Dichtung von der Insel aus Eis und Feuer (57)

Meine Reise durch die isländische Poesie

Reykjavík bei einbrechender Nacht Foto: Wolfgang Schiffer

Vor ein paar Monaten, als 53. Station meiner Reise durch die isländische Poesie, habe ich Jónas Reynir Gunnarsson hier mit einem ersten Gedicht aus seinem Band Þvottadagur / Waschtag  vorstellen können – heute folgt, erneut dank des wunderbaren Literaturportals Fixpoetry – wir reden über Literatur, dem wiederum die Erstveröffentlichung der Übertragung von Jón Thor Gíslason und mir zusteht, ein weiterer Text des für diesen Lyrikband mit dem Maistern, einem der wichtigsten Poesie-Preise Islands, ausgezeichneten isländischen Schriftstellers.

der nachthimmel ist eine schwarze wolldecke
er ist das dach der welt

beim waschen lösen sich die fäden voneinander
und die welt dehnt sich aus

entfernungen verlängern sich
der leere raum wird größer
der abstand zwischen wörtern und bedeutungen nimmt zu
bis der zusammenhang zerreißt

wenn das leben
aufhört zu existieren
wird eine neue art von tod geboren

ein tod ohne bezug zum leben
ein tod der allein er selbst ist



næturhiminninn er svart ullarteppi
það er þakið á veröldinni
 
í þvottinum losna þræðirnir í sundur
og heimurinn þenst út
 
fjarlægðir lengjast
auðá rýmið stækkar
bilið milli orða og merkingar eykst
þar til samhengið slitnar
 
þegar líf
hættir að vera til
fæðist ný tegund af dauðanum
 
dauði sem tengist ekki lífinu
dauði sem er eingöngu hann sjálfur
 

Jónas Reynir Gunnarsson, geboren 1987, wuchs in Fellabær im Nordosten Islands auf und erhielt einen MA in Creative Writing an der Universität von Island in Reykjavík. Er veröffentlichte u. a. die Romane Millilending (Zwischenlandung), 2017, Krossfiskar (Seesterne), 2018 und Dauði Skógar (Tote Wälder), 2020. Seine ersten beiden Gedichtbände waren Leiðarvísir um þorp (Gebrauchsanweisung für ein Dorf), 2017, und Stór olíuskip (Große Öltanker), ebenfalls 2017; für Letzteren gewann er 2017 den angesehenen Tómas Guðmundsson Poesie Preis. Sein jüngster Gedichtband, Þvottadagur (Waschtag) wurde 2020 mit dem Maistern ausgezeichnet, einem der wichtigsten Preise für Poesie in Island.


Ersterschienen ist die hier zitierte Übertragung des Gedichts von Jónas Reynir Gunnarsson, wie gesagt, bei Fixpoetry – wir reden über Literatur. Wer es im dortigen Layout nachlesen möchte, findet hier zu der entsprechenden Seite dieses so engagierten Literaturportals.

Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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7 Antworten zu Dichtung von der Insel aus Eis und Feuer (57)

  1. finbarsgift schreibt:

    Schönes Nachthimmelpoem 🤗
    Herzliche Grüße vom Lu

  2. marinabuettner schreibt:

    Wolfgang, erscheint denn ein kompletter Gedichtband auf Deutsch?

    • Wolfgang Schiffer schreibt:

      Liebe Marina, da gibt es leider noch keine festen Pläne … Es gibt da ja einen Verlag, den ich sehr schätze, aber kann ja nicht nur Isländer*innen machen: 3 weitere sind da noch in der sogenannten Pipeline…

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