Das Mädchen an der Brücke

Der neueste auf Deutsch erschienene Kriminalroman von Arnaldur Indriðason

Island

Es ist schon bewundernswert, mit welch zuverlässiger Regelmäßigkeit der isländische Krimiautor Arnaldur Indriðason uns seit Jahren mit Lesestoff versorgt; so gut wie jedes Jahr erscheint in seinem Heimatland ein neuer Roman und nimmt bald seinen Weg in viele andere Sprachen.

Wer hier bereits häufiger Rezensionen zu Büchern des Autors gelesen hat, weiß, dass ich bekennender Fan seiner Krimis bin, sowohl seiner inzwischen abgeschlossenen Kommissar-Erlendur-Reihe wie der Flovént-Thorson-Reihe, seiner vereinzelten Thriller mit individuellen Protagonisten und nicht zuletzt der mit Schattenwege und Verborgen im Gletscher begonnenen Folge mit dem pensionierten Kommissar Konráð im Mittelpunkt.

Letztere ist mir womöglich, von gelegentlich kleineren Kritikpunkten abgesehen, bereits am meisten ans Herz gewachsen, entspricht doch der Charakter des verwitweten Ermittlers Konráð, die Energie und Hartnäckigkeit mit der er bei Aufklärung der ihm zumeist zufällig zuteilwerdenden Fälle noch den entferntesten Hinweisen nachgeht und die kleinste sich ihm auftuende Spur verfolgt, geradezu wesensgleich der Erzählhaltung des Autors: dem geruhsamen Fluss, in dem er eine Geschichte sich entwickeln lässt und wie bei einem Puzzle Teil für Teil vor dem Leser ausbreitet und schließlich zu einem kompletten Bild voller gesellschaftlicher Atmosphäre und genauer lokaler Färbung zusammenfügt. Wobei sich die Präzision der atmosphärischen und lokalen Verortung nicht allein auf das Heute bezieht; die Fälle, die Konráð beschäftigen, spielen stets auch in der Vergangenheit, verweisen auf zweifelhafte Vorkommnisse oder ungelöste Verbrechen, traumatisch überschattet von der Jahrzehnte zurückliegenden und nie aufgeklärten Ermordung seines Vaters, eines Kriminellen, der u. a. während der Kriegs- und Nachkriegszeit zusammen mit seinem als Medium fungierenden Kumpan Engilbert Trost suchende Menschen bei fragwürdigen Séancen betrog.

Bei Konráðs steter Suche, die Umstände um den Tod seines Vaters aufzudecken, nimmt es kein Wunder, dass auch der neue Roman Das Mädchen an der Brücke umfangreich auf diese Zeit eingeht, mehr jedoch noch spielt er in der Zeit der frühen sechziger Jahre und natürlich in der Gegenwart. In dieser bittet ein älteres Ehepaar, der Mann ein angesehener Steuerfachmann, die Frau, die mit Konráðs gestorbener Gattin Erna befreundet war, eine bekannte ehemalige Politikerin, den pensionierten Kommissar um Hilfe bei der Suche nach ihrer verschwundenen Enkeltochter. Danní, so der Name des Mädchens, sei in die Drogenszene abgerutscht, habe wohl sogar auch einmal als Drogenkurierin gearbeitet, doch um öffentliches Aufsehen zu vermeiden, wende man sich jetzt nicht an die Polizei, sondern bitte ihn, sich der Sache anzunehmen. Nur widerwillig erklärt Konráð sich dazu bereit, und es braucht auch nicht lange und er findet das Mädchen – tot in der zugemüllten Wohnung ihres Freundes Lassi, offensichtlich gestorben an einer Überdosis, noch mit der Nadel im Arm.

Und von Lassi keine Spur! Jetzt ist dies ein Fall für Marta, Konráðs Nachfolgerin in der Mordkommission.

Parallel hierzu bittet ihn Eygló, die Tochter des kurz nach der Ermordung von Konráðs Vater ebenfalls unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommenen Engilbert, sich des Falles eines 1961 im Tjörnin, dem Stadtteich Reykjavíks, ertrunkenen Mädchens namens Nanna aus der Barackensiedlung auf dem Skólavörðuholt anzunehmen. Ein Unfall, so hätten die seinerzeitigen Untersuchungen zu der von einem angehenden Dichter im Wasser entdeckten Leiche ergeben, doch Eygló hat daran Zweifel bekommen: Ihr, die offensichtlich die übersinnlichen Fähigkeiten ihres Vaters geerbt hat, sei das Mädchen nicht nur damals, zum Zeitpunkt ihres Todes, als sie selbst noch ein Kind war, erschienen, so erzählt sie, sondern jetzt erneut, auf der Suche nach ihrer Puppe, die mit ihr im Wasser des Teichs gefunden worden war. Für Eygló ein Hinweis darauf, dass das tote Mädchen keine Ruhe findet und die Puppe ein Geheimnis in sich bergen muss, das Auskunft über das tatsächliche Geschehen vor so vielen Jahren gibt.

Konráð glaubt nicht an Übernatürliches, aber er verspricht Eygló, sich die alten Akten noch einmal vorzunehmen, und je tiefer er in diese eindringt und in der Folge mit einigen der damals Beteiligten spricht, z. B. mit Nannas Stiefbruder Eymundur und Leifur, dem damals angehenden, doch erfolglos gebliebenen Poeten, der das ertrunkene Mädchen gefunden hatte, desto größer werden auch seine Bedenken gegenüber dem Ermittlungsbefund.

Im weiteren Verlauf der parallel geführten Ermittlungen, der offiziellen im Fall Dannís und der inoffiziellen im Fall Nannas, bei denen Marta und Konráð jedoch in stetem Kontakt und Austausch sind, verflechten sich die Ereignisse aus Vergangenheit und Gegenwart zunehmend enger miteinander. Das Ergebnis, dem der Autor in dreiundsechzig Puzzleteilchen ähnlichen kurzen Kapiteln zustrebt  und das hier natürlich nicht verraten wird – abgesehen von dem Hinweis, dass das Themenspektrum sich von Drogenkriminalität, Gewalt gegen Frauen, Machtmissbrauch bis hin zu sexuellem Missbrauch spannt und für Island typische Aspekte wie Spiritualismus und Genealogie bedenkt –, schockt selbst eine gestandene Kriminalistin wie die sonst so „coole“ Marta und bringt sie am Ende zu der Erkenntnis:

Das ist ein Scheißjob. Ein schlecht bezahlter, unerträglicher Scheißjob. Keine Ahnung, warum ich mir das antue. Warum bin ich bei dieser Scheißpolizei?

Mein Fazit: Eine bitterkalte Geschichte um das Böse im Menschen und der Schutzlosigkeit, der ihre Opfer, vor allem Mädchen und Frauen, ausgeliefert sind. Überaus lesenswert!

Erschienen ist Das Mädchen an der Brücke in der Übersetzung von Anika Wolff als Hardcover und eBook im Lübbe Verlag und bei LÜBBE AUDIO auch in gekürzter Fassung als Hörbuch, gelesen von Walter Kreye.

 

 

 

 

Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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