Von Zeilen, die von Kontrasten leben

Petra Kuhn über „das kleingedruckte“ von Linda Vilhjálmsdóttir

Island – entlang der Ostküste
Foto © Wolfgang Schiffer

Was erwartet mich hier?, so fragt sich Petra Kuhn, als sie den Gedichtband das kleingedruckte der isländischen Schriftstellerin Linda Vilhjálmsdóttir sieht. Und sie fährt fort:  Eisblau und klar liegt der Schutzumschlag in meiner Hand. Zwei Blasen, zwei Löcher, gewähren mir einen ersten Einblick auf das Kleingedruckte im Hintergrund, auf seinen festen Einband.

Ein solches Intro in einer Rezension eines Buchs macht auch seine Übersetzer recht neugierig auf das, was die Rezensentin wohl zu den Gedichten selbst sagen wird. Und am Ende, nach der Lektüre ein paar kleiner Abstecher in Islands Geschichte und jüngere Vergangenheit, sind sie mehr als beglückt über die Art und Weise, wie sich hier eine kritische Leserin den Texten genähert, sie unter die Lupe genommen hat und über sie schreibt.

Und erst recht angetan sind sie von dem Elan, mit dem sie das Werk in ihrem Blog Petras Bücher-Apotheke anderen Leserinnen und Lesern ans Herz legt …

Gespannt erobere ich mir sein Inneres, so wie dereinst die Vikinger ferne Gestade, ich fühlte mich wie ein Entdecker, meine Neugier war geweckt. Dieses schmale Buch ist erst einmal eine haptische Freude. Schöner und passender hätte man die rauen und kurz gefassten Sätze dieser Dichterin nicht einrahmen können. Die kühle Farbe des Einbandes klärt auch was man hier als Leser*in erwarten darf: Keine Verse die wohlgeformt sind, man wird vielmehr von einem Mini-Versepos überrumpelt.

Von Zeilen, die von Kontrasten leben, so wie das Land aus dem diese Dichterin stammt. Eis und Feuer machen etwa 95% seiner Landfläche unbewohnbar. Es hat bizarre Formen und eine beeindruckende Weite. Klare Kanten und wuchtige Worte findet Linda Vilhjálmsdóttir, für ihre Frauen, für die Frauen ihrer Familie, für sich selbst. Für Natur und Politik. Für das was die Geschlechter trennt.

Ausbalancieren, das ist etwas für andere Lyriker*innen. Vilhjálmsdóttir spielt lieber mit der Unwucht. Bleibt rau. Bei ihrem Versmaß ebenso wie inhaltlich. Mit Sicherheit polarisiert sie, auch mich hat sie herausgefordert. So minimalistisch hatte ich mir ihr Schreiben nicht vorgestellt. Verse, die komplett kleingeschrieben sind und die ohne Satzzeichen auskommen, einzig die Zeilenumbrüche leiten mich, und ich staune. Nicht schlecht.

Liebe Island-Fans, liebe Fans des Besonderen, des Ungewöhnlichen, lasst Euch ein auf diesen Ton und entdeckt ein Stück Lyrik wie man es nicht oft zwischen zwei Buchdeckeln findet. Regt Euch auf, reibt Euch daran, begeistert Euch. So wie ich! Meine Freude hatte ich auch daran durch die gegenübergestellten isländischen Zeilen zu stolpern und Worte zu entdecken, die ich tatsächlich auch verstanden habe. Also einzelne davon und ich las auch mal laut. Also die deutschen Verse. Denn dann klingen sie noch einmal länger nach …

Wen das bisher Zitierte zum Lesen der gesamten Besprechung animiert hat, der findet diese hier.

 

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Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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