Die Herbstfarbensinfonie

Ein Gedicht von Sigurður Pálsson

Herbst

In dem Gedichtband Gedichte erinnern eine Stimme, der 2019 im ELIF Verlag erschien und zu den 10 Titeln der Hotlist 2019 zählte, dem Wettbewerb um die herausragendsten Bücher aus unabhängigen Verlagen, schrieb der isländische Autor Sigurður Pálsson (1948 – 2017) auch ein Gedicht zur jetzigen Jahreszeit. Und natürlich ist das, was er den Herbst hierin den Farben befehlen lässt, auch auf ihn selbst bezogen: Er schrieb auch dieses Gedicht des Bandes im Wissen um seinen baldigen Tod.

Die Herbstfarbensinfonie

Jetzt ist er da

der ewige Herbst

Alles wird still

Nicht eine Farbe

entkommt der Veränderung

Der Herbst holt sie ein

ob es ihnen gefällt

oder nicht

Verändert sie verwandelt sie

die guten aufrichtigen Farben

Und der Herbst befiehlt ihnen

das Heulen einzustellen

befiehlt ihnen mit harter Hand

ihre Aufgabe zu erfüllen

ihre vornehme Aufgabe:

Dem Vergänglichen eine Prachtode zu singen

Dem Vergangenen eine Ode des Nachrufs

Dem Kommenden eine Ode der Freude

Haustlitasinfónían

Nú er það komið

haustið eilífa

Allt kyrrist

Engir litir

komast hjá því að breytast

Haustið eltir þá uppi

hvort sem þeim líkar

betur eða verr

Breytir þeim umbreytir þeim

blessuðum einlægu litunum

Og haustið skipar þeim

að hætta að væla

skipar þeim harðri hendi

að gegna hlutverki sínu

göfugu hlutverki sínu:

Að syngja hinu hverfula dýrðaróð

Syngja hinu horfna saknaðaróð

Syngja hinu ókomna fagnaðaróð

Sigurður Pálsson, geboren 1948 in Skinnastaður im Norden Islands, studierte französische Sprache und Literatur in Toulouse und an der Sorbonne sowie Theaterwissenschaften und Filmregie am Conservatoire Libre du Cinéma Français in Paris. Nach seiner Rückkehr nach Island war er als Dozent an der dortigen Universität und an Kunstakademien, Theater- und Schauspielschulen tätig, arbeitete als Journalist und bei Film und Fernsehen. Vor allem aber veröffentlichte er seit seinem 1975 erschienenen lyrischen Debüt Ljóð vega salt (in etwa: Gedichte in der Waage) fünfzehn weitere Gedichtbände, drei Romane, drei Erinnerungsbände, mehrere Theaterstücke, Opernlibretti, Fernseh- und Radiomanuskripte sowie Übersetzungen, insbesondere aus dem Französischen, darunter von Schriftstellern wie Fernando Arrabal, Jean Genet, Jacques Prévert, Paul Éluard, Albert Camus und Patrick Modiano. Für seine Veröffentlichungen erhielt er zahlreiche literarische Ehrungen und Auszeichnungen, u. a. in 2007 den Isländischen Literaturpreis und ein Jahr später die Auszeichnung Chevalier de l´Ordre du Mérite für seinen Beitrag zur Verbreitung französischer Kultur in Island. Für seine Verdienste um die isländische Literatur und Kultur wurde er 2017 zum Ritter des Isländischen Falkenordens ernannt.

Sigurður Pálsson starb am 19. September 2017 in Reykjavík. Wenige Monate zuvor noch war ihm für seinen letzten Gedichtband Ljóð muna rödd / Gedichte erinnern eine Stimme der vom isländischen Schriftstellerverband und der isländischen Nationalbibliothek erstmals verliehene Poesiepreis Maistern verliehen worden; postum wurde der Dichter mit Ljóð muna rödd / Gedichte erinnern eine Stimme für den Literaturpreis des Nordischen Rates 2018 nominiert.

Sigurður Pálsson – Foto: Jóhann Pall Valdimarsson

Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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