Auf sonnengebackenen Steinen

Gedichte aus der „Wunderkammer“ von Sigurlín Bjarney Gísladóttir

Seltsame Blumen in Reykjavík – Foto © Wolfgang Schiffer

Die jährliche Fülle der Neuerscheinungen von Lyrikbänden in Island bringt es zwangsläufig mit sich, dass ich nicht auf alle aufmerksam werde, geschweige denn sie alle erhalten und zumindest auszugsweise lesen kann.

So war es zunächst auch bei dem Gedichtband Undramrymið / Die Wunderkammer der isländischen Schriftstellerin Sigurlín Bjarney Gísladóttir, und das obwohl sie mit diesem 2019 erschienenen Band sogar für den Maistern, einen der in Island angesehensten Preise für Lyrik, wenn nicht der angesehenste Preis überhaupt, nominiert war.

 

Diese Lücke konnte nun nicht nur geschlossen werden, wir, das Übersetzer-Duo Gíslason/Schiffer hat auch einige der Gedichte aus dem Band ins Deutsche übertragen – und die Netz-Literaturzeitschrift Signaturen-Magazin hat sie jüngst zu unserer großen Freude ihrer Reihe Wortlaut Island veröffentlicht.

Die Gedichte des Bandes Die Wunderkammer weisen dabei alle eine Besonderheit auf; sie stehen natürlich jeweils für sich allein, doch zugleich ist ihnen stets eine Abbildung aus der Wunderkammer der Hagströmer Bibliothek in Stockholm zugeordnet. Beispielhaft zitiere ich hier nun eines der sechs Gedichte, die das Signaturen-Magazin veröffentlicht hat, und zeige im Anschluss die dazugehörige Illustration, eine Abbildung aus dem Band Magazin für Liebhaber von Pflanzen, den ein gewisser Herr Pfeiffer (1777 – 1842) erstellt hat und welches das erste und einzige Blumen-Buch mit handkolorierten Abbildungen von Pflanzen und Früchten in Schweden ist.

Selva oscura

 

Im Sturm erscheinen Frösche

sie springen voll entwickelt aus dem Schlamm

 

auf sonnengebackenen Steinen

entstehen Skorpione

im Frachtraum der Schiffe zeigen sich Mäuse

 

aus Schlamm/Erde/verfaulendem Fleisch wachsen Insekten

 

im Dunkel des Walds verbirgt sich ein glimmerndes Licht

unterm Laub

ein Stein vom Kopf einer Schlange

 

ich bin hergekommen

in diesen Wald

um Frösche, Skorpione, Schlangen und Mäuse zu finden

Sonnenschimmer

Insekten

Wirrwarr und Chaos

Abbildung aus der Wunderkammer der Hagströmer Bibliothek in Stockholm

Wer sich nun angeregt sieht, fünf weitere Gedichte aus dem Band  Undrarýmið / Die Wunderkammer von Sigurlín Bjarney Gísladóttir kennenlernen zu wollen, der folge dem in Wortlaut Island unterlegten Link.

Sigurlín Bjarney Gísladóttir, geboren 1975 in Hafnafjörður, aufgewachsen in dem Fischerdorf Sandgerði, war zunächst u.a. als Reiseführerin tätig sowie als Korrektorin und Lehrerin. Später machte sie ihren Master an der Universität Islands in Kreativem Schreiben und Isländischer Literatur; im letzten Fachbereich hat sie inzwischen auch promoviert.

Seit Fjallvegir í Reykjavík  / Bergstraßen in Reykjavík, ihrem 2007 erschienenen ersten Buch, das Prosadichtung enthält, veröffentlichte sie mehrere weitere Bände mit Kurzgeschichten und Lyrik, zuletzt die Gedichtbände Tungusól og nokkrir dagar í maí  / Zungensonne und einige Tage im Mai (2016) sowie Undrarýmið / Die Wunderkammer.(2019). Diese Gedichtsammlung enthält auch Abbildungen aus der Wunderkammer der Hagströmer Bibliothek in Stockholm; die Autorin wurde mit dem Band für den Maistern nominiert, einem der höchsten Auszeichnungen für Lyrik in Island.

 

Sigurlín Bjarney Gísladóttir

Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
Dieser Beitrag wurde unter Übersetzung, Gedichte, Isländische Literatur, Literatur, Lyrik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.