Das Gesicht auf dem Tisch

Eine Erzählung aus Island von Páll Kristinn Pálsson

Der Grashügel Þúfa der Künstlerin Ólöf Nordal im alten Hafen von Reykjavík – Foto: © Wolfgang Schiffer

In den vergangenen Wochen habe in meinen Wortspielen bereits einige Gedichte von isländischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die in dem Kapitel das licht ein platzfreches kind im zuletzt erschienen Band 280 der Literaturzeitschrift die horen vertreten sind, vorgestellt; den Abschluss dazu wird demnächst das Multitalent Ásta Fanney Sigurðardóttir bilden, deren Gedichtband Eilífðarnón / Ewig währender Nachmittag Jón Thor Gíslason und ich derzeit für den ELIF Verlag übersetzen; heute aber soll zunächst noch ein Prosa-Stimme zu hören sein, der geradezu klassisch erzählende Schriftsteller, Journalist und Drehbuchautor Páll Kristinn Pálsson.

Das Gesicht auf dem Tisch heißt die Erzählung, die wir von ihm für den horen-Band ausgewählt haben; sie erzählt von einer winterlichen Erscheinung mitten im Alltag, und doch von einem Phänomen, das in der Vorstellungswelt des Betrachters von einer übersinnlichen Kraft herzurühren scheint … Eine kurze Passage daraus sei zitiert:

Es war spät im November, als es einen Schneefall in der Art gab, wie ihn sich die meisten von uns beim Aufwachen am Morgen des Heiligabends wünschen: Großkristallener Weihnachtsschnee, der sehr langsam, aber dicht zur Erde fällt, sich sanft auf die Dächer legt, auf die Zweige, die Zäune, die Autos … und uns das Licht in die dunkelste Zeit des Jahres bringt, was uns wiederum hilft, den Glauben daran zu bewahren, dass eines schönen Tages der Sommer zurückkehren wird.

   Am Abend nach dem Abwasch ging ich wie immer geschwind mit dem Müll raus und um noch eine weitere Zigarette zu rauchen. Da hatte es kurz zuvor aufgehört zu schneien, alle Wolken hatten sich verzogen, die Luft stand völlig still und das tiefblaue Himmelsgewölbe schmückte sich mit ungewöhnlich vielen silberbleichen Sternen und einem gelben, schartigen Mond.

   Mir fiel auf, dass die dicke weiße Decke im Garten noch völlig unberührt war – nicht mal eine Spur von einem Vogel oder einer Katze war zu sehen –, und ich kam mir ein bisschen so vor, als würde ich Sabotage begehen, als ich den Deckel von der Mülltonne anhob und der majestätische Schneehut einstürzte.

Was sich weiter ergibt im Garten des Betrachters und ihn und seine Familie in Verwirrung stürzt, erfährt die interessierte Leserschaft im Band allen Winden offen der Literaturzeitschrift die horen mit dem den gesamten Inhalt der 270 Seiten skizzierenden Untertitel Janis Joplin & Jimi Hendrix – Island –Pestilenzen, heausgegeben von Andreas Erb und Christof Hamann.

Páll Kristinn Pálsson, geb.1956 in Reykjavík, wo er auch heute als Schriftsteller, Journalist und Drehbuchautor für TV-Spiel- und Dokumentarfilme lebt, hat seit der Publikation seines ersten Romans, Hallærisplanið, im Jahr 1982 mehrere Erzählungsbände, Sachbücher und Romane veröffentlicht, zuletzt den Roman Ósk, Reykjavík 2016. Der in der Literaturzeitschrift die horen 280 veröffentlichte und hier auszugsweise zitierte Text ist dem Erzählungsband Það sem þú vilt, Reykjavík 2006, entnommen.

Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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