Bodensee

Der neue Roman von Dietmar Sous

Schon die ersten Seiten des neuen Romans von Dietmar Sous bringen mir diesen ganz nah.

Es ist der 1. Januar 1962; der Ich-Erzähler Matthias, 15 Jahre alt, erklärt seinem über Mohammedaner und Mutationen im Atomzeitalter schwadronierenden Vater, dass das Wort Mutation aus dem Lateinischen komme, und wird postwendend als Maulheld und Wichtigtuer abgekanzelt.

Wer verdient denn hier das Geld? Der blöde Arbeiter oder der Herr Gymnasiast mit seinem ausgestorbenen Latein, das kein Mensch braucht?

Diese Sätze hätte auch mein Vater sagen können, Arbeiter wie Matthias´ Vater, der es auch nach fünf Jahren noch nicht verwunden hat, dass Leni, Matthias´ lebenslustige und auf Unabhängigkeit bedachte Mutter, ihren Sohn gegen den Willen ihres Mannes seinerzeit zur Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium angemeldet hat. Denn wie auch in meiner Biografie ist dem Sohn aus Sicht des Erzeugers nach Abschluss der Volksschule eine Lehre bei der Spar-  und Darlehenskasse zugedacht gewesen, womöglich sogar später einmal ein Job bei der Stadtverwaltung. Nur ist meinem Vater gegen seine Frau nie „die Hand ausgerutscht“, wie es in Bodensee nicht nur einmal der Fall ist, mit Folgen für den Ausgang des familiären Zusammenseins.

Bis es zu diesen kommt, hat Matthias jedoch noch manch andere Krisen zu bewältigen. In der Schule muss er sich nicht nur der besonderen Aufmerksamkeit des Lehrers Jenniges erwehren, mehr noch gilt es, seinen Mitschüler Havenstein auf Distanz zu halten, der ihn mit Pornobildern und aufdringlicher Zuneigung überschüttet. Auch läuft es mit Christel, der zwei Jahre älteren Tochter der Nachbarn Grete und Jupp nicht immer rund. Für ein paar Mark lässt sie ihn, vorausgesetzt er hat warme Pfoten, schon mal ihre Brüste betatschen und macht es ihm mit der Hand (zur Schonung von Sofa und Teppich) in einen Suppenteller, für mehr Geld später auch mehr, doch dann verlobt sie sich mit einem Soldaten, der zum großen Ärger ihres Vaters noch dazu Westfale ist, – ein Unding für den leidenschaftlichen Anhänger des zukünftigen Deutschen Meisters 1. FC Köln. Jetzt ist Matthias zur sexuellen Enthaltsamkeit verdammt; jedenfalls so lange bis er für den Nachbarn Holtschmidt, der meistens eine Aktentasche bei sich und sonst vorwiegend Beige trägt, ein Päckchen annimmt, dessen Inhalt sich als eine Gummipuppe erweist, Modell Peggy Sue, und umgehend als nie zugestellt in seinen Besitz übergeht. Vor allem jedoch muss Matthias so manchen Streit zwischen seinen Eltern schlichten; da geht nicht selten etwas zu Bruch, sogar das erste Fernsehgerät muss schon bald nach seiner Anschaffung daran glauben.

Schließlich erhält seine Mutter die Einladung, zu ihrem Bruder an den Bodensee zu kommen. Der betreibt dort mit seiner Frau ein florierendes Modegeschäft und war immer schon der Meinung, dass seine Schwester sich von ihrem Mann, dem Primitivling, trennen solle. Und auch wenn Leni ihrem Mann immer wieder die „blauen Augen“, die er ihr versetzt, verzeiht, so träumt sie doch auch von einem besseren Leben. Jedenfalls nimmt sie – für eine Weile – die Einladung an. Und Matthias begleitet sie. Und trifft hier auf Eva, Eva aus Hamborn …

Nur etwa 150 Seiten umfasst der Roman Bodensee, dem ich gerne das Prädikat einer perfekten Tragikomödie verleihe. Es ist bewundernswert, mit welch literarischer Sicherheit Dietmar Sous hier für den Leser einen kleinen proletarischen Kosmos zu Beginn der 60er Jahre entstehen lässt – zwischen der ersten Deutschen Meisterschaft des FC Köln und der Kubakrise. Er versteht es, mit wenigen literarischen „Strichen“ überzeugende Charaktere zu schaffen, uns mit Tempo und Witz einen Ausschnitt aus ihren Lebensläufen vorzustellen und uns lachen zu machen ob so mancher unfreiwilliger Komik, die ihnen zu eigen ist. Zugleich erzählt er von ihnen, selbst da, wo sie sich ins Unrecht setzen, mit großer, liebevoller Wärme. Sein Roman Bodensee ist ein zutiefst menschliches Handauflegen auf eine Gruppe von Menschen, die, gefangen in den Bedingungen ihrer Herkunft und der Zeit, nicht wissen, wie sie es anders, besser machen könnten.  

Erschienen ist Bodensee im Verlag :TRANSIT in Berlin.

Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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2 Antworten zu Bodensee

  1. petraelsner schreibt:

    Macht neugierig. Danke dafür!

  2. Esther-Maria Roos schreibt:

    Gerade gestern sah ich in der Auslage eines Buchladens diesen Titel und irgendwie sprach er mich an, auch wenn ich nicht erkennen konnte, warum. Jetzt weiß ich mehr und sehe in deiner Rezension eine Empfehlung 😉

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