Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (55)

Meine Reise durch die isländische Poesie – diesmal zu Linda Vilhjálmsdóttir

Reykjavík / Island Blick über den fast menschenleeren Hügel Arnarhóll auf das Nationaltheater

Vor einigen Tagen habe ich hier ankündigen können, dass der Band 280 der Literaturzeitschrift die horen zu meiner großen Freude wieder einmal einen Schwerpunkt zur zeitgenössischen Literatur Islands, insbesondere zur Lyrik, enthalten wird.

Unter den Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die hierin vertreten sein werden, ist auch Linda Vilhjálmsdóttir, deren literarische Arbeit ich hier bereits mehrfach habe vorstellen können. Nach früheren Werken galt dies insbesondere dem Gedichtband frelsi / freiheit, mit dem die Autorin 2015 ihr mehrere Jahre währendes literarisches Schweigen beendete.

Dieser Gedichtzyklus erschien 2018 in einer isländisch-deutschen Edition im ELIF Verlag; noch im August dieses Jahres sagte darüber der Schweizer Literaturkritiker Nick Lüthi in seinem wöchentlichen Podcast auf BookGazette:

Die Gedichte der Isländerin Linda Vilhjálmsdóttir sind voller Wut. Eine Wut, die nach Veränderung sucht und in die Freiheit drängt. Voller Zynismus. Aber auch richtig gut.

Wer den Beitrag in Gänze hören möchte, findet ihn unter diesem Link.

Beinah mehr noch als über ein solches Urteil freue ich mich als Teil des Übersetzer-Duos Gíslason/Schiffer zur Zeit jedoch darüber, dass mit diesem Band die vermutete Schreibblockade der Autorin aufgehoben zu sein scheint. Für das kommende Frühjahr jedenfalls sieht der ELIF Verlag – erneut in einer zweisprachigen Edition – die Publikation ihres auf frelsi / freiheit folgenden Gedichtbandes an, smáa letrið / das kleingedruckte, ein Buch voller weiblicher Revolutionskantaten.

Ihr Beitrag im  horen-Schwerpunkt ist noch einmal aktueller. Noch vor der Publikation des Buches in Island im Sommer dieses Jahres durften wir einen umfangreicheren Auszug aus dem Manuskript von Linda Vilhjálmsdóttirs neuestem Lyrik-Zyklus übersetzen, einer poetischen Bestandsaufnahme des Lebens unter den Bedingungen der Corona-Krise: kyrralífsmyndir / stillleben.

Einige Verse daraus, durchaus als Anregung, sich für den im Spätherbst erscheinenden horen-Band 280 einen Knoten ins Taschenbuch zu machen (oder diese nicht nur von mir sehr geschätzte Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik gleich ganz zu abonnieren …), seien hier zitiert:

 

stillleben

1.
die quecksilbersäule
des fieberthermometers ist gebrochen

und nun bewegt sich das fieber
weder oberhalb noch unterhalb
der achtunddreißig grad
2.
ich ging die anhöhe hinauf
und von dort hinunter zum meer

traf einen herrn mittleren alters
der auf einem fahrrad im kreis
um die kirche fuhr

eine vornehme dame mit chirurgischer maske
nahe dem gesundheitsamt

und schlug an der Sæbraut einen großen bogen
um einen freundlichen alten Mann
mit stock

grüßte keinen
3.
ich lasse die augen
über die gänge zwischen den regalen gleiten
ausschau halten nach anderen menschen
in der lebensmittelabteilung des ladens

schieße sodann wie ein dieb
mit der einkaufsliste
zwischen den regalfächern umher
und schaufle die waren in meinen korb

die kassiererin und ich
schauen uns misstrauisch an
während wir in gedanken den abstand
zwischen uns messen

sie trägt blaue latexhandschuhe
ich weiße
4.
die raben lassen sich treiben
im sturm

und der austernfischer stolziert
soeben erst heimgekehrt die flutmarke entlang

weiter draußen am horizont
lässt sich ein küstenwachschiff erahnen

und auf dem gräulichen himmel
segeln islandblaue wolken

im sand sind fußspuren zu sehen
doch weit und breit kaum ein mensch

Leere Wege im Naherholungsgebiet Heiðmörk – Fotos © Wolfgang Schiffer

Zum Abschluss noch ein paar Zeilen zur Autorin und ein PS:

Linda Vilhjálmsdóttir wurde geb.1958 in Reykjavík / Island geboren, sie arbeitete für viele Jahre als Krankenpflegerin. Nach verschiedenen Veröffentlichungen in Zeitungen und Literaturzeitschriften erfolgte 1990 mit Bláþráður / Dünner Faden die Publikation ihres ersten Gedichtbands, dem bislang sieben weitere folgten. Früh erschienen auch diverse deutschsprachige Veröffentlichungen ihrer Lyrik, vor allem in der Literaturzeitschrift die horen, auf deren zukünftigen Beitrag hier hingewiesen ist, sowie 2011 die Übersetzung ihrer Gedichtbände Öll fallegu orðin / Alle schönen Worte und Frostfiðrildin / Frostschmetterlinge im Verlag Kleinheinrich und 2018 der Gedichtzyklus frelsi / freiheit im ELIF Verlag. Letzte Buchpublikationen (in isländischer Sprache) der mit vielen Preisen und Ehrungen ausgezeichneten Autorin: smáa letrið, Gedichte, Reykjavík 2018 (erscheint in deutscher Übertragung im Frühjahr 2021 unter dem Titel das kleingedruckte ebenfalls im ELIF VERLAG), kirralífsmyndir / stillleben, Gedichte, Reykjavík 2020. Letzterem ist mit freundlicher Genehmigung der Autorin ein Auszug im Band 280 der Literaturzeitschrift die horen vorgesehen; diesem ist das hier veröffentlichte Zitat entnommen.

PS: Bis zur Publikation des horen-Bandes 280 ist es noch ein wenig hin; wer sich zuvor einen Eindruck von der Literatur des französisch-sprechenden Teils Kanadas, dem diesjährigen Gastland der Frankfurter Buchmesse machen möchte, findet hier den Link zum aktuellen Band 279 mit dem vielversprechenden Titel hinter der Taverne setzt sich das Universum fort.

Ich wünsche viel Anregung und Vergnügen bei der Lektüre.

 

Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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3 Antworten zu Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (55)

  1. marinabuettner schreibt:

    Ich halte ja sonst nicht so viel von Corona-Literatur, aber das klingt schon gut …

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