Vom Buch übers Manuskript zu einem neuen Buch

Wie in der Berliner Corvinus Presse der Gedichtzyklus „Der sechste Wintermonat“ von Björg Björnsdóttir entstand …

Am Anfang war ein Buch, Árhringur, der Jahresring, der erste Lyrikband der isländischen Journalistin und Schriftstellerin Björg Björnsdóttir, und darin ein zwölfteiliger Zyklus von Gedichten über Abschied, Trauer und Neubeginn, Gedichte, die die alten isländischen Monatsnamen im Titel tragen.

Das Buch im Original

Uns, das heißt, dem isländischen Künstler Jón Thor Gíslason und mir, die wir seit Jahren gemeinsam zeitgenössische isländische Lyrik ins Deutsche übertragen, gefiel dieser Zyklus, sodass wir zwei der Texte übersetzt und, im Einvernehmen mit der Autorin, dem nicht-kommerziellen Online-Literaturmagazin Signaturen angeboten haben.

Die Resonanz darauf war so gut, dass ich mich ermutigt fühlte, den Zyklus der Corvinus Presse anzubieten, einem Verlag in Berlin, der seine Bücher noch auf traditionelle Weise nach buchkünstlerischen-bibliophilen Kriterien herstellt und fast immer mit Illustrationen in Form von eigens für das Werk geschaffenen Radierungen, Linolschnitten usw. komplettiert. Eine Zusage hätte also zugleich eine kreative Spielfläche für die eigentliche Berufung meines Freundes Jón Thor Gíslason bedeutet, die Bildende Kunst.

Die Zusage kam prompt und mit ihr auch sogleich der Titelvorschlag für den aus dem Original herausgelösten Zyklus: Der sechste Wintermonat.

Natürlich galt es nun als Erstes, für all dies die Voraussetzungen mit der Autorin und dem isländischen Verlag Bjartur zu klären, der das Werk im Original veröffentlicht hatte, waren doch bei der Publikation in der Corvinus Presse keine Lizenzgebühren oder Tantiemen zu erwarten; eine Honorierung würde für alle Beteiligten allein über Belegexemplare erfolgen können.

Dafür aber sollte es gleich zwei Ausgaben geben: Ein Künstlerbuch, in einer Auflage von nur 22 Exemplaren, handgebunden und in einer Kassette, das die für das Buch geschaffenen Werke des Künstlers enthalten würde, von diesem ebenso signiert wie das ganze Buch von der Autorin (Preis 300,00 €), und eine sogenannte Volksausgabe in höherer Auflage (Preis 20,00 €), die, was die Grafiken betrifft, nur Abgedrucktes bietet, doch ebenfalls handgebunden ist sowie von der Dichterin signiert.

Das Einvernehmen mit den Beteiligten in Island war sehr schnell hergestellt, und Jón Thor und ich machten uns ans Werk des Übersetzens. Sobald die Texte nun Hendrik Liersch, dem Inhaber der Corvinus Presse, vorlagen und er sich auch in ihrer Summe überzeugt sah, ließ er seinen Mitarbeiter Harald die Gedichte setzen, und zwar auf einer traditionellen Linotype-Setzmaschine.

Hierbei, einer Art Bindeglied in der Entwicklung der Satzverfahren zwischen Handsatz und modernem Fotosatz, bedient der Setzer, so erklärt es mir Wikipedia, eine Tastatur, über die er den zu setzenden Text eingibt. Tippt der Setzer einen Buchstaben, fällt aus einem Magazin eine metallene Gussform für einen Buchstaben. Diese Gussformen werden zu Zeilen aneinandergereiht. Notwendige Wortzwischenräume können durch sogenannte in der Breite veränderbare Spatienkeile gebildet werden. Die fertig zusammengestellte Zeile wird sodann mit flüssigem Metall, einer Blei-Zinn-Legierung ausgegossen – es entsteht als eine Einheit eine Zeile mit erhabenen Buchstaben, die line of types. Die mit der Linotype erstellten Zeilenblöcke werden anschließend per Hand seitenweise zu Druckstöcken angeordnet.

Harald an der Linotype-Setzmaschine

Nach einem ersten Probedruck, der semantisch noch ungeordnet einen Eindruck von Type, Schriftgröße usw. vermittelte, erfolgte rasch ein Druck der Textseiten, allerdings noch ohne Titel der Gedichte, da diese ebenso wie das Cover des Buchs in einem anderen Verfahren hergestellt werden würden. Für mich jedoch hieß dies bereits einmal: Korrekturlesen, damit die eventuell notwendigen Änderungen erfolgen konnten.

