Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (54)

Meine Reise durch die isländische Poesie – diesmal zu Dagur Hjartarson

Island. Grótta. Schwarzer Strand und Blick aufs Meer

Wer die „Wortspiele“ ein wenig verfolgt, weiß um meine Wertschätzung der Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik die horen.

Manch ein Beitrag zur isländischen Literatur ist in ihren inzwischen über 275 Bänden erschienen, zwei Bände widmeten sich ausschließlich der Literatur von der Insel im Nordmeer, zuletzt der Band 242 zum Auftritt Islands als Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse im Jahr 2011: Bei betagten Schiffen – Islands Atomdichter, zusammengestellt von Eysteinn Þorvaldsson und mir.

Der kommende Band (auf den ich mich – in Anerkennung der Arbeit und der Einfachheit halber als Abonnent der horen – bereits sehr freue) mit dem schönen Titel hinter der Taverne setzt sich das Universum fort ist dem diesjährigen Gastland Kanada gewidmet und stellt neue Literatur aus Quebéc vor;  Band 280, vorgesehen für Ende dieses Jahres, wird dann nach längerer Pause wieder einmal  einen größeren Schwerpunkt zur isländischen Literatur enthalten, primär zur Poesie.

Veröffentlicht werden dabei auch ein paar Gedichte eines Autors, den ich bei meinen Streifzügen bislang noch nicht vorgestellt habe: Dagur Hjartarson. Mit einem seiner Gedichte aus dem Lyrikband Heilaskurðaðgerðin / Die Gehirnoperation, übertragen von dem Übersetzer-Duo Gíslason/Schiffer, sei dies hier heute nachgeholt.

HERBSTTIEF

das Herbsttief kommt während der Nacht
und markiert den Baum in unserem Garten
mit einer schwarzen Plastiktüte
wie um den Weg wiederzufinden

und es findet den Weg wieder
schon in der nächsten Nacht
es schreit etwas das keiner versteht
schmeißt Tang und Algen aufs Land
und weitere geflügelte Albträume
aus der Tiefe des Atlantischen Ozeans

am nächsten Morgen ist der Strand
glänzend schwarz
so als hätte jemand versucht
den Weg zu asphaltieren
der hinab in den Abgrund führt

und das ist es warum das Herbsttief
draußen vom Meer kommt
es ist die Stimme derer
die ihren Wortschatz im Wellengang verloren

wir schauen auf die frisch asphaltierte Straße
und warten dass sie an Land kommen

Zur Person: Dagur Hjartarson, wurde 1986 in Fáskrúðsfjörður an der Ostküste Islands geboren, er lebt in Reykjavík. Er veröffentliche bisher eine Sammlung mit Kurzgeschichten, einen Roman und mehrere Gedichtbände; für seinen ersten Gedichtband 2012 wurde er mit dem Tómas-Guðmundsson-Poesie-Preis ausgezeichnet, 2016 wurde ihm der Jón-úr-Vör-Poesiestab zuerkannt. Letzte Buchpublikationen (in isländischer Sprache) u. a.: Heilaskurðaðgerðin, Gedichte, Reykjavík 2017, Við erum ekki morðingjar, Roman, Reykjavík 2019. Das heutige Gedicht ist dem Band Heilaskurðaðgerðin / Die Hirnoperation entnommen.

Faxafloí – die Bucht vor Reykjavík

PS: Den Link zur erwähnten Kanada-Ausgabe der horen findet Ihr / finden Sie hier.

Über Wolfgang Schiffer

Literatur (und alles, was ihr nahe ist) ist m. E. eines unserer wichtigsten Nahrungsmittel. Also zehre ich von ihr und versuche, sie zugleich zu nähren: als Autor, als Übersetzer, als Vermittler und nicht zuletzt als Hörer und Leser.
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4 Antworten zu Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis (54)

  1. Studio Glumm schreibt:

    Den wortschatz im wellengang.. verlieren..

    Ich muss nach island.

  2. marinabuettner schreibt:

    Mir ist, als könnte ich jegliche isländische Lyrik lesen und würde immer auf die ein oder andere Weise berührt.
    Danke!

    • Wolfgang Schiffer schreibt:

      Ja, liebe Marina, vielleicht macht dies auch bei mir die Nähe zu dieser Lyrik aus! Ich bin sehr neugierig, was Du später zu den kommenden Gedichtbänden von Linda Vilhjálmsdóttir und Fríða Ísber sagen wirst! Hab einen schönen Tag, Wolfgang

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