höfðinu. Snjórinn á

fingrunum. Svarið í eyrunum. Vatnið í maganum. Hljóðin

í ofnunum. Brakið í leðrinu. Þögnin í loftinu. Uppgötvun á

þakinu. Áhuginn á gólfinu. Amman í húðinni. Skotmarkið

í augunum. Hreinlætið í beinunum. Skorturinn í gluggunum.

Sandurinn í sjónum. Kisan í þófunum. Himinninn í okkur.

Ljósið í sjálfu sér. Sjálfan í speglinum. Gleðin i trénu.

Grasið í höfðinu. Ákæran í listunum. Blaðið í skóginum.

Upplýsing í perunni. Persía í þér. Afgangurinn í sólinni.

Dyrnar í glasinu. Þunginn í vatninun. Steypan í borginni.

Flísarnar í æðunum. Eggið í baðinu. Sólin í skininu.

Maðurinn í höfðinu. Moldin í mér.

 

 

EIN GEDICHT UND EIN TRAUM

 

Das Fleisch im Apfel. Der Saft in Apfelsinen. Die Schale auf der Zunge.

Wellblech rund ums Haus. Die Haut um den Mann. Die Geschichte der Seele.

Die Sprünge in der Tasse. Die Nacht im Kaffee. Ein Erlebnis im Wetter.

Das Gefühl der Vögel. Der Kampf im Kopf. Der Schnee an den

Fingern. Die Antwort in den Ohren. Das Wasser im Magen. Die Geräusche

in den Öfen. Das Knarren des Leders. Die Stille in der Luft. Entdeckung auf

dem Dach. Interesse am Boden. Die Oma in der Haut. Das Ziel vor

Augen. Die Hygiene in den Knochen. Der Mangel an Fenstern.

Der Sand im Meer. Die Katze auf den Pfoten. Der Himmel

in uns. Das Licht an sich. Das Ich im Spiegel. Die Freude im Baum.

Das Gras im Kopf. Die Anklage in den Künsten. Das Blatt im Wald.

Beleuchtung in der Glühbirne. Persien in dir. Der Rest in der Sonne.  

Die Tür im Glas. Das Gewicht des Wassers. Der Beton in der Stadt.

Die Fliesen in den Adern. Das Ei im Bad. Die Sonne im Schein.

Der Mann im Kopf. Die Erde in mir.

 

Björk Þorgrímsdóttir, geb. 1984, studierte Philosophie (BA) und Kreatives Schreiben an der Universität von Island (MA). Ihr erster Gedichtband Bananasól / Bananensonne wurde 2013 veröffentlicht; ein Jahr später folgte der Band Neindarkennd / Ein Gefühl von Nichts sowie 2021 Hún sem stráir augum / Sie, die Augen streut. Für das hierin veröffentlichte Gedicht Augasteinn / Augenstern wurde Björk Þorgrímsdóttir 2020 mit dem Jón-úr-Vör-Poesiestab ausgezeichnet, dem Literaturpreis des gleichnamigen Lyrik-Wettbewerbs zu Ehren des isländischen Bibliothekars und Dichters Jón úr Vör (1917 – 2000).

 

Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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