Phasenwechsel

Þórdís Helgadóttir wird mit dem Jón-úr-Vör-Poesiestab geehrt

Das Dorf – Jón úr Vörs poetischer Zyklus in einer Reykjavíker Buchhandlung – Foto © Wolfgang Schiffer

Einmal im Jahr verleiht Island einer Autorin, einem Autor den Jón-úr-Vör-Poesiestab für ein herausragendes Gedicht.

Der Jón-úr-Vör-Poesiestab ist ein angesehener Preis für Lyrik, benannt nach dem bekannten Bibliothekar und Dichter (u. a. der 1946 erschienenen Gedichtsammlung „Das Dorf“) Jón Jónsson alias Jón úr Vör (1917 – 2000).

In diesem Jahr wurde die Ehre Þórdís Helgadóttir für ihr Gedicht Fasaskipti / Phasenwechsel zuteil.

 

FASASKIPTI

Ég elska börnin mín og börnin sem börnin mín

Elska og börnin sem elska börnin mín.

Þau keyra kuldaskó í gegnum ísinn þegar

Tjörnina hefur lagt. Þau elska að beita afli.

Brjóta flísar úr ísingunni og halda þeim upp að

Andlitinu. Ég sé þau út um gluggann, saltsleikt

Auga hússins. Þau sjá mig gegnum tært gler.

Ljósgul skíma og svo dimmir. Þannig er tíminn

Skorinn í sneiðar, hvítar og svartar, skiptingin

Ekki bróðurleg frekar en á öðrum gæðum.

Frostið herðir á aðgreiningunni milli heima

Og breytir lygum í sannindi. Gerir göngubrú úr

Svokölluðu yfirborði vatnsins. Ef falskir botnar fela

Eitur eða fjársjóði, hvað felur þá falskt yfirborð?

Börnin en ekki ég treysta gljúpri himnunni

Yfir handanheiminum þar sem andardrátturinn

Rennur í öfuga átt. Enda er stutt síðan þau komu

Í gegn, önduðu hringöndun meðan þau drukku,

Fljótandi fæði úr sykurbrjósti. Þau bíta í rendurnar

Bryðja glerbrjóstsykur, stolt af styrk sínum.

Í barnatennur vantar taugarnar fyrir tannkul.

Það blómstrar ætiþistill í eldhúsglugganum.

Enginn elskar veturinn eins og börnin mín.

Das Übersetzer-Duo Gíslason/Schiffer hat den Text ins Deutsche übersetzt; das Forum für autonome Poesie Signaturen hat ihn als Gedicht der Woche veröffentlicht. Nach den hier gezeigten ersten Zeilen ist die vollständige Übersetzung zu lesen unter dem Link Þórdís Helgadóttir Phasenwechsel.

 

PHASENWECHSEL

Ich liebe meine Kinder und die Kinder die von meinen Kindern

Geliebt sind und die Kinder die meine Kinder lieben.

Sie attackieren mit den Winterschuhen das Eis, sobald

Der Teich zugefroren ist. Sie lieben es, ihre Kraft spielen zu lassen.

Brechen Splitter aus der Eisdecke und halten sie sich vors

Gesicht. Ich sehe sie vom Fenster aus, dem salzgeleckten

Auge des Hauses. Sie sehen mich durch klares Glas.

Þórdís Helgadóttir, geboren 1981 in Reykjavík, studierte Philosophie, Schreiben und Redigieren an der Universität von Island, der Rutgers University in New Jersey und der Universität von Bologna. Neben ihrer Tätigkeit als Texterin und Ideengeberin in einer Werbeagentur veröffentlichte sie u. a. Kurzgeschichten, Gedichte und Essays in verschiedenen Literaturzeitschriften sowie Theaterstücke, die im Stadttheater von Reykjavík aufgeführt wurden. Von 2019 bis 2020 hatte sie hier zudem die Position einer „Dramatikerin in Residence“ inne. Neben anderen Veröffentlichungen erschien 2018 im Verlag Bjartur die Kurzgeschichten-Sammlung Keisaramörgæsir / Kaiserpinguine.

Þórdís Helgadóttir ist Mitglied des Schriftstellerinnenkollektivs Svikaskáld / Betrügerische Dichterinnen.

Þórdís Helgadóttir – Foto © Dirk Skiba

Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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2 Antworten zu Phasenwechsel

  1. finbarsgift schreibt:

    Ein feines Poem, lieber Wolfgang. Danke fürs Übersetzen und Präsentieren!
    Herzliche Grüße vom Lu

  2. Pega Mund schreibt:

    „das salzgeleckte auge des hauses“ – wow, finde i wunderbar!

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