Das innere Wesen

Die Isländerin Arndís Þórarinsdóttir schreibt ihren ersten Gedichtband …

Island – Foto © Wolfgang Schiffer

… und wird mit ihm sogleich für den Isländischen Literaturpreis nominiert. So ganz neu ist dies für die 1982 geborene, in Reykjavík lebende Autorin nicht, denn mit ihrem Kinderbuch Nærbuxnanjósnararnir / Die Unterwäschespione war sie dies in der Kategorie Kinder und junge Erwachsene bereits einmal 2019. Und in dieser Kategorie gibt es auch in diesem Jahr erneut eine Nominierung, gemeinsam mit Hulda Sigrún Bjarnadóttir, für das Buch Blokkin á heimsenda  / Der Wohnblock am Ende der Welt; zugleich aber auch in der Kategorie Fiktion – und dies, in Konkurrenz zu vier weiteren nominierten Autorinnen und Autoren, mit ihrem ersten Gedichtband.

Innræti / Das innere Wesen heißt er; allein schon der Titel hat Jón Thor Gíslason und mich neugierig gemacht, sodass wir sofort begonnen haben, einige Gedichte des Bandes zu übersetzen.

In dem Online-Literatur Magazin Signaturen sind sie nun erschienen und unter den später angegebenen Links nachzulesen – mit einem ersten Beispiel will ich hier jedoch schon mal einstimmen auf die Lektüre:

 

EINE ANDERE

Es fing an als die Gesichtserkennungssoftware des Laptops

mich nicht mehr erkennen konnte

 

Mal bat sie mich mal näher ran an den Bildschirm zu gehen

mal weiter weg

blinkte irritiert

und teilte mir schließlich mit

dass ich ihr völlig

unbekannt sei

 

Ich habe befürchtet dass es so enden würde

 

Ich kaufte mir Creme

Augencreme

Tagescreme

Nachtcreme

Verjüngungscreme

Aber der Sensor blieb dabei

und das rote Auge hielt weiter Ausschau nach seinem Besitzer

irgendwo hinter mir

 

Es war kurz darauf dass ich im Einkaufszentrum Kringlan das erste Paar Ohrringe

in meiner Manteltasche verschwinden ließ

 

Danach verführte ich den jungen Personal Trainer

in der Putzkammer

Er hatte Oberarme wie aus einem Märchen

und vergoss vor lauter Emotionen Tränen als ich mit ihn fertig war

 

Mittags in einer Arbeitssitzung bestellte ich drei Nachspeisen

während alle anderen eine Suppe nahmen

und die missbilligenden Blicke waren mir völlig egal

 

Die Cremesorten habe ich alle weggeworfen

 

Es übertrifft alle Erwartungen

nicht ich zu sein

 

Mehr zu lesen gibt es, wie gesagt, im Literaturmagazin Signaturen unter diesen Links:

Teil I – 22. Dezember 2020

Teil II – 23. Dezember 2020

Arndís Þórarinsdóttir, geb. 1982, hat einen BA-Abschluss in allgemeiner Literatur von der Universität Islands und einen MA-Abschluss in Schreiben vom Goldsmiths College London. 2005 veröffentlichte sie erstmals eine Kurzgeschichte in der Literaturzeitschrift Tímarit Mál og menning und schrieb regelmäßig für Zeitungen und Zeitschriften. Ihr erstes Buch war die Jugendgeschichte Játningar mjólkurfernuskálds / Geständnisse eines Milchtütendichters, die 2011 veröffentlicht und für den Nordischen Kinderbuchpreis nominiert wurde. In den letzten Jahren erschienen die beliebten Kinderbücher Nærbuxnaverksmiðjan / Die Unterwäschefabrik (2018), Nærbuxnanjósnararnir / Die Unterwäschespione (2019 – nominiert für den Isländischen Literaturpreis in der Kategorie Kinder und junge Erwachsene) und Nærbuxnavélmennið / Der Unterwäscheroboter (2020), Blokkin á heimsenda  / Der Wohnblock am Ende der Welt (zus. m. Hulda Sigrún Bjarnadóttir). Für ihre Lyrik erhielt sie Anerkennungen im Wettbewerb um den Poesiestab Jón úr Vör 2016 und 2019. Innræti / Das innere Wesen ist ihr erster Gedichtband. Mit ihm ist die Autorin für den Isländischen Literaturpreis 2020 in der Kategorie Fiktion nominiert. Sie lebt in Reykjavík.

Arndís Þórarinsdóttir – Foto © Studio Gassi

Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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3 Antworten zu Das innere Wesen

  1. Pega Mund schreibt:

    ja, lieber wolfgang, auf signaturen hatte ich die texte schon gelesen und war sofort ganz begeistert. eine starke, eigene stimme, scheint mir …
    liebe grüße,
    pega

  2. Alraune schreibt:

    Toller Text.

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