stationen und verbleibende stationen

Poetische Vexierspiele der Isländerin Ásta Fanney Sigurðardóttir

Island: Flüsse und Seen – Foto © Wolfgang SchifferMy beautiful picture

Mit mehreren Beispielen der darin vertretenen Autorinnen und Autoren habe ich das Island-Kapitel des mit der Nummer 280 aktuellen Bandes der Literaturzeitschrift die horen, das licht ein platzfreches kind, hier in den letzten Wochen bereits ausführlicher vorgestellt, nur eine Autorin fehlte dabei bislang:  das große Multitalent Ásta Fanney Sigurðardóttir.

Ásta Fanney Sigurðardóttir schreibt nicht nur, sie ist auch künstlerisch tätig, ist als Performerin unterwegs und hat eine eigene Musikband.

In der horen-Ausgabe ist sie mit vier, teils längeren Gedichten vertreten, von denen eins hier auch als erstes vorgestellt werden soll.

[WAGEN A]

stationen und verbleibende stationen

(einige orte sind die gleichen orte nur anders)

der bezug der sitze – eine sammlung ungesagter worte

oder ein dschungel der vergesslichkeit

sacht

berühren wir es

das kurzgeschnittene fell

samt unter den fingerspitzen

ein tier dem man sich mit vorsicht nähern muss

ein scheues pferd mit schaumigem maul

                        von dort

                        viele kleine quellen

                        viele lange schmale seen

                        jahresringe und dünungswellen

                        teiche

                       

                        ((der nackenteich ist ein auge))

Der Gedichtband Eilífðarnón / Ewig währender Nachmittag, dem die vier Texte für die Literaturzeitschrift die horen entnommen sind, hat uns, das Übersetzer-Duo Gíslason/Schiffer, bei näherer Beschäftigung alsdann nicht mehr losgelassen. Oszillierend zwischen nordischer Mythologie und Märchen, Popkultur und Fantasy nimmt diese im Original 2019 im isländischen Verlag Partus erschienene Lyrik-Sammlung einen mit auf eine Art Traumreise, eine Reise zwischen Schlaf und Wachen, die auch den Albtraum nicht scheut. Wie auf einer Schatzkarte folgt man in ihr den Wegen des lyrischen Ichs in die ersehnte Freiheit, wird aufgefordert, alle Sicherheiten über Bord zu werfen, mitzuentscheiden, welche Richtung eingeschlagen werden soll auf der Suche nach der Unterscheidung zwischen Wahrheit und Illusion. Wenn es denn die Möglichkeit zu einer solchen Unterscheidung gibt …

Was entsteht, ist ein ureigener Kosmos, ein Weltall, geschaffen aus Gedichten. Und wir, die Leserinnen und Leser, sind eingeladen, hierin unsere ganz individuelle Umlaufbahn zu finden.

Nun, das klingt natürlich ein wenig übertrieben, aber wir waren immerhin derart fasziniert, dass wir uns entschieden haben, den Band komplett zu übersetzen. Und zu unserer großen Freude konnten wir den für seine Veröffentlichungen isländischer Lyrik inzwischen nicht mehr wegzudenkenden ELIF Verlag schon mit einigen  ersten Ergebnissen überzeugen, den Gedichtband in einer zweisprachigen Ausgabe zu veröffentlichen.

Wir sind froh, dass dies erst im nächsten Jahr der Fall sein wird, denn bis wir eine veröffentlichungswürdige deutschsprachige Fassung dieses fantasiereichen, vielschichtigen „Stücks“ Poesie haben werden, ist es noch ein recht langer Weg …

Gerne zeigen wir hier aber bereits ein weiteres Beispiel:

[DAS ZWEITE FENSTER]

            (ein berg nebligblau und braune hänge voller frischem Moos)

unter dem himmel stehen 3 eimer

            dieser eimer enthält sand
            dieser eimer enthält regen
            dieser eimer enthält scham und schuld und schande

                                                           und licht und tränen

            und ein trübes licht und ein pfad auf dem berg in einer alten uhr

            zeichnen fälligkeitsdaten

            und variationen der natur und ein boot ist eine brücke

            die kommt und geht und kommt und geht

und kam und ging und kam und ging

            wir schlürften mineralwasser bei offenem fenster in der limerickstube

            ein gespenst und ich beim bodenwischen beim wörterspiel bis tief in die nacht

Ásta Fanney Sigurðardóttir, geb. 1987, studierte Kunst an der isländischen Akademie der Künste; sie lebt in Reykjavík als Künstlerin und Schriftstellerin mit zahlreichen Auftritten, auch als Autorin visueller Poesie, bei nationalen und internationalen Festivals. 2017 wurde sie für eine Auswahl bis dahin unveröffentlichter Gedichte mit dem Poesie-Stab Jón úr Vör, benannt nach dem gleichnamigen isländischen Bibliothekar und Dichter (1917 – 2000), ausgezeichnet. In Buchform veröffentlichte sie u. a.: Herra Hjúkket, Gedichte, Reykjavík: Partus 2012; Kaos Lexicon. Kunstbuch, Reykjavík 2017, Eilífðarnón, Gedichte, Reykjavík: Partus 2019. Die Publikation dieses Gedichtbands im ELIF Verlag unter dem Titel Ewig währender Nachmittag wird die erste Übertragung eines vollständigen Werks der Autorin ins Deutsche sein.

Ásta Fanney Sigurðardóttir ­– Foto © Saga Sig

Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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