Es gibt steinige Abhänge …

Das Signaturen-Magazin veröffentlicht Gedichte von Bjarni M. Bjarnason

Wer den Roman Die Rückkehr der Jungfrau Maria, der 2012 im Tropenverlag erschienen ist, gelesen hat, der kennt den isländischen Schriftsteller Bjarni M. Bjarnason zumindest, wenn auch nur ansatzweise, schon mal als Prosa-Autor. Über diesen Roman habe ich seinerzeit anlässlich des Deutschlandbesuchs des damaligen isländischen Staatspräsidenten S.E. Ólafur Ragnar Grímsson sogar ein wenig geschrieben, nachzulesen in dem Beitrag Ein Isländer auf Abwegen?

Typisch Isländisches haftet diesem Werk allerdings nicht an, es fragt uns eher allgemein und in unbestimmter Zeit und an unbestimmtem Ort, wie wir bei all unserer Rationalität denn dem Unbekannten begegnen, falls es uns begegnet, und ob Unschuld und Schönheit überhaupt noch einen Platz haben in unserer Welt, wenn wir der Rationalität den Primat einräumen, und nicht der Phantasie? Ich hielt Die Rückkehr der Jungfrau Maria für ein lesenswerter Buch.

Dank der Online-Literaturzeitschrift Signaturen-Magazin dürfen wir etwa zehn Jahr später nun auch einen ersten Blick auf Bjarni M. Bjarnason als Lyriker, der er auch ist, werfen; zwei Gedichte, die wir, das Übersetzer-Duo Gíslason/Schiffer, ins Deutsche übertragen haben, wurden hier jüngst veröffentlicht – einmal mehr in der uns vom Herausgeber Kristian Kühn eingerichteten Reihe Wortlaut Island.

Eines will ich hier zitieren; den vollständigen Artikel bitte ich Sie / Euch, gegebenenfalls unter dem HIER hinterlegten Link zu lesen.

 

Es gibt steinige Abhänge draußen in der Nacht

es gibt unbegehbare Wege, morsche Brücken und vermoderte Fähren

es gibt Wellen die sich

wie Stahlhaken in den Himmel strecken

und wenn du die Augen öffnest

siehst du am Himmel Reißzähne

doch keine Lippen

 

Es leuchtet ein schwarzes Feuer

draußen in der Nacht

es gibt Fallen im Wald

in eine von ihnen fällst du hinein

während die zweite dich in zwei Teile spaltet

und die dritte dich aufhängt

am obersten Ast

 

Es gibt nichts zu holen dort draußen

außer dem einen der auf der nassen

Messerspitze lebt

Er ist auf Reisen mit einem Mann

dessen Flinte geladen ist

mit siebenfachem Tod

 

Die Mondsichel pendelt so schnell

dass du ihre Schönheit noch genießt

selbst ohne Kopf,

die Schneeflocken wirken harmlos

der Wassertropfen unschuldig genug

aber du kennst die Waffen

und weißt

 

dass die Nacht nur Gräueltaten begeht.

 

Bjarni M. Bjarnason, geboren 1965 in Reykjavík, lebte zunächst im Ausland, veröffentlichte aber seit seiner Jugend Gedichte in isländischen Zeitungen und Zeitschriften. 1989 erschien sein erstes Buch, der Gedichtband Upphafið / Der Anfang, und noch im selben Jahr die lyrische Prosa Ótal kraftaverk / Unzählige Wunder. Seitdem hat er neben seiner Arbeit als Kulturwissenschaftler und Literaturkritiker weitere Gedichtbände, Sammlungen mit Theaterstücken und Kurzgeschichten sowie Romane veröffentlicht, u.a. 1996 den Roman Endurkoma María (nominiert für den Isländischen Literaturpreis), der 2012 unter dem Titel Die Rückkehr der Jungfrau Maria im Tropen Verlag in Stuttgart in deutscher Übersetzung erschien.

Bjarni M. Bjarnason

Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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