Parallel hierzu arbeitete Jón Thor Gíslason natürlich längst schon an Linolschnitten (für Vorsatz des Künstlerbuchs und Cover der Ausgaben) und an mehreren Kaltnadelradierungen, die das Textwerk komplettieren würden. Die Linolschnitte sollten dabei nicht nur in die Bücher eingehen, sondern in einer kleinen Auflage auch als signierte Einzelblätter zu erwerben sein.

Vier der Radierungen zum Buch
Das Covermotiv als Einzelblatt

Nachdem im weiteren Verlauf die notwendige Menge hochwertigen Papiers bestellt, die Farbe fürs Cover bestimmt und Niloprints der Radierungen hergestellt waren, ging es schon mal ans Drucken der Seiten für die Volksausgabe.

Danach hieß es: trocknen jeder einzelnen Seite …

Das Trocknen der Blätter

 … sortieren der getrockneten Seiten …

Das Sortieren

… nuten und falzen des Covers, ordnen und stapeln …

… und schließlich das Binden nach offener, japanischer Art und Zuschneiden eines jeden einzelnen Buchs  – und fertig ist Der sechste Wintermonat von Björg Björnsdóttir, übersetzt von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer, von der Autorin signiert und erschienen in der Corvinus Presse.

Das Binden
Das fertige Buch

Gerne hätte ich an dieser Stelle nun auch das Künstlerbuch dieses Titels gezeigt, doch lässt zum jetzigem Zeitpunkt, an dem ich den kleinen Bericht verfasse, nur ein Foto einiger der Radierungen, die es als vom Künstler Jón Thor Gíslason signierte Originale enthalten wird, erahnen, welch schöne Qualität es erreichen wird.

Der Grund hierfür ist ebenso einfach wie seltsam: Er liegt in den Geheimnissen der Post. Jón Thor Gíslason wohnt in Düsseldorf, da gab es beim postalischen Hin und Her des zu signierenden Materials kaum eine Verzögerung. Anders jedoch gestaltete sich dieses notwendige Verfahren zwischen Berlin und Egilsstaðir im Nordosten Islands, dem Wohnort von Björg Björnsdóttir. Während die von der Autorin zu signierenden Biografie-Seiten für die Volksausgabe relativ problemlos das dazwischenliegende Wasser überquerten, gelten die Seiten für das Künstlerbuch zum jetzigen Zeitpunkt noch als verschollen. Ich bin jedoch sicher, dass es auch das Künstlerbuch bald geben wird. Wie sagt der Isländer: Þetta reddast!

Ein Letztes: Alle hier gezeigten Fotos, mit Ausnahme des Originalbuches, sind von Hendrik Liersch.

Und: Wer nun neugierig geworden sein sollte auf das Werk, in welcher Ausgabe auch immer, oder auf ein Einzelblatt des Künstlers Jón Thor Gíslason, der möge dem Verlag eine E-Mail schreiben: corvinus@snafu.de

Einige Radierungen von Jón Thor Gíslason im Künstlerbuch
 

Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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7 Antworten zu Vom Buch übers Manuskript zu einem neuen Buch

  1. Sigrún Valbergsdóttir schreibt:

    Danke, lieber Wolfgang, das ist ein höchst interessanter Bericht über die Entstehung eines Kunstwerkes und wie ich mich freue für euch alle die daran beteiligt waren. Ganz besonders für Björg und ihre beeindrückenden Gedichte die jetzt einem grösseren Leserkreis zugänglich gemacht werden.

    • Wolfgang Schiffer schreibt:

      So lieb von dir, meine Sigrún! Aber bist du nicht noch mit einer Gruppe auf Spuren… Lässt man dir da Zeit zum Lesen oder ist die Reise etwa ausgefallen? Herzlichst, Wolfgang

  2. Sibyl Kneihs schreibt:

    Herzlichen Dank. Noch ein Buch auf den Stoß Lyrikbände neben meinem Lese-Sitzplatz.

    Und „Gleðilegt sumar“, am 5. Harpa-Tag.

    Sibyl

    Sibyl Kneihs sibyl.kneihs@chello.at

    Sibyl Urbancic Döblinger Hauptstraße 70/25 1190 Wien 0043-1-3681343 http://www.urbancic.at

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    • Wolfgang Schiffer schreibt:

      Danke! Es freut mich natürlich für alle Beteiligten, wenn meine Anregung „wirkt“ … Und, sömuleiðis, gleðilegt sumar! Herzlichst, Wolfgang

  3. gsohn schreibt:

    Kann man wo bestellen?

    • Wolfgang Schiffer schreibt:

      Am Ende des Beitrags steht die Mail-Adresse des Verlags, der Corvinus Presse… Ich glaube, er vertreibt nur direkt…

  4. Pega Mund schreibt:

    sehr spannende sache! 👍

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