Zur Verteidigung der Dichtkunst

Neue, in Island noch unveröffentlichte Gedichte von Ragnar Helgi Ólafsson

Ragnar Helgi Ólafsson – Foto © Lilja Birgisdóttir

Als ich von der Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik die horen im Frühjahr dieses Jahres die Möglichkeit erhielt, für den jetzt erschienenen Winterband 280 einen kleinen Schwerpunkt mit isländischer Literatur, insbesondere mit Lyrik, zusammenzustellen, da war für mich sofort klar, dass ein Autor nicht fehlen durfte: Ragnar Helgi Ólafsson.

Schließlich hatte ich bereits am Beispiel der beiden Bücher von ihm, die Jón Thor Gíslason und ich für den ELIF Verlag übersetzt haben, den Gedichtband Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können (2017) und die Erzählungen Handbuch des Erinnerns und Vergessens (2020), erfahren können, dass die Leserschaft hierzulande ihn schätzt und gerne Neues von ihm kennenlernen würde.

Doch woher nehmen? Ein neuer Gedichtband, aus dem ich – wie bei den meisten anderen Autorinnen und Autoren geschehen, die im Island-Kapitel des neuen horen-Bandes vertreten sind –, etwas hätte auswählen können, lag nicht vor.

Ich wagte es, den Autor nach unveröffentlichten Gedichten zu fragen – und zu meiner großen Freude sagte er zu. Und so kommt es, dass der jetzige Island-Schwerpunkt das licht ein platzfreches kind mit der Weltpremiere einiger Gedichte des Schriftstellers aufwarten kann – allerdings nur in ihrer Übertragung ins Deutsche.

Hier will ich nun ein Beispiel zeigen, das schon im Titel an einen scharfzüngigen Essay erinnert, den der Dichter und spätere Verlagslektor Sigfús Daðason (1928 – 1996) im Jahr 1952 schrieb, als es darum ging, die Neuerer der isländischen Dichtkunst, die sogenannten Atomdichter, gegen die Angriffe der Traditionalisten zu verteidigen. Dieser wäre bei Interesse (in der Übersetzung von Karl-Ludwig Wetzig) nachzulesen im horen-Band 242 Bei betagten Schiffen – Islands Atomdichter. Doch nun Ragnar Helgi Ólafsson:

Zur Verteidigung der Dichtkunst

Oder: Ars Poetica (betont durch Unterstreichung)

Oder: „Bitte nach dem Lesen verbrennen“

 

Ich bete zu Gott, dass die Menschen die Mauer des Schweigens respektieren,

die die Dichtkunst umgeben hat, dass sie Gedichten weiterhin weder

Ehrfurcht zollen noch sie verspotten; dass die Menschen sie weder

verabscheuen noch verherrlichen.

Beides beinhaltet Aufmerksamkeit und ist von daher unerträglich.

 

 

Ich stelle keine Ansprüche an irgendetwas.

Ich habe damit aufgehört, Ansprüche zu stellen.

Aber ich bitte Euch: Tut so, als sei das Gedicht nicht da.

 

 

Anderenfalls werden die Folgen unvermeidlich sein:

Eines Morgens werden wir aufwachen und sehen, dass irgendwer

ungewollt, im Schutz der Nacht, das Gedicht ins Spektrum der Coolness

gesetzt hat. Dann nutzt kein Bedauern mehr. Dann werden wir zusehen müssen,

wie unsere letzte Zuflucht dem Feuer zum Opfer fällt.

Dann zerbricht mein Herz.

 

 

Arbeiterinnen, Politiker, Scherzbolde, Zahnärzte,

Künstler, Menschen: Macht Euch nicht lustig

über die Dichtkunst, bewundert sie nicht,

sprecht nicht über sie. Ich bitte euch:

Bleibt dabei, sie zu vergessen.

 

Ich bitte euch: Bleibt dabei, sie zu vergessen.

 

Ragnar Helgi Ólafsson, geb. 1971 in Reykjavík, studierte an der Universität von Island Philosophie, Filmregie an der New York Film Academy und Kunst in Aix en Provence; er lebt als Grafikdesigner, bildender Künstler, Musiker, Verleger und Schriftsteller in Reykjavík. Für seinen 2015 erschienenen Gedichtband Til hughreystingar þeim sem finna sig ekki í samtíma sínum (Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können, ELIF VERLAG 2017) wurde er mit dem Tómas-Guðmundsson-Poesie-Preis ausgezeichnet, für seine zwei Jahre später publizierte Story-Sammlung Handbók um minni og gleymsku (Handbuch des Erinnerns und Vergessens, ELIF VERLAG 2020) wurde er ebenso für den Isländischen Literaturpreis nominiert wie für sein Sachbuch Bókasafn föður míns (Die Bibliothek meines Vaters, 2018). Letzte Buchpublikation (in isländischer Sprache): Tveir leikþættir, Bühnenstücke, Reykjavík 2019.

PS: Am 7. Dezember dieses Jahres veranstaltete die Botschaft von Island online einen Isländischen Literaturabend, zu dem auch Ragnar Helgi Ólafsson eingeladen war. Das Gespräch, das er hierbei mit dem Literaturkritiker Thomas Böhm zu seinem literarischen  Arbeiten allgemein und insbesondere zu dem Erzählungsband Handbuch des Erinnerns und Vergessens führte, steht online hier zum Nachsehen und -hören zur Verfügung.

 

Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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