Familienleben auf der Erde

In Island ist ein neuer Gedichtband von Dagur Hjartarson erschienen

Island. Sonne. Foto: Wolfgang Schiffer

In meinen „Wortspielen“ vorgestellt habe ich den 1986 geborenen isländischen Schriftsteller Dagur Hjartarson kurz bereits einmal Ende August dieses Jahres, mit dem von Jón Thor Gíslason und mir übersetzten Gedicht Herbsttief, damals auch verbunden mit einer Vorankündigung auf ein Island-Kapitel in einer kommenden Ausgabe der Literaturzeitschrift die horen. Diese Ausgabe, die Nr. 280, mit dem einladenden Titel allen Winden offen und dem darin enthaltenden 60-seitigen Abschnitt zu isländischer Literatur ist nun erschienen; das licht ein platzfreches kind, wie er nach einem Zitat aus einem darin enthaltenen Gedicht genannt ist, enthält Lyrik und Kurzprosa von insgesamt zehn Autorinnen und Autoren, darunter eben auch von Dagur Hjartarson.

Entnommen sind die insgesamt acht dort gezeigten Gedichte seinem 2017 erschienenen Gedichtband Heilaskurðaðgerðin / Die Gehirnoperation. Zum Redaktionsschluss des Island-Kapitels leider noch nicht erhältlich war seinerzeit sein neuester Gedichtband: Fjölskyldulíf á jörðinni / Familienleben auf der Erde, sodass diese neue Phase seines lyrischen Schaffens dort noch nicht eingehen konnte.

Umso mehr freue ich mich, dass das Signaturen-Magazin, dieses von mir sehr geschätzte Online-Literatur-Feuilleton, nach Lektüre von einigen beispielhaft übersetzten Texten daraus sofort zugesagt und drei Gedichte in seiner Rubrik Lyrik heute veröffentlicht hat. Von einem davon möchte ich hier die ersten Zeilen zitieren; dieses vollständig zu lesen sowie zwei weitere sind auf dieser Seite des Signaturen-Magazins.

der spielplatz

ich lese einen bericht über das sechste sterben

während meine tochter die stufen zur rutsche hinaufklettert

nun sterben insektenarten aus

acht mal schneller

als säugetiere und vögel

ich gelange zu einem kurzen artikel über spinnen

die bald verschwinden werden

da fällt mir wieder ein dass meine tochter

in der nacht erschrocken aufgewacht ist

die hände tastend in die Luft gereckt

so als habe sich der fallschirm der sich zwischen den stufen des bewusstseins öffnet

verhakt

während ich ihr zur beruhigung über den rücken streichelte

brachte sie schluchzend die wörter zusammen

spinne motorrad

spinne motorrad

wörter die im halbschlaf aus ihr hervorquollen

ein absurdes zweidimensionales bild von einem albtraum

das nun mit einer nachricht

über das sechste sterben zusammenfließt

Dagur Hjartarson, geb. 1986 in Fáskrúðsfjörður an der Ostküste Islands, lebt in Reykjavík. Für seinen ersten Gedichtband 2012 wurde er mit dem Tómas-Guðmundsson-Poesie-Preis ausgezeichnet, 2016 wurde ihm der Jón-úr-Vör-Poesiestab zuerkannt. Letzte Buchpublikationen (in isländischer Sprache) u. a.: Heilaskurðaðgerðin. Gedichte. Reykjavík: JPV Útgáfa 2017; Við erum ekki morðingjar. Roman. Reykjavík: JPV Útgáfa 2019, Fjölskyldulíf á jörðinni. Gedichte. Reykjavík: JPV Útgáfa 2020.  

Dagur Hjartarson

Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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5 Antworten zu Familienleben auf der Erde

  1. wolkenbeobachterin schreibt:

    der fallschirm der sich zwischen den stufen des bewusstseins öffnet
    — interessantes bild.

    danke fürs posten, lieber wolfgang.

  2. marinabuettner schreibt:

    Das Coverbild von Familienleben ist auch ganz wunderbar!

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